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ihm Zutritt in das Innere der Burg, wo er geraume Zeit brauchte, umdiesmal ohne Lichtdie schon vorher untersuchten Gänge und Treppen wieder zu finden und mittelst der geraubten Schlüssel die verrosteten Türen zu öffnen, die seinem weiteren Vordringen im Wege gewesen waren.

Häufig hat es den Anschein, als sei die Vorsehung mit dem Verbrecher, als ebene sie ihm bereitwillig die Bahn, um das Verderben mitten in das Heiligtum edler Familien zu tragen. Auch Magnus ward auf seiner nächtlichen Wanderung von jener dämonischen Macht beschützt, deren geheimnissvolle Zwecke wir oft erst nach langen langen Jahren begreifen und dann als weise anerkennen müssen. Niemand störte den Grafen in seinem verbrecherischen Vorhaben. Die seit Jahren nicht mehr geöffneten Türen wichen dem leisesten Drucke geräuschlos, und ohne ein einziges Mal zu straucheln, ohne an verdächtig hallende Wände zu streifen, stieg Magnus von Stockwerk zu Stockwerk hinab bis in den von seinen älteren bewohnten Flügel. So erreichte er nach mühseliger Wanderungum der Wahrheit die Ehre zu gebennicht ohne heftiges, oft seinen Atem versetzendes Herzklopfen einen engen Verschlag. Behutsam betastete er alle Wände, bis er auf den kaum fühlbaren Knopf einer Feder stiess, der bei starkem Druck die Wand nach aussen öffnete. Ein zweiter, noch engerer Raum, der sich als ein Wandschrank erwies, nahm ihn auf. Mit Behagen sog er den Duft ein, der aus diesem kaum eine Elle tiefen Verschlage ihm entgegenflutete und seine Seele mit wollüstigen Bildern umgaukelte. Er griff in das graue Gewebe, das er berührt hatte, und die weichen Seiden- und Sammetgewänder, die sich schlangenglatt an seine hände schmiegten, überzeugten ihn, dass ein junges Mädchen hier ihe Kleider aufbewahre. Er trat zurück, schloss die verborgene Tür wieder und setzte sich lauschend auf die letzte Stufe der Treppe, die ihn bis hieher geführt hatte.

Aus einem der früheren Kapitel werden sich unsere freundlichen Leser erinnern, dass Herta die Gewohnheit hatte, gegen neun Uhr die Gemächer ihrer Pflegeältern zu verlassen und in ihrem stillen Zimmer noch eine Stunde oder auch länger mit den edlen, für das Wohl der Menschheit arbeitenden Geistern ihres Volkes zu verkehren. Die letzten Abende musste sie auf diesen Genuss verzichten, da Erasmus ihre ganze Bibliotek besass. Um so erfreuter und von herzinnigem Dank bis zu Tränen gerührt war sie, als ihr heute der Greis, während sie den Tee servirte, ihren kleinen Schatz freiwillig wieder einhändigte. Er sah dabei so mild und dankbar aus, dass in dem klaren Ausdruck seiner Mienen und dem sprechenden blick seines Auges das geständnis lag, er billige die Lectüre seiner Nichte. Herta fühlte dies so schnell und sicher, wie ein Liebender die Erwiederung seiner Neigung, und die geliebten Bücher an ihr Herz drückend, sagte sie mit schönem Feuerauge:

"Nicht wahr, Väterchen, das ist ein Mann, der Schiller! Und die Andern, wie fein, wie lieb, wie voll ruhigen Geistes und lebengebender Anmut sind sie! Das kann nichts Unedles sein, was sie uns sagen und lehren, ob's auch ungewohnt klingen mag! Es muss so geschehen und werden auf dieser schönen Erde mit dem sternengestickten Sammetimmel, wie sie's wagen und wünschen."

"Es sind Gesänge neuer Propheten," versetzte Erasmus mit mildem Ernst, "Propheten, wie sie wohl jedes Volk haben muss und gehabt hat, wenn es gross werden, gross bleiben oder gross sterben soll. Vielleicht bedarf jedes Jahrhundert solcher zürnender Geister, um die Völker immer auszurufen aus Traum und Schlummer, dem sie alle Neigung haben sich hinzugeben. Warum sollte das deutsche Volk eine Ausnahme machen? Versteht es die Sprache dieser Geister, so verdient es sie zu hören. Ich wenigstens werde gewiss der Letzte sein, welcher Stimmen begeisterter Gotteskinder für närrisches Gespött hält und zu unterdrükken sucht. Deshalb stille immerhin Deinen Durst an diesem Springquell heiliger Töne, so lange Du Genuss daran findest."

Ihre Schätze im Arm küsste sie Oheim und Tante die hände, wünschte ihnen mit ihrer Silberstimme gute Nacht und bemerkte in ihrer Seligkeit nicht, dass Utta sich von ihr abwendete und die stolze Hand den frommen Lippen beinahe entzog.

Auf ihrem stillen Zimmer schlug sie unverweilt unter dem Epheudach Schiller's Don Karlos auf und schwelgte noch lange in den stolzen Worten dieses freiheittrunkenen, für das Wohl aller Menschen so hoch begeisterten Herzens. Erst als ihre Augen beim Flackern des Lichtes ermüdeten, legte sie das Buch weg, faltete ihre schmalen hände darüber, wie über einem Andachtsbuche, und sprach mit zum Himmel erhobenen Augen ihr Nachtgebet. Ohne Worte flehete Herta in der Reinheit ihrer Gedanken um Verwirklichung der Ideen, die Marquis Posa vor Don Philipp ausspricht, um allgemeine Freiheit allen Volkes und um Aufhebung jeglichen Elendes, das auf ihm lastet, wie ihr wohl bekannt war. Dann schellte sie. Haideröschen schob schüchtern ihr feines Gesicht durch die halbgeöffnete Tür.

"Immer herein!" sagte Herta fröhlich. "Es ist schon spät, später, als ich gewöhnlich die Ruhe suche. Aber das macht das Glück, von dem ich heute ordentlich überschüttet worden bin. Ich bin ganz aufgeregt; fast besorge ich, nicht schlafen zu können, so zittert mir vor Wonne das Herz! – Und Du, bist Du nicht auch glücklich, mein holdes Röschen? Deine Augen strahlen wenigstens, als hätte sie Dir ein Engel geliehen. Sieh mich immer mit solchen Himmelsaugen an, gutes Kind, dann wollen wir zusammen ein Leben führen, wie im Paradiese. Jetzt hilf mich