1845_Willkomm_143_86.txt

Leder überzogenen Lehnstuhl am Ofen, legte sanft das Schlüsselbund auf seinen Schooss, drehte die Schraube auf, welche den eisernen Reif zusammenhielt, und bog diesen auf halbe Zollweite auseinander. Dann liess er prüfend die Schlüssel durch seine Finger laufen und wählte drei der rostigsten aus, zwei grössere und einen kleinen, die er dem Reif entnahm. Sobald dies mit grösster Vorsicht geschehen war, schloss er den Reif wieder mit der Schraube, hing das Bund an den Haken, versteckte sorgfältig seinen Raub und verliess das Zimmer des Kastellans auf demselben Wege, den er gekommen war. Kaum hatte sich die Gangtür hinter ihm geschlossen, so trat Haspel ein. Nichts liess erraten, dass vor wenig Secunden sein junger Gebieter sich in der Kunst des Stehlens mit so vielversprechendem Erfolge geübt hatte.

In seine Zimmer zurückgekehrt, verschloss Magnus die Tür, legte die drei entwendeten Schlüssel vor sich hin und betrachtete sie lange mit Blicken, in denen eine satanische Freudenflamme zuckte. Dann nahm er gelassen den Riemen seines Hirschfängers und säuberte sie von den ärgsten Rossflecken, worauf er sie wieder zu sich steckte. Die Schlossschelle schlug eben die eilfte Morgenstunde, als er damit fertig war.

Magnus öffnete das Fenster und sah hinab auf den Schlosshof, über dem sich fröhlich zwitschernde Schwalben in dem blauen Luftzelt auf und niederschwangen, das in sonniger Durchsichtigkeit auf den grauen Zinnen der Burg ruhte. Die drei Wenden traten aus der Schlosshalle, ihre Hüte in den Händen, ehrfurchtsvoll den Worten lauschend, die Herta's zierlich gekleidete Dienerin zu ihnen sprach. Dies machte den Grafen stutzig und spannte seine Neugier. Das hübsche Mädchen sprach laut genug, um über den ganzen Schlosshof gehört zu werden.

"Es jst der Wille des gnädigen Fräuleins und unseres guten Herrn Grafen," sagte Emma, "und da fügt Euch nur immer darein. Es wird einmal nicht anders!"

"Wer möchte dies auch wollen, gutes Kind," versetzte Sloboda. "Ich sage ja bloss, dass ich es nicht begreifen kann. Wundert Euch nicht darüber, meine Gute. Wir armen Ungkücklichen, wir finden uns eher zurecht in schwerem Jammer, als in dürftiger Freude. Das kleinste Glück bringt uns gleich aus dem Häuschen. Und wenn ich bedenke, was mein süsses kleines Herzblättchen, mein Röschen, so eben hat ausstehen müssenso vor allen Leutenvor Hoch und Niedrigund ich höre nun, dass das gnädige fräulein sie trotzdem umarmt und geküsst und mit ihr geweint hat über die Strafe, und dass sie von stunde an bei ihr Dienst, Brod und Schutz finden sollseht, da schwindelt's mir vor den Augen und ich kann's nur mit Mühe fassen."

"fräulein Herta tut nichts halb, mein Lieber," entgegnete mit sichtbarem Stolz die Zofe. "Das müsstet Ihr doch eigentlich schon wissen, wenn Ihr Augen und Ohren hättet. Darum lässt sie Euch sagen, es sei Euch erlaubt, Eure Tochter zu jeder Stunde zu sehen. So oft Ihr wollt, könnt Ihr in's Schloss kommen, so lange, bis Alles wegen der Heirat Röschens, die der Herr Graf in Gnaden und gegen Erlegung der üblichen Loskaufskosten genehmigt, in Richtigkeit gebracht sein wird."

"Tausend Dank! Tausend Dank!" stammelte Sloboda gerührt, beide hände des niedlichen Mädchens im Eifer seiner Erregung heftig drückend. Mit einem Ausdruck schmerzlichen Unbehagens entzog diese sich dem riesigen Wenden.

"Schon gut," sagte sie, "ich tue so 'was gern umsonst."

"Ach," fiel Clemens ein, "sagt doch auch dem gnädigen fräulein viele tausend Segensgrüsse von mir, und ich würde für sie beten bei Wachens- und Schlafenszeit und so viel Sterne flimmerten nicht auf der Milchstrasse des himmels, als gute Gedanken für sie in meinem armen Herzen leuchteten und glänzend über sie aufgingen, wie Gestirne an einem hellen Winterabend, und ich liesse sie um alles in der Welt bitten, sie möchte mich nur noch ein aussereinziges Mal ihr mildtätiges Segenshändchen küssen und mein trauriges Auge in ihrem frommen Himmelsblick sich sonnen lassen! Um Gottes willen vergesst das nicht, mein schönes Kind!"

"Gewiss, ich will es nicht vergessen, weil Du ein so höflicher Bursche bist."

"Auch von Pate Ehrhold sagt ihr viele schöne Grüsse, Jungfer, und Gottes Segen möge mit ihr sein allerwärts!"

"Lasst's nun gut sein, Gevatter!" sagte Sloboda. "Es ist Zeit heimgehen, damit wir noch ein paar Stunden an die Arbeit kommen, denn morgen ist Hofetag. Der Herr sei gepriesen, dass ich leichtern Herzens von dannen gehen kann, als ich herkam. Nochmals Gottes Segen auf Seine Gnaden, des alten Herrn Grafen graues Haupt, und Euch, Jungfer, viel fröhliche Tage und einen schmucken Schatz!"

"Ich dank' schön," sagte Emma schnippisch und hüpfte leichtfüssig die breiten Stufen zur Pforte hinan. Die Wenden aber gingen, leise in ihrem Idiom mit einander sprechend, nach dem inneren Burgtore, über dessen crenelirte Mauerzinne ein paar Zacken der colossalen steinernen Grafenkrone heraufragten, welche das stolze Wappen der Boberstein schmückte.

Magnus verfolgte die drei Wenden, bis sie auf dem gewundenen abwärts führenden Wege seinem Auge entschwanden. Seine vorher heitern Gesichtszüge waren jetzt hart und streng geworden und der böse tückische Ausdruck seines Blickes, der in solchen Momenten Entsetzen erregend in ihm aufloderte, schleuderte falbe zuckende Blitze aus den nach innen sich senkenden Augenhöhlen. Ungestüm wendete