Mund. Dann fiel sie wieder in ein stilles Weinen. Clemens liess sie gewähren und strich nur manchmal mit seiner flachen harten Hand über die duftigen Löckchen ihrer blütenweissen Stirn.
Nachdem sich Haideröschen an der Brust des Geliebten ausgeweint hatte, bemerkte sie erst, dass sie barfuss auf den kalten Ziegeln der Halle stand. Schnell bückte sich das arme Kind, raffte die blauen Zwickelstrümpfe mit sammt den blanken Bänderschuhen auf und lief der tür zu, wo ihr Vater und Ehrhold lehnten. Treuherzig reichte sie beiden Männern die Hand und bat sie flehentlich, sie möchten ihr die Schande nicht entgelten lassen, die sie unwillkürlich über ihre Angehörigen gebracht habe. Es hätte jedoch solcher Bitte nicht bedurft, denn den beiden ernsten Männern war es nie eingefallen, das arme Mädchen anzuklagen. Jan zog sie an sich und küsste sie auf die Stirn und Ehrhold nahm ihre kleine Hand und legte sie in die seines Sohnes, um der Zweifelnden durch die Tat zu beweisen, dass er sie gern und freudig als Tochter begrüssen wollte.
Beruhigt setzte sich nun Haideröschen auf die Holzbank, womit die Wände rundum bekleidet waren, und beeilte sich, die frierenden Füsschen mit Strümpfen und Schuhen wieder zu bekleiden. Noch damit beschäftigt, sagte sie zu ihrem Vater:
"Nicht wahr, ich darf wieder mit Euch heimgehen? Denn das liebe gnädige fräulein wird mich jetzt, nun ich eine solche Strafe habe erleiden müssen, nicht mehr um sich sehen mögen."
"Ich werde Dich in der Haide verbergen, mein Kind," versetzte Sloboda.
"Und Clemens sieht schon darauf dass mir der junge Herr nicht wieder nachstellt," meinte Haideröschen lächelnd.
"Warum lässt unser Herrgott solche Menschen leben, und die besten, die frömmsten, die gütigsten sterben hin wie Mücken! Da kräht kein Hahn drüber."
"Nach Regen folgt Sonnenschein, Jan! Lass uns hoffen und stark bleiben!" sagte Ehrhold.
Haideröschen hatte die Schuhe angezogen und strich die üppig vorquellenden goldenen Haare unter das reine Linnenhäubchen zurück.
"Nun da können wir aufbrechen, denke' ich," sagte sie mit einem Anfluge von Munterkeit. "Ein Frühstück setzt uns die herrschaft schwerlich vor."
Jan schlang den Arm um den Nacken seiner Tochter und sah ihr still in die grossen hellen Kinderaugen.
"Gott erhalte mir nur Dich!" sagte er gerührt. "Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn Du mir genommen oder verführt würdest! Alles Andere, allen Kummer, Not und Elend und Druck will ich ertragen, aber Dich, mein süsses, duftendes Veilchen, das einzige Erbe meines guten Weibes, Dich kann ich nicht entbehren, ohne den Verstand zu verlieren."
Sloboda überschritt die Schwelle der Halle und wollte eben die wenigen Stufen hinabsteigen, die in die geräumige Flur der Burg führten. Da hörte er laut den Namen seiner Tochter von einem Bedienten hinter sich rufen, der eilenden Laufes die eichene Wendeltreppe herab stürmte. Die Wenden blieben stehen.
"Was befiehlt der gnädige Herr Graf?" fragte Clemens.
"fräulein Herta will Röschen Sloboda sprechen."
Die Augen des Mädchens glänzten vor Freude und Dank. "O sie ist gut!" rief sie aus, ihre hände faltend. "Ihr dürfen wir und Alle, die unglücklich sind, vertrauen. Wartet auf mich, bis ich zurückkomme oder Euch Antwort sagen lasse."
Sloboda nickte beistimmend und Haideröschen stieg gesenkten Hauptes, fromme Wünsche für das gute fräulein in sich tragend, hinter dem Bedienten die Wendeltreppe in das alte Schloss hinauf.
Sechstes Kapitel.
Ein Bubenstück.
Der grossen Schlosshalle gegenüber, in welcher Haideröschen die schmählige Strafe erlitten hatte, lag die wohnung des Kastellans. Ein gewölbter finsterer gang, der für Unbekannte auch bei hellstem Sonnenschein nur mit einer Leuchte zu finden war, führte in den zweiten Flügel des Schlosses, wo Magnus seine Zimmer hatte. Diesen gang benutzte der Kastellan, wenn ihm sein Amt in diesem Teile des Schlosses etwas zu tun gab. Magnus kannte diese Verbindung sehr genau und stand von früherer Zeit her mit dem alten Haspel, wie der Kastellan hiess, auf leidlich gutem fuss, obwohl neuerdings der grade Sinn des Alten sich gegen die Lasterhaftigkeit des reichen jungen Herrn auflehnte.
Eine Stunde nach der Strafscene begab sich Magnus durch den erwähnten gang in Haspels wohnung. Er fand sie leer. Hatte er dies auch nicht erwartet, so freute er sich doch darüber, denn zu seinem Geschäft, das er mit Haspel abmachen wollte, war Einsamkeit weit vorteilhafter. Er hätte lügen müssen, wenn er im Falle der Anwesenheit des Kastellans seinen Zweck erreichen wollte, und dies fiel ihm gerade jetzt etwas schwer.
Horchend blieb der junge Mann einige Secunden lang an der Tür stehen, bis er sich überzeugt halten konnte, dass ihn Niemand sehe, Niemand höre. Dann schlich er quer über die stube bis an den bunten Kachelofen, der zur Hälfte in die Mauer eingeschoben war, damit er noch ein kleineres Gemach, wo die Diener hausten, zugleich mit erwärme. In einem an den Ofen stossenden und etwas gegen die Tür vorspringenden Pfeiler war ein starker Haken angebracht. An diesem hing ein gewaltiges Schlüsselbund mit vielen blanken und verschiedenen verrosteten grossen und kleinen Schlüsseln. Magnus griff danach und hob es behutsam, damit es nicht klirre, von dem Hacken. Wieder zauderte und horchte er, aber es blieb draussen im Flur wie auf dem Hofraum und im Zimmer der Diener mäuschenstill.
Nun setzte sich der Graf auf den alten mit brüchigem