Gründe berücksichtigen werden."
Ruhig versetzte dagegen Erasmus: "Mein Urteilsspruch bleibt in Kraft. Ich habe ihn gefällt nach reiflicher überlegung und wünsche, dass Du die geheimen Beweggründe, die mich dazu veranlassen, Dir selbst sagst, damit ich mich nicht genötigt sehe, sie Dir einzeln hier vor diesen Leuten ins Gedächtniss zu rufen. – Frohnknechte, vollzieht das Urteil und legt die Wendin in den Stock!"
Bleich vor Zorn und mit zitternden Lippen trat Magnus zurück. Zugleich ergriffen zwei Knechte des Grafen das schlanke Mädchen und führten es zu dem Eichenblocke, der an der Wand der Halle stand. Haideröschen folgte willig und schweigend wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank schleppt. Nur die häufigen Tränen, die in schmalen Silberbächen über die mattroten Wangen herabrieselten, zeugten von dem Kummer ihres Herzens, von der Schaam, die sie verzehrte. Denn im Stocke gelegen zu haben, war eine Schmach für Jeden, zumeist für ein junges Mädchen, das im Begriff stand, einem ehrlichen Burschen ihre Hand als Gattin zu reichen. Sie sah jetzt ihr ganzes kleines Glück zertrümmert, ihre Zukunft, die sie sich in rührender Genügsamkeit so freundlich ausgemalt hatte, für immer verdüstert. Kein ehrlicher Wende, glaubte sie, würde ihr jetzt einen Tanz mehr antragen, Clemens werde sie verlassen, sie fliehen, wie eine Aussätzige, und jedes Schutzes bar werde sie in die Schlingen des boshaften Blauhuts fallen, der sich, wie sie deutlich durch ihre Tränen bemerkte, an ihrem Jammer weidete.
Sie musste sich Schuhe und Strümpfe ausziehen, während die Knechte den schweren Block abhoben. Dann nötigte man das geduldige Kind auf den kältenden Ziegelboden niederzusitzen und die zartgeformten Füsse bis über die alabasterweissen Knöchel in die Löcher des Eichenpfostens zu legen, worauf die Knechte die abgenommene Hälfte des Blockes wieder aufsetzten, mit starken Klammern an den untern Klotz anschlossen und die arme kleine Wendin unbarmherzig zwischen beide Klötze einklammerten. Haideröschen ward durch diese Strafe in eine höchst unbequeme Lage versetzt. Da sie nur von mittlerer Frauengrösse, der untere teil des Stockes aber bis zu den Oeffnungen fast eine halbe Elle vom Fussboden erhoben war, konnte sie sich nur mit grosser Anstrengung aufrecht erhalten. Doch würde sie dies mit Geduld ertragen haben, da ihre Seele tausendmal mehr litt, als ihr Körper, dass aber durch diese Stellung ihre jungfräulichen Glieder bis an die Knie entblösst wurden und dass die lüsternen Blicke des schadenfrohen Grafen Magnus an ihren entüllten schönen Formen sich ungestraft weiden durften, das presste ihr Herz zusammen und raubte ihr beinahe alle Besinnung.
Sobald die Straffällige in den Stock gelegt war, liess sich Erasmus zurück in sein Zimmer tragen. Man sah es ihm an, dass er diesen Ausgang nicht erwartet hatte und sehr unzufrieden mit der Wendung war, die die ganze Angelegenheit genommen. Er zürnte sogar der kleinen Wendin, die ihre eigene Schüchternheit gegen seinen Willen so hart büssen musste. Darum sah er sich auch weder nach ihr noch ihren Begleitern um, die mit entblössten Häuptern, den Riemen der Knechtschaft um die Stirn gewunden, lautlos auf der Schwelle standen und mit Betrübniss das weinende Mädchen im Stocke betrachteten. Glücklicherweise fanden sich ausser der zahlreichen Dienerschaft des Grafen keine Neugierigen ein, um die Bestrafte anzuglotzen oder wohl gar zu verhöhnen. Nur Magnus blieb in der Halle und wanderte eine volle Stunde mit verschränkten Armen an Haideröschen auf und nieder, eben so begehrliche als wütende Blicke auf sie heftend. Die Unglückliche fühlte die Glut seiner bösen Augen, obwohl sie nicht zu ihm aufzublicken wagte, und weil sie ahnte, dass ihre Erniedrigung ihn ergetzte und die nackten Glieder seinem Herzen ein Labsal seien, tat sie sich die entsetzliche Gewalt an, eine volle Stunde ohne die geringste Bewegung in derselben qualvollen Stellung zu verharren. Man würde sie für tot gehalten haben, wäre nicht in bald längeren bald kürzern Pausen ihrer Brust ein schwerer Seufzer entschlüpft und hätte man nicht das heftige fieberhafte klopfen des züchtig verhüllten jungen Busens gesehen.
Die Stunde dünkte Haideröschen allerdings eine Ewigkeit, indess sie verging und mit einem unbeschreiblichen Wonnegefühl sah sie die Knechte wieder nahen und sie aus dem Blocke erlösen. Als sie sich aufrichtete, traf ihr scheues Auge wie ein Weheruf den jungen Grafen, der mit seinem kalten, festen Lächeln in den dämonisch schönen Zügen vor ihr stand und sich höflich verbeugte. Zu ihrem unsagbaren Erstaunen reichte ihr Blauhut die Hand und sagte:
"Jetzt Versöhnung, liebes Röschen! Ich trage keinen Groll mehr gegen Dich in mir. Du hast gebüsst, das genügt mir. Von heute an bin ich wieder Dein gnädiger, gütiger, Dir wohlwollender Herr!"
Haideröschen war sprachlos vor Erstaunen. Magnus musste ihr seine Hand aufdringen, was sie zwar geschehen liess, doch ohne den sanften Druck zu erwiedern, den sie fühlte. Selbst auf den Gruss, mit dem er von ihr ging, zu danken, vergass sie vor Verwunderung und Entsetzen.
Dagegen jauchzte sie innerlich auf vor Frende, und süsse, fromme Klänge, wie heiliges Glockengeläut, das zur Kirche rief, ging durch ihre Seele, als sie jetzt eine Hand sich sanft auf ihre Schulter legen fühlte und beim Umwenden ihr noch von Tränen feuchtes Auge auf das gutmütige Gesicht des Geliebten fiel, der, sie sanft rüttelnd, ausrief: "arme Röse, nun hast Du's überstanden und bist wieder mein!"
Sie warf sich jubelnd an die breite Brust des jungen Wenden, und ohne dass er sie darum bat, drückte sie die heissen vor Schmerz und Wonne bebenden Lippen an seinen