Hat Dich mein Sohn nicht aus der Mitte Deiner Freunde mit Gewalt entführt?"
"Das ist freilich wahr, aber nachher sagte mir der junge gnädige Herr, dass er es getan habe, um mir schöne Kleider machen zu lassen."
"Und hast Du ihm verziehen?"
"Warum nicht? Er war nachher recht gütig gegen mich."
"Aber späterhin drohte er Dir, nicht wahr, und deshalb ergriffst Du einen Leuchter, um Dich gegen ihn zu verteidigen?"
Hier stürzte Röschen auf die Knie, erhob flehend die gefalteten hände zu dem Grafen und rief: "Sein Sie gnädig, Herr Graf, dass ich so arg gefehlt habe! Ich wusste ja nicht, dass ich den guten jungen Herrn treffen würde. Ich fürchtete mich so sehr!"
Erasmus hiess die Wendin aufstehen und betrachtete sie schweigend. "Eine andere Klage hast Du also wirklich nicht gegen den Grafen Magnus vorzubringen?" fragte er nach einer Pause.
"Gewiss und wahrhaftig nicht!"
"Sie sehen, mein Vater," fiel Magnus ein, "dass man Ihnen unartige Mährchen erzählt hat. Es ist vollkommen wahr, was die kleine Wendin behauptet. Ich entführte sie, wenn man einen Scherz Entführung nennen will, weil ich ihr eine ihren Naturgaben angemessene Erziehung zu geben gedachte, und, ich gestehe es, weil mich der offene Widerstand verdross, den ihre Angehörigen meiner Forderung entgegensetzten. Als Ihr Sohn und Erbe, mein Vater, glaubte ich das Recht zu besitzen, eine Ihrer Leibeigenen gleichsam leihweise mir zur Dienerin auswählen zu dürfen. Diesen Eingriff in Ihre Rechte, wenn mein Verfahren ein solcher ist, hat sie hart an mir gerächt. Die Kopfwunde, welche ich trage, zeugt noch von der dämonischen Wut, die in ihr kochte, und von der aufsätzigen Gesinnung, die seit einiger Zeit unter Ihren Knechten, mein Vater, sich geltend macht. Gern wollte ich der kleinen schönen Sünderin ihr Unrecht gegen mich verzeihen, forderten nicht Gesetz und Recht, dass man ihr Verfahren bestrafe. Ein Leibeigener, der frevelnd seine Hand gegen den Herrn erhebt, darf nicht frei ausgehen, wenn ähnliche Verbrechen in Zukunft unterbleiben sollen. Aus keinem andern grund trage ich auf exemplarische Bestrafung des Mädchens an."
Erasmus ward durch das furchtsame Schweigen der Wendin in nicht geringe Verlegenheit gesetzt, da es nicht nur nicht in seiner Macht stand, Haideröschen freizusprechen, sobald sie sich selbst schuldig bekannte, sondern ihm auch alle Aussicht sich als milden Gebieter seiner Untertanen und als strengen Richter gegen sein eigenes Haus zu zeigen, damit gänzlich abgeschnitten ward. Er hatte grade auf das Gerechtigkeitsgefühl und die Naivetät des unverdorbenen Mädchens am meisten gehofft, und darauf hin allein diesen öffentlichen Weg eingeschlagen, und nun sah er seinen wohl überlegten Plan an der Schüchternheit und Herzensgüte der Wendin scheitern. Rechnen wir noch dazu, dass ihm die Richtigkeit der Bemerkungen seines Sohnes einleuchtete, und dass er, obwohl grade, bieder und durchaus rechtlich gesinnt, keineswegs offenem Umsturze des Bestehenden und rohem Aufstande das Wort reden wollte, so blieb ihm nichts übrig, als sich den Umständen zu fügen und Haideröschen für ihr Vergehen wirklich zu bestrafen, obwohl dasselbe nur die allergerechteste Notwehr gewesen war.
"Besinne Dich wohl, Röschen," nahm er nach einiger Zeit wieder das Wort .. "Bist Du hart und unehrerbietig von diesem jungen Mann behandelt worden, so sage es mir. Es soll Dir Niemand ein Haar krümmen bei meinem gräflichen Wort!"
Allein auch auf diese nochmalige dringende und in väterlich bittendem Tone an die Wendin gerichtete Aufforderung schüttelte Haideröschen den Kopf, indem sie unter rinnenden Tränen sprach: "Seine Gnaden haben mich behandelt, wie eine Magd, nicht anders, aber ich fürchtete mich vor seiner flehenden Miene. und darum schlug ich ihn."
Magnus triumphirte. Sein glänzendes Auge begegnete dem blick seiner Mutter, die neben Herta auf der Gallerie sass und mit stolzer Verachtung auf die demütigen Wenden hinabsah.
Ein vergnügtes Lächeln ging über ihr Gesicht und grüssend erhob sie graziös die Hand mit dem Fächer, der häufig von ihr auf- und zugeklappt wurde.
"Es tut mir leid, mein Kind," versetzte Graf Erasmus nach diesem Geständnisse des geängstigten Mädchens mit sichtbarem Verdruss, "dass ich Dir eine gelinde Strafe für das gewalttätige Benehmen gegen meinen Sohn zuerkennen muss. Deine Jugend, Deine Unerfahrenheit und die offenbar ungewohnte Lage, in welcher Du Dich befunden, mildern mein Urteil, das nach dem Buchstaben des Gesetzes weit härter lauten würde. Meine Frohnknechte werden Dich eine Stunde in den Stock legen, diese Strafe durch Anschlag an dem Burgtore und in Deinem Geburtsorte bekannt machen und Jedem freien Zutritt gestatten, der Dich in dieser demütigen Lage sehen will."
Bei diesem Urteilsspruche stiess Herta einen lauten Schrei aus und fiel entkräftet Gräfin Utta auf die Schulter. Entrüstet über ihre empfindsame Nichte, rief die stolze Frau die Zofen herbei, um die Ohnmächtige deren Pflege zu übergeben.
Zugleich trat Magnus seinem Vater einen Schritt näher.
"Wie," sagte er, "eine Stunde im Stock soll die Strafe für diese freche Dirne sein, die mir den Hirnschädel mit dem gewichtigen Leuchter zerschmettern konnte? Ich protestire gegen diesen Spruch, mein Vater, im Namen aller edlen, die sich in mir entehrt sehen. Den Pranger hat das ungehorsame geschöpf verdient und eine Tracht Rutenstreiche auf den entblössten Sclavenrücken unter Zusammenruf aller Leibeigenen auf dem Schlosshofe! Ich trage darauf an und erwarte, mein Vater, dass Sie meine