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, dem erhaltenen Befehle pünktlich nachzukommen. –

Inzwischen waren die drei Wenden, Jan Sloboda, Ehrhold und Clemens, auf Erasmus Geheiss in die erwähnte Schlosshalle gerufen worden. Diese Halle lag im Erdgeschoss rechts von der Eingangspforte. Sie war gotisch gewölbt und erhielt durch drei schmale gotische Fenster mit runden erblindeten Scheiben ihr Licht. Eine grosse Flügeltür von gewaltigen eichenen Pfosten schied sie von der Flur. Doch war diese Tür in der Regel geöffnet, weil aus der Halle eine aus Eichenholz geschnitzte Wendeltreppe in Form eines runden Turmes in das erste Gestock hinaufführte und dieser Aufgang zu den Zimmern des Burgherrn näher war als auf der breiten Freitreppe von Sandsteinquadern im Flur. Die Schlosshalle war mit bunten achtekkigen Kacheln und Ziegeln gepflastert und an den Wänden etwa drei Ellen hoch mit einer Verschaalung von Eichenholz eingefasst, an der sich breite Bänke hinzogen. In der Mitte stand ein grosser langer Tisch, ebenfalls von Eichenholz und wie für die Ewigkeit gezimmert, und der hohen Eingangstür gegenüber sah man an der Wand einen langen über drei Fuss hohen eichenen Klotz aufgerichtet, der mehrere runde Oeffnungen hatte, die etwa vier Zoll im Durchmesser halten konnten. Dieser Klotz war der "Stock," das gewöhnliche Werkzeug, welches die ländliche Gerechtigkeitspflege bei Bestrafung leichter Vergehen damals anzuwenden pflegte, und das Vorhandensein dieses "Stockes" in der Halle bewies, dass man dieselbe in vorkommenden Fällen stets als Gerichtszimmer benutzte.

An der einen Wand der Halle, den Fenstern gegenüber war eine Art Empore oder Gallerie angebracht, zu welcher eine Treppe führte. Auf dieser pflegten sich bei solchen Gelegenheiten, wo der Schlossherr den Richtern der ihm untergebenen Ortschaften feierlich seine Verordnungen und Befehle bekannt machte, die Mitglieder seines Hauses zu versammeln. Dasselbe fand bei Gerichtsverhandlungen statt und auch jetzt nahmen die alte Gräfin nebst Herta bereits ein paar Stühle mit geschnitzten hohen Holzlehnen ein, die zu diesem Behufe auf der Gallerie vorhanden waren.

Der Graf selbst hatte sich von seinen Dienern in die Halle hinab tragen lassen und sass als Richter an dem erwähnten eichenen Tische. Rechts von ihm unweit der Tür hatte Haideröschen bleich und zitternd Platz genommen, während die Wenden und die Dienerschaft an der Schwelle zur Halle mit entblössten Häuptern standen und ehrfurchtsvoll der Eröffnungen harrten, die ihnen der Graf machen würde.

Erasmus beauftragte so eben seinen Kammerdiener, nachzusehen, wo sein Sohn bleibe, als Magnus auf der Wendeltreppe erschien und dem Anscheine nach vollkommen harmlos in die Halle hinabstieg. Er trug sein gewöhnliches grünes Jagdkleid, der kleine dreieckige blaugraue Hut sass schief auf den Locken seines frisch gepuderten Haares. Erst als er in die Halle trat, nahm er ihn ab, grüsste mit verbindlichem Lächeln nach der Gallerie hinauf und verbeugte sich dann gegen den Grafen, indem er an die schmale Seite des Tisches trat und den Fenstern den rücken zukehrte.

"Sie haben befohlen, mein Vater," sagte Magnus,

"und aus der Bereitwilligkeit, mit welcher ich Ihren Befehlen gehorche, mögen Sie ersehen, welches Vergnügen es mir gewährt, Ihnen gefällig zu sein."

Diese Worte, obwohl lächelnd und mit Grazie ge

sprochen, entielten doch einen offenbaren Hohn, denn die Versammelten hatten geraume Zeit auf den jungen Grafen warten müssen und deutlich geung die langsamen Schritte gehört und das Zögern gesehen, womit er die Treppe herunterstieg. Erasmus gab sich nicht die Mühe, seinem ungeratenen Sohne zu antworten, da er voraussah, dass ein Wortkampf daraus entstehen würde, der hier zu nichts führen konnte. Er wendete sich vielmehr sogleich an die junge Wendin und redete sie freundlich und leutselig an:

"Sage mir jetzt, mein Kind, ganz offen und ohne

Scheu, wie Du heisst?"

Furchtsam stammelte Haideröschen ihren Namen,

die schönen Augen fest auf die bunten Ziegeln heftend.

"Du bist ihr Vater, Jan Sloboda?" fragte Erasmus

weiter.

"Ja, ja, gnädigster Herr Graf, das arme Ding ist

mein liebes liebes Kind. Ihre Muttertröst' sie Gottwar just eben so munter und zierlich, als ich sie kennen lernte vor einem Vierteljahrhunderte."

Der Graf winkte dem Wenden, dass er schweigen solle, und kehrte sich wieder zu dem zaghaften Mädchen.

"Kennst Du diesen jungen Mann?" fragte er, auf seinen Sohn zeigend.

"Ach gewiss kenne ich ihn!" seufzte Röschen. "Es ist ja Ew. Gnaden gnädiger Herr Sohn."

"Ich höre, Röschen Sloboda, dass Du eine Klage gegen meinen Sohn angebracht hast, ich fordere Dich auf, diese in allen ihren Einzelnheiten jetzt hier zu wiederholen."

Purpurglut übergoss Gesicht und Nacken der Wendin, sie blickte einige Male scheu auf nach dem Grafen, schlug aber die Augen sogleich wieder zu Boden und schwieg. Magnus, der seinen scharfen Geierblick keine Sekunde von Röschen verwendete, lächelte ironisch.

"Rede, mein Kind, der gnädige Herr Graf will es," flüsterte ihr Sloboda zu, allein dem geängstigten Mädchen war die Zunge wie gelähmt; sie brachte nur unverständliche, stotternde Worte heraus.

"Besinne Dich und nimm Dir Zeit," redete sie Erasmus wieder äusserst freundlich an. "Ich will Dir wohl, arme Kleine, und verspreche Dir, geschehenes Unrecht so viel wie möglich wieder gut zu machen. Hat Dich Graf Magnus unwürdig behandelt?"

"Ach nein, nein, Ew. Gnaden, wie wäre das möglich!" stiess Röschen heraus, während verdoppelte Glut ihr zartes Kindergesicht überflammte.

"Ich sagte es ja," fiel Magnus lächelnd ein.

"