ihn stehen bleiben. Ein dünner Luftzug, der von rechts durch eine schmale hohe Tür hereinblies und die Flamme des Lichts niederwärts krümmte, erregte seine Aufmerksamkeit. Er stellte den Leuchter in eine Mauerblende zur Seite, drückte gegen die Pforte und öffnete sie. Der dunkle Nachtimmel mit seinen flimmernden Sternen fiel herein in den düstern gang und übergoss mit weichem Glanz die dämonischen Züge des Grafen.
Magnus trat hinaus auf die Zinne des Schlosses, die rund um die weitläufige Burg lief und von einer ziemlich hohen Brustwehr geschirmt war. Unter ihm lag der See, schwarz und still, nur erleuchtet von den Sternbildern, die sich in ihm spiegelten. Darüber in unabsehbarer Ausdehnung dunkelte die Haide. Ein geisterhaftes Rauschen klang von ihr herüber und bewegte leis die dunklen Kronen ihrer Millionen Bäume. Hie und da schoss eine Sternschnuppe nieder, bei deren dunstigem Leuchten fern und nah grauweisse Rauchsäulen über dem endlosen Baummeere sichtbar wurden, die sich erst hoch in der Luft ausbreiteten und dann wie zartes Piniengeäst majestätisch in den Nachtimmel hinaufwuchsen. Von Zeit zu Zeit dröhnte ein dumpfes Krachen aus der Haide und erstarb in matten Echolauten. Dann kreischten Uhu und anderes Gevögel laut auf und schwarzes Gefieder ward momentan sichtbar über den zitternden Wipfeln.
Graf Magnus liess sein brennendes Auge bald auf dem See, bald auf dem schwarzen Saum der Haide ruhen, indem er langsam nach einem der vier Ekktürme ging, die mit ihrem braunen Mauerwerk weitin die Haide überragten. Bei jedem dieser Türme wand sich in das Gestein gesprengt eine schmale Treppe bis auf die Felsen der Insel hinab, wo sie mit den tiefen Verliessen und Kellern des Schlosses in Verbindung stand. Von Aussen konnte auch das schärfste Auge diese Felsenstiege nicht entdecken, was in früher vorgekommenen Befehdungsfällen für die Bewohner der alten Burg sich als höchst vorteilhaft erwiesen hatte. Jetzt hatte Niemand mehr Acht auf diese feudalistisch-praktische Befestigungsart. Die Stufen waren zum teil zerbröckelt und der ganze beschwerliche Weg nur mit einiger Anstrengung noch gangbar.
Magnus beschlich das Gelüst, auch diese Treppe wieder einmal zu betreten. Als er aber den Fuss auf die erste Stufe setzte, zitterte die Melodie eines Gesanges von der Haide herüber. Er blieb stehen. Die Worte konnte er nicht vernehmen, allein Ton und Weise des Gesanges sagten ihm, dass ein später Wanderer eines jener zahllosen wendischen Lieder singe, die unter dem Namen "Feldlieder" bekannt sind und vom volk bei der Arbeit auf Feld und Wiese erst gedichtet, dann nach selbst dazu erfundener Melodie gesungen werden. Der nächtliche Sänger hatte eine kräftige, klangreiche Tenorstimme, die mit dem heiligen Rauschen der Wälder eigentümlich harmonirte. Nach einigen Minuten verhallte der Gesang in der Ferne und die vorige tiefe Ruhe trat wieder ein.
Den jungen Grafen überfiel plötzlich ein Frösteln. Er schauerte in sich selbst zusammen, und obwohl er von natur durchaus nicht furchtsam war, kam es ihm auf der öden Zinne seines Stammschlosses jetzt doch unheimlich vor. Es war ihm, als habe der Schutzgeist der uralten Türme und Giebel seine stimme erschallen lassen und als fühle er noch seine unsichtbare Nähe. Schneller, als zuvor, ging Magnus zurück, schloss mit einiger Hast die Luckentür und kam, in kalten Schweiss gebadet, auf seinem Zimmer an. Hier ging er noch lange auf und nieder, ehe er sich ruhig genug fühlte, um sich den schirmenden Armen des Schlafes anvertrauen zu können.
Am nächsten Morgen erweckte ihn Hundegebell. Als er in den Schlosshof hinabsah, bemerkte er Haideröschen inmitten ihrer nächsten Anverwandten. Dieser Anblick jagte ihm das wilde Blut ins Gesicht und vergegenwärtigte ihm die vergangenen ärgerlichen Auftritte, die jetzt einen so peinlichen Ausgang verhiessen.
Die Flucht der schönen Wendin von seinem Besitztume war ihm in jeder Hinsicht verdriesslich, am meisten aber deshalb, weil es nach dem, was zwischen ihm und dem Mädchen vorgefallen war, ganz den Anschein haben musste, als sei er ein verworfener Bösewicht. Ob ihn das Volk im Allgemeinen dafür hielt, darum kümmerte er sich nicht. Er machte überhaupt kein geheimnis aus seinen Gelüsten. Dass er aber gerade in einer Angelegenheit, wo er sich einer bessern Absicht, wenigstens in jenem Augenblicke bewusst gewesen, als frevelhafter Verführer erscheinen musste, dies verdross ihn über die massen und erzeugte jetzt einen Hass gegen Haideröschen, wie er ihn gegen sonst Niemand empfand noch je empfunden hatte. Je mehr er sich dessen bewusst ward, desto fester bildete sich in ihm ein Racheplan gegen das arme Mädchen aus, an dessen Verwirklichung er jedoch nur dann zu gehen sich gelobte, wenn seine eigene Ehre auch nur leise durch ihr Betragen gekränkt werden sollte. Diess war indess bloss ein jesuitischer Kniff, mit dem er sein Gewissen retten wollte, in seinem geheimsten inneren war es längst fest beschlossen, die widerspänstige Leibeigene zu verderben, weil sie gewagt hatte, ihm zu widerstehen, ja ihn sogar zu verklagen und Schutz gegen ihn zu suchen.
Verächtlich liess Magnus seine Blicke über die drei wendischen Männer gleiten, die unter dem gotischen Portal der Burgtür stehen blieben und leise mit einander sprachen, während Haideröschen allein das Innere des Schlosses betrat. Er kleidete sich gemächlich an, schellte dem Diener und befahl das Frühstück, das er mit gutem Appetit verzehrte. Er wunderte sich, dass sein pünktlicher, strenger Vater so lange auf sich warten liess und glaubte schon, er könne sich wohl gar anders besonnen haben, als ein Bedienter ihm den Befehl des Grafen Erasmus überbrachte, sich schleunigst in die untere Schlosshalle zu verfügen. Magnus nickte vornehm mit dem kopf beeilte sich aber keineswegs