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aus und schloss ihn fest an seine Brust. Paul aber begann mit bewegter, halblauter stimme eines jener langen, aus einer Menge Bibelsprüche und Liederversen zusammengesetzten Gebete, worauf die Landleute besonders viel halten, herzusagen. Andächtig und gemessen wiederholte der Greis jeden Satz, und wer diese beiden in hoffnungreiches Gebet tief Versunkenen so treuherzig und kindlich gläubig einander umschlingen gesehen hätte, der würde nicht ungerührt vorüber gegangen sein und, wäre er ein Verächter des Glaubens gewesen, vielleicht mit dem Seufzer des Zöllners an seine Brust geschlagen haben.

Wohl eine Viertelstunde beteten Grossvater und Enkel. Dann küsste Paul die faltige Stirn des Greises und Beide legten sich wieder auf die harte, prunklose Streu. Noch hörten sie eine Zeitlang das raschelnde Brüseln des feinen Regens an den Fensterscheiben, zählten die Tropfen, die in gemessenen Pausen durch eine schadhafte Stelle des Daches über ihnen auf einen metallenen Gegenstand fielen, und versanken dann unmerklich in einen erquickenden traumlosen Schlummer, aus dem sie erst durch das Knarren der Tür wieder erweckt wurden, welche zur kammer des Wirtes führte.

Drittes Kapitel.

Der Todtenstein.

Ein kühler Nordwestwind hatte über Nacht die Regenwolken zerstreut und die rein und klar aufgehende Sonne verhiess einen schönen Tag. Mit freundlichem "guten Morgen!" grüsste der Wirt seine Gäste, die schnell aufstanden und die Strohhälmchen, welche an Haaren und Kleidern hängen geblieben waren, abschüttelten.

"Ihr habt eine ruhige Nacht gehabt unter meinem dach, will ich hoffen?" sprach der Wirt, klappte den Deckel des Ofentopfes auf und fuhr mit beiden Händen in das noch laue wasser. "Schönes Reisewetter heute und gute Haidewege! So ein anhaltender Nachtregen ist der beste Wegausbesserer. Ihr findet harten Sand bis an die bergigen land hin."

Ohne die Antwort der Reisenden abzuwarten, schlug er den kupfernen Deckel jetzt drei Mal laut schallend zu, worauf die hübsche Magd vom vorigen Abend den Kopf zur Tür hereinsteckte und nach seinem Begehr fragte.

"Zünde Feuer an, Lene!" befahl der Wirt, "Der Morgen ist schaurig, und ehe die Sonne über die Haide geht, fegt uns der Wind die ganze stube aus. Du kannst auch ein Kienfeuerchen anmachen der Heimlichkeit wegen und hörst Du, sag' dem Knecht, er solle das faule Judenpack wecken und ihm die Pferde unserer Nachtgäste anschirren helfen! Ihr wollt doch bei zeiten aufbrechen," fuhr er, zu dem Greise gewandt, fort, "oder habt Ihr Euch anders besonnen?"

"Mein Beschluss steht fest. Sobald der Fuhrmann gefüttert hat, brechen wir auf."

"Doch zuvor esst Ihr noch ein paar Löffel frische Grützsuppe. Die Lene versteht sich auf die Kocherei, wie selten eine Dirne. Euer Lebtage, sag' ich Euch, habt Ihr in Polen keine solche Grützsuppe gegessen, wie ich sie Euch vorsetzen werde."

Dankbar nahmen die Reisenden diesen Vorschlag an und gaben gern schon dem freundlichen Wirte zu Gefallen zu, dass die genannte Morgenspeise untadelig und überaus vortrefflich sei. Nach diesem derben kräftigen Frühstück berichtigte der Greis die billige Zeche und verabschiedete sich von dem Schenkhalter.

"Habt Dank," sprach er, "für Quartier, Kost und gute Auskunft, die Ihr mir gegeben. Der Herr vergelt's Euch tausend Mal, und sollten wir uns einmal wieder zusammenfinden, will's Gott, so möge unser Wiedersehen ein recht fröhliches sein. Behüt' Euch Gott!"

"Reis't glücklich, alter Vater, und macht gute Verrichtung! Aber sagt, wollt Ihr mich so fremd wieder verlassen, als Ihr in mein armes Haus getreten seid? Es ist Sitte bei uns, dass ein Nachtgast seinen Namen zurücklässt. Also, wie nennt Ihr Euch?"

"Jan Sloboda," versetzte der Greis. "Der Name erlöscht mit meinem tod, da ich keine männlichen Nachkommen habe."

"Gottes Segen auf Euer Haupt, Jan Sloboda!" rief der Wirt, schüttelte dem Alten wiederholt die Hand und half ihm in das zerbrechliche Fuhrwerk steigen, das bereits vor der Tür auf die Reisenden wartete. Der schmächtige jüdische Knabe sprang auf den Wagentrim der Kutscher pfiff den Pferden und in munter Trabe ging es fort an dem Wiesenrande hin in die rauschende, harzduftige Haide hinein.

Der sandige, vom Nachtregen festgeschlagen Weg führte dicht an den grossen Teichen von über, die alle nur durch schmale Dämme getrennt waren und mittelst Schleussen mit einander in Verbindung standen. Zusammen bildete sie eine ansehnliche Wasserfläche, die auf alle Seiten von der dichtesten Haide umschlossen ward. Ein paar Vorwerke, Torfhütten und ein Forstaus lagen in der Nähe auf ausgerodetem Haideboden. Der Fahrweg streifte fast die Försterwohnung, bog alsdann wieder in die Kieferwaldung ein und verlor sich im Dunkel der hohen, rauschenden Stämme. Die Reisenden brauchten ein paar Stunden, um diese Wälder in querer Richtung zu durchschneiden, und sie würden auf diesem einförmigen Wege lange Weile gehabt haben, wären sie nicht von Zeit zu Zeit an Köhlerwohnungen und Pechsiedereien vorübergekommen, um die es immer ein buntes Gewimmel von Menschen gab. Auf freien, hochgelegenen Plätzen im wald, über die sich die Strasse zog, sahen die Reisenden auch über dem unabsehbaren schwarzen Dikkicht die blauen Rauchsäulen der Meiler an hundert Orten zugleich in die kühle Morgenluft steigen.

Mit dem Aufhören der Haide nahm die Gegend sogleich einen andern Charakter an. Täler, Hügel, Berge und Felsgruppen traten zu romantischen Ausund Ansichten zusammen. Klare, lebendige Bäche hüpften murmelnd über Kies und schimmerndes Gestein. Heitere Dörfer zogen sich in