1845_Willkomm_143_79.txt

!"

Magnus durchschritt langsam das Zimmer, ohne dass Herta seinen Abschiedsgruss erwiderte oder ihn zurückrief. dicht an der Schwelle blieb er stehen und kehrte sich nochmals um.

"Schöne Cousine, soll es denn wirklich geschehen?" sagte er mit beklommenem Herzen. "Muss es durch den Starrsinn eines Mädchens dahin kommen, dass die Buben auf den Strassen mit Fingern auf uns zeigen werden? Und dieses selbe Herz, dieser selbe Mund, der jetzt kein Wort der Gnade für mich hat, liess mich ehedem glauben, sie hörten nicht ungern auf meine gespräche! – O ich will nicht sprechen von Liebedas wäre eine Entweihungich will nur Minuten, nur lichte gaukelnde Secunden aus der Vergangenheit zurückrufen, in denen wir nicht ahnten, dass wir uns dereinst so gegenüberstehen würden! Und uun, welche Kluft hat sich aufgerissen, welche entsetzliche Verwandlung ist vorgegangen!"

"Wer hat sich dessen anzuklagen?" fragte gleichgiltig Herta.

Magnus tat hastig einige Schritte rückwärts. "O Gott sei Dank, doch ein Wort, ein laut, der mich lehrte, dass jene Bilder noch nicht gänzlich in der Seele verwischt sind! – Herta, angebetetes Mädchen, Engel, wegen dessen Verlust ich gefrevelt habe, für den ich litt, wie Wenige gelitten, vergib mir, reiche mir Deine Hand, nimm mich auf an Deinen reinen Busen und ich will Dich ehren, wie eine Heilige!"

Und er warf sich vor ihr nieder.

"Man sieht, dass Graf Magnus die französischen Schauspieler in Berlin nicht ohne Nutzen gesehen hat."

Dem Grafen stieg das Blut in den Kopf, seine stimme zitterte, wie sein ganzer Körper.

"Herta," keuchte er, "keinen Hohn, ich bitte um Deines ewigen Heiles willen! Es ist keine Lüge, es ist Wahrheit, quälende, mich aufreibende Wahrheit, ich liebe Dich, liebe Dich bis zur Raserei!"

"Wenn Sie jetzt wirklich, vielleicht zum ersten Male in Ihrem Leben die Wahrheit reden sollten, Herr Graf," erwiderte Herta mit vornehmer Ruhe, kalt, aber nicht verletzend, "so muss ich Ihnen, wie ich dies immer getan zu haben mich entsinne, ebenfalls die volle lautere einfache Wahrheit sagen. Ich liebe Sie nicht, aber ich interessirte mich für Sie, weil ich das Eigentümliche in Ihrem Charakter, Ihre grossen Vorzüge und Anlagen unter einem wüsten Trümmerfeld gemeiner Schwächen achtete. Mit solchem Auge sah ich Sie kommen und gehen, bis Sie mich jetzt so unritterlich überfielen. Ich habe es Ihnen bereits gesagt, und nur Sie haben es dahin gebrachtjetzt folgt Ihnen meine Verachtung! – Wir können uns nichts mehr sein und würde auch diese feindselige Trennung, die ich jetzt so ruhig ausspreche, mein Unglück auf Erden!"

Magnus war inzwischen wieder aufgestanden. "Ein so hartes Urteil aus so schönem mund ist sehr niederschlagend," sagte er tonlos. "Ich sehe, dass ich zu viel gewagt, zu viel verloren habe, um noch etwas zu gewinnen. So füge ich mich denn in mein Schicksal. – Aber nach dem Feste –"

"Werde ich Wort halten," sagte Herta kühl und entschlossen.

"Dann bleibt es also bei dem Rencontre?"

Herta gab ihre Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen und Magnus schlich unbemerkt in sein Zimmer zurück.

Fünftes Kapitel.

Das Gericht.

Weder Magnus noch Herta schliefen in dieser Nacht. Jenen folterte gekränkte Eitelkeit und Durst nach Rache, diese entwarf menschenfreundliche Pläne zum Besten des armen leidenden Volkes und liess ihre Gedanken in die Zukunft hinüberschweifen, wo ihren aufgeregten Sinnen und ihrer entzückten Phantasie das strahlende Bild einer Welt erschien, in der alle Menschen gleichermassen in Glück und Freiheit schwelgten. Die Drohungen ihres entarteten Vetters schreckten das mutige Mädchen nicht, denn sie lebte des festen Glaubens, dass Lug und Trug an dem silbernen Schilde der Wahrheit zerschellen müssten. Das angedrohte Rencontre vergass sie sogar vollständig, weil sie es durchaus nicht für möglich hielt, dass ein ehrenwerter Mann im Ernst einem weib solche Zumutungen machen könne. Auch kannte Herta den abenteuerlichen Charakter ihres Vetters hinlänglich, um in seinem Vorschlage eben nichts als einen neuen romanesken Auswuchs seiner mittelalterlichen Ritterlichkeit zu erblicken. Hätte sie wirklich an Ausführung der Drohung glauben können, dann würde die gegen ihre schöne Brust gerichtete Mündung eines Pistols wahrscheinlich alle schelmischen Träumereien aus ihrer Seele verscheucht haben.

Am andern Morgen gab Herta dem fragenden Clemens zusagende Antwort und bestellte ihn mit seiner Geliebten am Tage nach dem Feste wieder aufs Schloss. – Da in der Zwischenzeit nichts Bedeutendes sich zutrug, übergehen wir dieselbe mit Stillschweigen. –

Zur festgesetzten Zeit wurden ihr am Tage nach Ostern die Wenden gemeldet und Herta liess ihre Schutzbefohlene sogleich vor. Sie ward überrascht von der verschämten Lieblichkeit Haideröschens und konnte jetzt wohl begreifen, dass diese frische, naive Mädchenknospe die Sinne ihres lockeren Vetters hatte bestricken und in Flammen setzen können.

Die Wendin hatte ihren besten Staat aufgelegt, der in jener einfachen Kleidung bestand, die wir schon früher beschrieben haben. Eine dichte Reihe goldener krauser Löckchen drang unter dem sauber geglätteten leinenen Spitzenhäubchen hervor und umsäumte die klare Stirn des lieblichen Kindes mit einer reizenden Glorie. Schüchtern und von Dankgefühl durchdrungen, warf sich Haideröschen vor Herta auf die Knie und stammelte unter Freudentränen:

"Dank, tausend Dank, gütige Herrin, für so viel Gnade!"

"Steh' auf, mein Kind!" sagte Herta, der Wendin liebreich beide hände reichend. "Umarme mich und betrachte mich wie