1845_Willkomm_143_78.txt

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"Einem gewissenlosen Menschen gewiss nicht."

"Ich danke für das Prädicat. – Um jedoch weiter zu kommen, fahre ich fort. Nach dem Vorausgeschickten verlange ich von Dir, dass Du morgen früh bei zeiten meinem Vater erfolgreiche Vorstellungen machst und ihm aufzählst, was Alles bei dem beabsichtigten Verfahren unserm haus droht! Ferner wirst Du mir versprechen, Dich bei der Gerichtsscene gar nicht zu zeigen, um nicht durch Deine allbekannte Herzensgüte meine Pläne zu kreuzen, und endlich verbitte ich mir jede Fürsprache, wenn ich es in unserm Interesse für nötig erachte, eine gelinde Strafe über das Mädchen zu verhängen, die misshandelnd ihre Hand gegen mich aufhob!"

"Ich hätte schon dabei sein mögen, wie die an ihrer Ehre gekränkte Wendin Dich so empfindlich züchtigte!"

"Was hat meine schöne Cousine auf die gemachten Vorschläge zu antworten?"

"Sie fragt zurück: was gedenkt der Herr Graf zu tun, wenn die Cousine gar nicht auf ihn achtet?"

Bis dahin hatte Magnus, nachlässig im Sopha lehnend, das Gespräch mit Herta geführt, jetzt schnellte er empor, als bewegten ihn unsichtbare Kräfte, und stellte sich vor das junge Mädchen. "In diesem nicht denkbaren Falle, meine Schöne," versetzte er flüsternd, "wird der entehrte Graf Magnus von Boberstein in der gemütlichsten Weise Genugtuung von seiner liebenswürdigen Gegnerin fordern."

"Und diese Gegnerin wird nicht anstehen, diese dem Grafen zu geben, wenn sie es für notwendig hält."

"Wirklich? Sieh da, meine schöne Cousine hat wirklich Heldenblut in ihren Adern."

Herta wendete sich ab von dem Grafen und setzte sich unter das grüne Laubdach am Fenster. "Da ich nunmehr weiss," sprach sie, "was Dich zu diesem unschicklichen Besuche veranlasst hat, und auch Du von mir erfahren hast, was und wie ich von Dir denke, so wünscht' ich, dass eine Unterhaltung beendigt werden möge, die beiden Teilen gleich unangenehm ist."

"Glaubst Du, ich werde mit solcher Antwort unverrichteter Dinge fortgehen? Dann wäre ich wert, dass man mich als wahnsinnig einsperrte."

"Du willst mich also noch länger beunruhigen? Nun dann werde ich Hilfe bei denen suchen müssen, die mir sie angelobt haben."

Sie stand auf, um zu schellen.

Magnus vertrat ihr den Weg.

"Daran hab' ich gedacht," sagte er sarkastisch lächelnd, "und weil ich einem so schönen und zarten geschöpf nicht gewaltsam entgegentreten wollte, schnitt ich vor meinem Besuch der Glocke die Zunge aus."

"Abscheulicher!" murmelte Herta, wie vorhin sich wieder mit dem rücken gegen ihren Schreibtisch lehnend.

"Ich sorgte bloss dafür, dass kein nutzloser Lärm noch Skandal entstehn möchte! – Also ganz in der Kürze, zürnender Engel, willst Du mir beistehen und eine Torheit durch feines Schweigen zur rechten Stunde vergessen machen? Bloss ja oder nein!"

"Nein!"

"Das ist wirklich eine bündige Antwort. Auch in der Schlosshalle wirst Du nicht fehlen?"

"Auch da nicht."

"Und wenn mich die Wendin und ihre vermutlichen Beistände anklagen?"

"Dann werde ich gegen Dich zeugen."

Magnus senkte den Kopf ein wenig und schloss die Augen einige Sekunden, als wolle er um jeden Preis einen Ausweg ersinnen. Er fühlte, dass der Boden unter ihm zusammenbrach, dass sein Ansehen für immer dahin war, wenn sein Vater in momentaner Missstimmung gegen ihn entschied und Röschen frei sprach. Nach einiger Zeit richtete er seine durchbohrenden Blicke wieder auf Herta.

"Nun," sprach er, "ein Mann schickt sich in das Unvermeidliche, so gut es geht. Der Tag nach dem Feste soll mich als Mann kennen lernen! Wie aber stehen wir von jetzt an mit einander, süsser Trotzkopf?"

"Einem wohlerzogenen Cavalier wird dies der Anstand sagen."

"An Frieden ist also nicht zu denken?"

"Ich heuchele nie!"

"Und wenn ich statt der weissen die blutrote Flagge aufziehe?"

"Auch dann werde ich weder meine Meinung noch mein Verfahren ändern."

"Das wird freilich Blut kosten," erklärte Magnus achselzuckend.

"Willst Du mich ermorden?" fragte Herta lächelnd.

"Nicht doch, nur an die versprochene Genugtuung erinnern!"

"Ja so!"

"Darf ich die schöne Cousine vielleicht gleich heute nach der Waffengattung fragen, die sie für diesen Fall bestimmt?"

"Wenn der Graf Magnus sich mit einem Mädchen durchaus schlagen will," versetzte Herta mit komischer Ernstaftigkeit, "so muss ich ja wohl zur Pistole greifen."

"Also Pistolen. Sehr wohl. Und der Ort des Rencontre?"

"Jeder beliebige, welchen Graf Magnus für sicher hält."

"Grossmütig entschieden, ich muss gestehen!"

Die letzte Hälfte dieses Gespräches hatte Magnus mit gesenktem Blicke geführt. Es schien, als grab er während des Sprechens mit allem Scharfsinne nach Mitteln, die ihn retten könnten, oder als wühle er in den Schachten seines erfinderischen Geistes nach irgend einem abenteuerlichen Plane. Jetzt sah er seine Cousine wieder mit einem jener dämonischen Blicke an, in denen die ganze Glut der Hölle, überschwebt von einem einzigen bleichen Funken himmlischen Lichtes strahlte, und schien ihr Bild tief in seine Seele einsaugen zu wollen.

"Nun so wünsche ich Ihnen eine gute Nacht und süsse Träume," sagte er, sich tief vor ihr neigend. "Auf Wiedersehen in der Schlosshalle