1845_Willkomm_143_76.txt

mündete, befand sich ein hoher schwerfälliger Kaminschirm, der zugleich als Garderobe benutzt ward. Hinter diesen zog sich Magnus zurück, nachdem er mit schnellem Griff die gemeinsame Klingel mit einem seidenen Tuche umwunden hatte. Aus diesem Versteck konnte er bequem die ganze Länge und Breite des Gemaches, so wie sämmtliche Zimmertüren übersehen. Als die Schlossuhr langsam die neunte Abendstunde verkündigt hatte, öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer seines Vaters, eine glockenhelle, weiche Mädchenstimme rief herzlich "gute Nacht" und Herta, ihr Arbeitskörbchen am weissen Arm, trat heraus, von dem vorleuchtenden Bedienten begleitet. Mit etwas gesenktem Köpfchen, so dass die reiche Lockenfülle ihre schönen Züge fast ganz in Schatten hüllte, schritt das schlanke Mädchen über den Vorraum, liess sich von dem Bedienten die Tür öffnen und empfing noch, ehe sie diese wieder schloss, das Billet des jungen Grafen.

"Von wem?" hörte sie Magnus mit sanfter stimme fragen.

"Ich sollte es abgeben," erwiderte der kluge Bediente.

Herta dachte nicht im Entferntesten daran, dass Magnus mit ihr in Correspondenz treten könne und wolle. Sie hatte noch nie eine Zeile von dem verführerisch wilden mann erhalten, selbst damals nicht, als er noch auf Boberstein wohnte. Später war er absichtlich kühl und verletzend gegen sie geworden, da er seine Werbungen um ihre Gunst mit einer Kühnheit betrieben hatte, die sie nötigte, ihm die härtesten Vorwürfe zu machen und sich streng von ihm abzuschliessen. Obwohl aber das junge Mädchen den sittenlosen, flatterhaften und rachsüchtigen Jüngling fürchtete, fühlte sie doch etwas in ihrem Herzen, das für ihn sprach. Seine feine Galanterie, seine stolze Ritterlichkeit, wohl auch das völlig Rücksichtslose in allen Angelegenheiten, wo seine leidenschaft in's Spiel kam, zog sie an und veranlasste sie in früheren Tagen häufig, bei dem unzufriedenen Vater ihm Fürsprecherin zu werden. Allerdings war ihre achtung vor Magnus jetzt völlig verschwunden. Die Gewalttat, welche er gegen das schwache wendische Mädchen ausgeübt, hatte sie empört, und die Art und Weise, wie er noch so eben seine Gesinnung gegen den braven alten Vater ausgesprochen hatte, der sich die grösste Mühe gab, die stimme einer neuen Zeit zu verstehen und ihrem Rufe sich anzuschliessen, erfüllte ihre jungfräulich reine Seele wirklich mit Abscheu und kaltem Entsetzen. Es lag so gar nichts Kindliches in dem Betragen des Sohnes gegen den Vater. Seine höflich gefassten Antworten klirrten von scharf geschliffenem Spott, von beissendem Hohn. Er durfte nur diese glatte Form noch abstreifen, und das widerlichste Scheusal, wie es je Undank und Verachtung alles Göttlichen im Menschen auszubrüten vermochten, stand m grauenvoller Nackteit vor Aller Augen.

Das Billet ihres Vetters in der Hand ging Herta nach der Epheulaube am Fenster, um das Körbchen auf den Arbeitstisch zu stellen. Erst als sie dies getan und durch freundliches Nicken ihr Eichhörnchen begrüsst hatte, dessen kluge muntere Augen am gläsernen Schieber glänzten, knotete sie das Papierstreifchen auf. Der Bediente verbeugte sich und vertauschte unter der Tür seine Stelle mit dem jungen Grafen.

Magnus verhielt sich ruhig, bis Herta seine Zeilen überflogen hatte und entrüstet ausrief: "Johann, wie kannst Du Dich unterstehen –" Zugleich wendete sie sich rasch um und erblickte ihren Vetter im Halbdunkel des grauen langen Zimmers. Das Wort erstarb ihr auf der Zunge, aber sie errötete so heftig vor Zorn, dass flammende Purpurglut Gesicht, Stirn und Nakken übergoss.

"Verzeihung, schöne Cousine!" sagte Magnus, mit leichtem Tritt und ohne die geringste Schüchternheit näher kommend. "Ich erscheine heute mit weisser Friedensfahne und trage Dir unter annehmbaren Bedingungen Waffenstillstand an. Hoffentlich wirst Du Dein Geschlecht nicht so ganz verläugnen, dass Du einen unglücklich Bittenden ungehört von Dir weisest."

"Es ist entwürdigend, mich so zu überfallen!" stotterte mit vor Zorn grollender stimme das empörte Mädchen.

"Im Gegenteil, es zeigt von einer anhänglichkeit an Dich, die keine Gefahr scheut, ja die es sogar wagt, den Zorn der Schönsten unter den Schönen auf sich zu laden! Aber wie Du auch jetzt von mir denkst, Du wirst milder über mich urteilen, wenn Du meine Beweggründe gehört hast."

"Ich will nichts hören, ich befehle Dir, Dich auf der Stelle zu entfernen!" versetzte zitternd Herta und stampfte dabei trotzig mit dem kleinen fuss auf den Boden.

"Wenn Du so reizend zürnst, werde ich mich für immer bei Dir einquartieren, schöne Cousine. Ein geistreiches Mädchen ist nie entzückender, als im göttlichen Wahnsinne des Zornes. Sieh, ich mache es mir bequem, um Dich ruhig bewundern zu können. Tobe Dich jetzt aus, Herzensblume, wirf mir alle Sonnenfunken Deines Ingrimms in's Gesicht, ich will sie mit gierigen Händen auffangen und mit solcher Andacht an meine Lippen führen, als seien es Blättchen aus der Rosenknospe Deines Herzens."

Und Magnus streckte sich gemächlich auf das altertümliche Sopha und verschlang seine arme über der Brust.

Herta antwortete nicht. Dem kecken Eindringling gegenüber lehnte sie an ihrem Schreibtische und mass ihn mit stolzen, kalten Blicken.

"Du wirst ruhig, das gefällt mir," nahm Magnus nach einer Pause wieder das Wort. "Ein ruhiger Zuhörer lässt dem Sprecher stets am leichtesten Gerechtigkeit widerfahren. – Ich sagte vorhin, dass ich als Friedensbote zu Dir käme, jetzt gehe ich noch weiter und schlage Dir vor: lass uns Bundesgenossen sein!"

Da Herta auch darauf keine Antwort gab, fuhr Magnus fort: "Mein gestrenger Herr Vater,