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hätte meinen Sohn für fassungskräftiger gehalten," entgegnete Erasmus. "Wie ich jedoch zu meinem Leidwesen sehe, gehört oder zählt er sich mit Absicht den Hohlköpfen zu, die Würde und Ehre des Adels nur im Junkertume und all den äussern Dingen suchen, zu deren Erlangung weiter nichts als leidliches Geld, etwas Frechheit und ein kaltes Herz gehört."

"Verzeihen Sie, mein Vater! Haben Sie vielleicht die Absicht, den Notablen Frankreichs nachzuahmen und sich freiwillig zu Gunsten der brüllenden Menge, die sich Volk nennt, Ihrer Ehren, Würden, Titel und Besitztümer zu entschlagen?"

"Damit wir Deutschen nicht ebenfalls eines schönen Morgens dazu genötigt sind, fordere ich Gerechtigkeit, Milde und Erziehung für das Volk."

"Ich möchte Ihnen gern gefällig sein und bitte desshalb, mir die Wege zu zeigen, die wir einschlagen müssen, um das Volk, wie Sie sagen, zu uns emporzuheben."

"Wem sie das eigene Herz, die ruhige Besonnenheit nicht nennt, dem wird kein Fingerzeig eines Andern etwas frommen. Es ist so leicht, wie den Gesetzen der natur folgen! Erhebe Dich zu der freien und allein richtigen Ansicht, jeden Menschen als Deines Gleichen zu betrachten, und Du wirst gegen Deinen geringsten Diener nicht hart, nicht launisch, nicht herrisch sein können. Die Stellung, die er durch einen blossen Unfall Dir gegenüber einnimmt, berechtigt Dich nicht, sein Menschengefühl zu beleidigen, im Gegenteil, wir sind verpflichtet, weil er abhängig ist, ihn zu schonen und seine Schwächen mit Geduld zu tragen!"

"Sehr wohl, mein Vater! Sind Sie gesonnen, diese Grundsätze unter Ihren Leibeigenen mittelst Ausruf bekannt machen zu lassen?"

"Lieber Magnus!" bat die Gräfin. "Du vergisst Dich!"

"Nicht doch, meine Freundin, er bleibt sich nur selbst gleich. Da ich aber nicht gesonnen bin, einen Streit über Ideen und Zeitansichten fruchtlos länger auszudehnen, erkläre ich diese Unterredung für beendigt. Unser Sohn mag überlegen, was zu seinem Frieden dient, und sich am Tage nach Ostern früh um zehn Uhr in der Schlosshalle einfinden. Dort wird er sich seiner Anklägerin gegenüber rechtfertigen oder für schuldig erklärt werden. Keine Einwendung, meine Freundin! Die Frucht ist reif zur Aerndte, und ich will endlich einmal dieser tyrannischen Willkürherrschaft ein Ziel setzen, und müsste ich mein eigenes Fleisch und Blut verurteilen."

In diesen Worten des alten Grafen lag eine so bestimmt ausgesprochene Entlassung, dass Magnus Anstand nahm, seinem Vater nochmals starren Trotz entgegen zu setzen. Dennoch durfte er um keinen Preis die rücksichtslose Confrontation mit der Wendin geschehen lassen, wenn er nicht vor Untertanen und Dienerschaft gebrandmarkt dastehen und allen Einfluss auf sie verlieren wollte. In dieser peinlichen Verlegenheit richteten sich seine Gedanken auf Herta. Sie allein konnte, wenn sie zu überreden war, den Vater zu anderer Massnahme bestimmen. Sie wusste um seine Gewalttat, wie er aus der Einleitung des Gesprächs wohl erkannt hatte, und darum galt es, sie entweder auf seine Seite herüberzuziehen oder durch irgend welche Scheingründe zu einer andern Ansicht zu vermögen. Noch war er sich unklar über den Operationsplan, den er einschlagen wollte, aber er hoffte auf sein gutes Glück, auf prägnante Einfälle und auf sein Ueberredungstalent, wenn ein schönes Mädchen seinem geist Schwung, seiner Rede Kraft und Feuer verlieh. Er stand auf und griff nach seinem Hut.

"Ich bitte meinen Ungestüm der Aufregung zu verzeihen, beste älteren, in die mich das Unerhörte versetzt hatte. Gehorsam Ihren Winken ziehe ich mich zurück, um zur bestimmten Stunde im Auge meines Vaters Gnade oder Verdammung für sein einziges Kind zu lesen. Meine teure Mutter, vergeben Sie mir, wenn die gemachten Mitteilungen Ihre Nachtruhe stören sollten!"

Magnus führte Utta's Hand mit der ihm eigenen gewinnenden Liebenswürdigkeit an den Mund, verbeugte sich achtungsvoll vor seinem Vater und grüsste mit wohlwollender Vertraulichkeit Herta. Dann verliess er das Zimmer.

"Leuchte mir nach meinen Gemächern!" befahl er barsch dem Bedienten und folgte dem Vorausschreitenden durch mehrere schmale Corridore. Während dieses Ganges riss er ein goldberändertes Blatt aus seiner Schreibtafel, schrieb einige Worte darauf und faltete es in einen Knoten zusammen. Auf seinem Zimmer angekommen, fragte er den Bedienten: "Wann zieht sich fräulein Herta auf ihr Zimmer zurück?"

"Schlag neun Uhr, gnädigster Herr!"

"Siehst Du sie noch?"

"Ich kann es so einrichten."

"Willst Du mir einen Dienst leisten, von dem das Wohl unseres Hauses abhängt?"

"Gnädigster Herr, Sie wissen, dass ich für das gräfliche Haus in den Tod gehe!"

"Dann gib dies Billet an fräulein Herta. Ich werde in der Nähe sein und sobald das fräulein es erbricht, zeige es mir durch das Oeffnen der tür an. Ich werde dann in demselben Augenblick, wo Du das Zimmer des gnädigen Fräuleins verlässt, dasselbe betreten. Hast Du mich verstanden?"

"Sehr wohl, Herr Graf."

"Dann gib Acht, dass uns Niemand störe!"

Der Bediente verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Erben des Hauses und ging nachdenkend, das unscheinbare Blättchen zwischen den Fingern drehend, zu seinen Genossen zurück.

Viertes Kapitel.

Magnus und Herta.

etwa fünf Minuten vor neun Uhr verliess Magnus sein Zinrmer ohne Licht und schlüpfte durch die engen matt erleuchteten Gänge des alten Schlosses nach dem Flügel, welchen seine älteren bewohnten. In dem grossen Vorzimmer, auf das eine ganze Reihe von Türen