Muhme predigt mit dem besten Erfolge die schmachvollen Lehren der französischen Jakobiner! Sie erlauben mir, mein Vater, dass ich meine Behauptungen durch Tatsachen beweisen darf. Vor einigen Wochen schrieb ich eine Gesindeschau auf meinen Ortschaften aus. Ein Mädchen, das ich besonders tauglich fand für meine Dienste, widersetzte sich hartnäckig und bestritt meine herrschaft über sie. Diese Dirne war die Tochter eines Ihrer Untertanen, seit längerer Zeit aber schon heimisch in einem mir speciell zugehörenden dorf. Dennoch war sie weder durch freundliche Worte noch durch Drohungen zu einer Sinnesänderung zu bewegen. So tat ich denn, was ich musste, ich brachte sie gewaltsam auf meinen Edelhof, und was glauben Sie wohl, mein Vater, dass diese Dirne zu tun wagte?"
Magnus sah den Grafen und seine gespannt aufhorchende Mutter lange an. Erasmus winkte.
"Sie war so beispiellos frech, Hand an mich zu legen, mich beinahe lebensgefährlich zu verwunden!" sagte Magnus. "Ueberzeugen Sie sich selbst, mein Vater, und Sie, meine gütige Mutter, halten Sie Ihr Entsetzen über eine Tat zurück, für die ich vorschlagen möchte, eine eigne Strafe zu erfinden!"
Geschickt wusste der schlaue Magnus während dieser Worte die schwarze Binde zu lösen, unter der eine rotblaue, noch nicht ganz verharrschte Wunde sichtbar ward, die gefährlicher aussah, als sie war. Gräfin Utta schlug die vollen weissen hände in stummem Erstaunen in einander und auch Herta warf einen kurzen blick auf den vorgebeugten schönen Kopf des jungen Mannes. Vollkommen ruhig betrachtete Erasmus die Verwundung seines Sohnes.
"Nur eine geringe Kraftvermehrung würde mich tot niedergeworfen haben," sagte Magnus mit erheuchelter innerer Erregung. "So lag ich nur eine Zeit lang in starrer Betäubung, und diese benutzte das freche geschöpf, um zu entfliehen. Ich habe sichere Kunde, dass dieses strafwürdige Mädchen sich unter Ihre Obhut, mein Vater, begeben hat, und weil ich nicht Ihre Rechte schmälern will, bitte ich ganz gehorsamst entweder um ihre Auslieferung an mich, damit ich über die Art ihrer Bestrafung mit mir zu Rate gehen kann, oder ersuche Sie, dass Sie selbst das Richteramt in dieser Sache übernehmen."
"Wie heisst das Mädchen?" fragte Erasmus.
"Röschen Sloboda."
"Röschen!" wiederholte Herta leise, doch laut genug, um von Magnus verstanden zu werden.
"Hast Du bei Deiner Erzählung auch nichts zu erwähnen vergessen? Es wäre mir sehr unlieb, wenn ich in dieser Angelegenheit zu Deinem Nachteil entscheiden müsste."
"Sie haben die volle Wahrheit gehört."
"Wahrheit, die uns mit ewigem Abscheu gegen diese Elenden erfüllen muss!" rief die Gräfin. "Armer Sohn, guter gemisshandelter Magnus! Sei versichert, dass Dein Vater diese uns Allen zugefügte Schmach streng, beispiellos streng ahnden wird!"
"Uebereilen wir uns nicht, meine Freundin," erwiderte Erasmus. "Hat sich das Mädchen wirklich so hart an unserm Sohne vergangen, wie Magnus behauptet, so wird es der Strafe nicht entgehen. Vorher aber wollen wir ganz unparteiisch die Sache untersuchen."
"Sie setzen Mistrauen in die Worte Ihres Sohnes?"
"Ich vertraue Dir so viel, wie Du verdienst," arrtwortete Erasmus streng. "Darin erfülle ich nur Demen Willen. Hättest Du mich nie getäuscht, so würde ich keine Zweifel in die Wahrhaftigkeit Deiner Erzählung setzen. So aber pflegtest Du mich stets zu hintergehen und der lügenhaften Worte sind zehnmal mehr über Deine Zunge gegangen, als der wahrheitsgetreuen."
"Mein Vater!"
"Schweig, es ist so! – Und was hast Du zu Deiner Entschuldigung anzuführen, wenn ich Dir sage, dass die arme Wendin Dich bereits bei mir verklagt hat?"
Magnus verliess seine bisher beibehaltene etwas kokette Stellung und trat einen Schritt vom stuhl zurück. Dann sagte er:
"Ich kann es mir denken, dass diese intrigante person ihre Frechheit so weit getrieben hat, oder sollte ich vielleicht auch diese neue Wendung der Dinge der zuvorkommenden Vermittelung meiner schönen Cousine –"
"Herta bittet bloss für arme und Unterdrückte," fiel Erasmus ein, "aber entstellt nie einfache Tatsachen. Mich dünkt, mein Sohn, es ist nicht Alles rein in Deinen Worten! Röschen ward gewaltsam entführt und hat Gewalt mit Gewalt erwiedert. Es ist daran gar nichts Unbegreifliches, nichts Uebernatürliches. Aber wenn ich nun gelegenheit nehme, diese geheime Entführungsgeschichte genauer zu beleuchten, würde dann mein Sohn nicht etwa Ursache haben zu erröten? Ich will jetzt nicht weiter gehen, Magnus, ich gebe Dir nur zu bedenken, dass ein böses Gerücht umläuft unter dem volk über den Tod von Jan Sloboda's Schwiegertochter, und dass ich alter Mann nicht vermag, diesem Gerücht die Zunge auszureissen!"
"Geschwätz, rachsüchtige Verleumdungen derer, die ich wegen Waldfrevel bestrafen liess."
"Ich sprach die Sterbende," sagte Erasmus mit einem Tone, der furchtbar klang und selbst Magnus erblassen machte. "Sie hat mir, mir ganz allein gebeichtet und auf ihren Wunsch habe ich ihre beichte tief in mein bekümmertes Herz verschlossen. Doch glaube mir, Magnus, dass ich seitdem an jedem Abend mein Haupt mit schwerem Kummer zur Ruhe lege, dass ich die Zukunft, dass ich Deine Zukunft fürchte!"
Gräfin Utta blickte zum ersten Male mit Entsetzen auf ihren Liebling, in der Hoffnung, dass der Ausdruck seiner Züge ihr zu mutiger Entgegnung Anlass geben werde. Aber sie bebte in sich selbst zurück vor Magnus. Dieser