Frau beim Holzfällen. Den schrecklichen Tod hat er sich zu Gemüte gezogen und nun ist er geisteskrank, der arme!"
"Sein Vater bittet mich gewiss um eine Unterstützung?"
"Nein, mein gütiger Oheim. Ich habe weder Vater noch Tochter gesehen und weiss überhaupt Alles, was ich Dir jetzt gesagt habe, bloss von einer dritten Mittelsperson, einem jungen schlanken Bauerburschen, der mich heute Morgen um Fürsprache bat."
"Aber Herta! Du, ein Spross des hochgräflichen Hauses von Boberstein, lässt Dich in Unterredungen mit schmutzigen Bauerburschen ein!" rief die Gräfin und schob das Buch mit einer Bewegung des Abscheus zurück, um wieder nach ihrem schirmenden Fächer zu greifen.
"Ach, beste Tante, der gute Mensch war nicht schmutzig, aber arm, recht sehr arm mochte er wohl sein," versetzte Herta, betrübt die Augen niederschlagend. "Und was ist es denn Böses, wenn ich einen Unglücklichen anhöre? An wen anders soll sich denn der Bedrängte wenden, als an den Mächtigern? Die Starken sollen die Schwachen beschützen, sollen die Bösen im Zaume halten und sie zum Guten zwingen. Und wenn ich auch weder stark noch mächtig bin, so hat das arme Volk doch Zutrauen zu mir, weil ich es liebe und ihm helfe, wo ich es vermag. Und deshalb wenden sich die Bekümmerten an mich in der Hoffnung, dass ein bittendes Wort bei meinem braven, mächtigen Oheim Linderung ihrer Leiden bewirken könne."
"Du spannst meine Neugier, Mädchen, fast befürchte ich eine gewalttätige, ungesetzliche Handlung," sagte der Graf.
"So dürfen wir das Geschehene wohl nennen," ergriff Herta abermals das Wort und fuhr, immer leidenschaftlicher und zürnender ihre zarte stimme erhebend, fort. "Der erwähnte Bursche Clemens liebt Sloboda's junge Tochter und will sie als Gattin heimführen, wenn Du Deine Einwilligung dazu gibst. Der arme Wende wohnt in einem entlegenen dorf, das zum Zeiselhofe gehört. Auf seines Vaters Gehöft war Röschen zu Besuche. Da wird die Dienstschau ausgeschrieben und der Gutsherr verlangt, dass das zarte Mädchen mit andern ihres Alters auf den Hof kommen soll –"
"Er wusste gewiss nicht, dass sie fremd war."
"Dies wurde ihm gesagt und dennoch beharrte er auf seinem Befehle."
"Nun?"
"Die Wendin und ihre Verwandten weigerten sich, dem Befehle zu gehorchen –"
"Und? – Sprich, sprich, was geschah?"
"Der erzürnte Herr raubte das arme Kind mit Gewalt und schleppte es mit sich."
"Der Bube! Wie heisst er? Kennst Du ihn? Kann ich ihn erreichen?"
"Ich sagte schon, mein guter Oheim, dass der Herr vom Zeiselhofe sich eine solche Gewalttat erlaubt hat!"
"Das ist eine von den ekelhaften Erfindungen des Pöbels," fiel die Gräfin ein, "wodurch er sich an dem Adel rächen will, weil er nichts besitzt."
"Wie ist das!" sagte Erasmus mit zitternder Lippe und mit beiden Händen die gepolsterten arme des Lehnstuhles umklammernd. "Herr des Zeiselhofes ist ja mein Sohn Magnus!"
"Der arme Clemens nannte bebend diesen Namen."
"Weiter, weiter!" rief der Graf mit zornfunkelndem Auge.
"Durch einen Zufall, den ich nicht näher kenne, entkam das Mädchen und flüchtete sich zu ihrem Vater. Dieser fürchtet aber, dass ihm sein Kind abermals entrissen werden könne und wünscht es deshalb unter Deinen oder – fügte sie lächelnd hinzu – wie der gute Bursche sagte unter meinen Schutz zu stellen."
"Hast Du ihm Hoffnung gemacht?"
"Der arme Mensch dauerte mich, bester Oheim. Er zitterte an allen Gliedern vor Furcht und Scheu und bat so inständig, so aus der rechten Schmerzenstiefe seines Herzens, dass ich mich seines verfolgten Bräutchens anzunehmen versprach, wenn Du mir erlaubnis dazu gäbest."
"Sehr brav, mein Mädchen! Doch was soll ich mit der Wendin beginnen?"
"Diese sorge will ich Dir sogleich abnehmen, Herzensoheim. Aller Beschreibung nach ist Röschen hübsch und ich habe gern hübsche Dienerinnen um mich. Sie wird auch geschickt, lernbegierig sein, wie alle Wenden, und da hab' ich mir denn vorgenommen, so lange sie in meinen Diensten bleibt, sie zu unterrichten und recht gebildet ihrem Bräutigam auszuliefern, wenn er sie als Hausfrau von mir zurückbegehrt."
"Gestatte dies nicht, ich bitte Dich, mein Freund!" sprach die Gräfin. "Das Mädchen weiss in ihrer Tollheit nicht mehr, was sie verlangt, was sie zu tun im Begriffe steht! Eine gebildete Leibeigene, mon dieu, wo soll das hinaus!"
Erasmus sass mir vorgebeugtem Oberkörper schweigend im Lehnstuhl. Er hielt den ausdrucksvollen Kopf etwas gesenkt und aus seinen düster zusammengezogenen Augenbrauen und der tiefen Furche, die sich von der Nasenwurzel an senkrecht bis in die Hälfte der hohen intelligenten Stirn hinauf zog, war zu ersehen, dass er ernstlich und grollend über den Vorfall nachdachte. Aengstlich und erwartungsvoll schwieg Herta, empört über die ihrer festen überzeugung nach erfundene geschichte die Gräfin. In der stillen Abendluft klang vom See herauf Stimmengeräusch, dann schlugen die Wolfshunde im Schlosshofe an und die Dienerschaft ward lebendig.
Der Graf erhob langsam sein Haupt. Sein Gesicht war bleich, sein blick ernst und entschlossen.
"Herta," sprach er, die Winke seiner grollenden Gemahlin nicht beachtend, "wenn Magnus dies wirklich getan hat, dann wehe ihm