ich mit meinem lieben Schulmeister: natürlich, natur!"
Herta unterliess nicht, nach diesem geständnis sowohl Oheim wie Tante ehrfurchtsvoll die Hand zu küssen, gleichsam als bitte sie ihrer Kühnheit wegen um Verzeihung. Die Gräfin war auch sichtbar aufgebracht, weil sie aber dem Mädchen ihr Wort gegeben hatte, nicht zürnen zu wollen, so hüllte sie sich in den undurchdringlichen Panzer ihrer aristokratischen Abgeschlossenheit, spreitete den Fächer aus und wehte sich immer von Herta's Seite her frische Luft zu. Die harmlose Erzählung musste ihr erstaunlich auf die Brust gefallen sein.
Erasmus klopfte Herta auf die vor Schaam und Furcht glühenden Backen. "Sei ohne Furcht," sagte er, "kein Unwetter soll Deinen blauen Unschuldshimmel trüben. Du bist zwar eine kleine gefährliche Schmugglerin, die eigentlich Strafe verdiente, für diesmal jedoch soll diese nur in vorläufiger Confiscation Deiner Contrebande bestehen. Du wirst mir die Lieferungen Deines prächtigen Schulmeisters ausliefern und zwar sogleich! Nach einigen Tagen werde ich Dir Dein Eigentum zurückgeben und mich darüber erklären, ob der Schulmeister auch künftig noch mit Dir soll verkehren dürfen oder ob ich ihm verbieten muss, in die Nähe des Schlosses zu kommen. Jetzt geh' und hole die Bücher!"
Still gehorchend entfernte sich das junge Mädchen. Diesen Augenblick benutzte die Gräfin um ihrem Gatten einige Vorwürfe über sein Verfahren zu machen. Sie schlug den Fächer zusammen, legte ihn vor sich hin und sagte mit vornehmem Aufwerfen der Lippen:
"Du verwöhnst das Kind, mein Freund! Durch solches Gestatten stählen wir ihren an sich schon festen Willen und impfen ihr eine Selbstständigkeit ein, die auf falsche Bahnen geratend ihr äusserst gefährlich werden kann. Es wäre diplomatischer gewesen, Du hättest dem überspannten kind ihre schlechte Lectüre ohne Angabe des Grundes verboten. Das Dictatorische macht auf Jugend und Volk den nachhaltigsten Eindruck."
"Herta ist ein kluges Mädchen," versetzte Erasmus, "und ich will nicht, dass man der entwicklung ihrer reichen, gesunden Naturanlagen hemmend entgegentritt. Sie soll selbst unterscheiden lernen, damit sie in späteren Jahren nach eigenem Urteil wählen kann."
"Zu stark treibende Pflanzen muss man der Sonne entziehen, damit sie sich nicht überwachsen."
"Du erinnerst mich doch immer an Deinen frühern Verkehr mit dem Onkel. Immer und immer schimmert aus Deinen sammetweichen Worten, die noch sanfter klingen, wenn sie über Deine Lippen gleiten, ein feiner Strahl jesuitischen Lampenlichtes heraus, das heimlich in die Herzen der Menschen hineinleuchtet."
"Warum gedenkst Du dieses als eines Unheils?" versetzte die Gräfin. "Wir verstehen schlecht unsern Vorteil, wenn wir uns blödsinnig der Privilegien begeben, die uns Geburt und Rang verliehen haben. Den Jesuitismus betrachte ich nicht als einen religiösen Orden, mir ist er nur ein System, dessen Anwendung auf das Leben von unberechenbarer wirkung ist. Das sollte der Adel wohl bedenken und sich, gleichviel welcher Confession er angehört, mit den Jesuiten in stillster Stille verbrüdern. Oder siehst Du nicht ein, mein Freund, dass die Erschütterungen in Frankreich eine völlige Auflösung allen Standesunterschiedes prophezeihen? Dass der wahnsinnig gewordene Pöbel seine blutigen Kotände gegen uns erhebt, um uns in die Kloaken seiner Gemeinheit hinabzureissen?"
Als Erasmus auf diese Bemerkungen seiner umsichtigen Gattin antworten wollte, kam Herta mit den Büchern zurück und legte sie freundlich vor den Grafen hin.
"Hier bringe ich Dir meine Herzensfreunde," sagte sie, einen langen und tiefen blick aus ihrem frommen Auge dem Oheim sendend. "Ich werde sie recht vermissen, denn sie waren mir früh und Abends liebe gefährten, die meine Seele mit ihren entzückenden Weisheitssprüchen labten und mich erkennen liessen, wie herrlich das Leben auf dieser schönen Erde sein müsse, wenn ihre Lehren auf fruchttragendes Land fielen! O mir stürzen die heissen Schmerzenstränen in die Augen, blicke ich hinaus in's dampfende Land der Haide und sehe überall nur gebückte Knechte, statt aufrechtgehender Menschen, wie Gott will, dass wir alle sein sollen!"
"Es scheint, Du hast bei Deinem Schulmeister Unterricht genommen im Predigen," bemerkte die Gräfin mit vorwurfsvollem Tone.
"Beste, gnädige Tante, schmähe meinen alten Freund nicht, er hat es wirklich nicht um mich verdient!" sagte Herta und küsste der Grafin die Hand. "Wenn Du so verächtlich von den armen Leuten sprichst, sinkt mir aller Mut, dem Oheim eine Bitte vorzutragen, die mir recht am Herzen liegt."
"Mir, meine kleine Revolutionärin?" fragte der Graf, der inzwischen das Personenverzeichniss des Don Karlos gelesen hatte. Er zeigte das Buch jetzt seiner Frau über den Tisch und sagte: "Gegen diese Gesellschaft lassen sich keine gegründeten Einwendungen machen."
"Darf ich reden?" fragte Herta mit leuchtenden Blicken.
"Ich habe Dir nie eine Frage an mich verwehrt. Sprich offen und wahr!"
"Wie immer, mein gütiger Oheim. – Nicht wahr, einer Deiner armen Haidebauern, oder ist er ein Gärtner, heisst Sloboda?"
"Das weiss ich wirklich nicht, liebes Kind, doch glaube ich, dass mehrere dieses Namens unter meine Untertanen zählen."
"Der Mann, den ich meine, ist schon bei Jahren und hat eine hübsche junge Tochter, die Röschen heisst."
"Ja, ja," sagte Erasmus nachdenkend, "das wird der grosse Jan sein, dessen Sohn im Gemeindehause als irr untergebracht worden ist."
"Ganz recht," fiel Herta lebhaft ein, "ein Baum erschlug ihm seine