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der Knechtschaft um die Stirn?"

"Ja," sagte der Greis, "ich entkam, aber nicht allein, nicht, weil ich es überdrüssig was zu dienen, sondern in Folge eines Ereignisses wovon Du später hören sollst! – Warum ich hieher zurückkehre und das Band der Sclaverei trage? Nun, ich suche am rand des Grabes mein Vaterland auf, um Gerechtigkeit zu fordern oder Rache zu üben! Und ich habe diesen Reif der Schmach und Schande bis heute getragen, damit er mir in jeder Minute ein ernster Mahner sein möge nicht bloss an mein eigenes vergangenes Elend, sondern an die rechts- und naturwidrige Unterdrückung von tausenden meiner Brüder! Längst hätte ich zu sterben gewünscht, denn ich habe alle meine Angehörigen begraben, wäre nicht die Bitte stärker gewesen, die ich an Gott richtete, mich noch die Zeit erleben zu lassen, wo das Wort Sclaverei nur noch in der Sprache, nicht mehr in der Welt existirt! So lebe ich noch, und ich fürchte noch lange leben zu müssen, sollte der Herr der Sterne die Wünsche der Sterblichen dem Wortsinne nach erhören!"

"Gewiss, Gott wird Euer Gebet erhören!" sagte Paul mit der naiven Zuversicht eines jungen Menschen, der noch geneigt ist, die Lehren der Schule ohne Bekrittelung als untrüglich hinzunehmen. "Ihr werdet dann auch Eure Enkelin, meine Schwester, wiedersehen, von der ich Euch so oft heimlich mit der Mutter sprechen hörte, wenn sie heftig weinte und keinen Trost finden konnte."

Ein letztes Aufflackern des Kaminfeuers warf bei diesen Worten helle Lichter auf den Greis. Paul erschrak, als er die entsetzten Mienen des Grossvaters gewahrte, die seine Bemerkung hervorgerufen hatte.

"Um Gott, Grossvater!" schrie der Jüngling auf und warf sich an die breite Brust des Greises. "Was ist Euch? Ihr seht ja bleich, wie die steinernen Männer auf den Kirchhöfen, und Eure Augen glühen wie Kohlen!"

"Fürchte Dich nicht," erwiderte der Alte, schwer aufatmend. "Ich zürne nicht, ich bin auch nicht krank, ich wusste nur nicht, dass schlafende Kinder zuweilen wachen."

"Ich darf also hoffen, meine Schwester zu sehen?" fragte Paul nochmals.

"Deine Schwester! Nun ja, ja, Du hast oder hattest eine Schwester, aber ich weiss doch nicht, ob Ihr einander liebhaben würdet!"

"Hat denn die selige Mutter nie etwas von ihr gehört?"

"Sie war verschollen oder verloren gegangen, ehe wir auswanderten," erwiderte ausweichend der Greis.

"Das ist traurig!" sagte Paul. "Ich war immer der Meinung, jener Brief mit dem zerbrochenen Kreuz, der Euch so heftig erschütterte, sei von dieser unbekannten Schwester und ihr gelte unser Besuch, nachdem wir in Polen keine näheren Freunde mehr hatten."

"Allerdings war es jener Brief, den ich noch auf meinem Herzen trage, welcher mich zum Verkauf meines kleinen Höfchens veranlasste. Er rührte von dem mann her, den wir morgen aufsuchen wollen. Der Maulwurffänger war, so lange ich in meiner Heimat lebte, mein treuester, uneigennützigster Freund. Er war der Letzte, dem ich beim Abschiede die Hand drückte und der mir wiederholt die Versicherung gab, dass er nie aufhören würde, meiner zu gedenken und nach Kräften für Freimachung meiner Stammbrüder zu wirken. Wir versprachen uns gegenseitig, einander zu schreiben, aber die Sorgen und Mühen schwerer Jahre liessen mich dies Versprechen scheinbar vergessen. Ein einziges Mal bald nach meinem Anlauf meldete ich dem Freunde, wie es mir in der Ferne gehe, und bald kam ein ausführliches Antwortschreiben zurück, das neben manchem lustig klingenden Schwank viel Trauriges entielt. Mir fehlte es an Zeit und Stimmung, darauf zu antworten, und so erfuhr ich auch nichts mehr von dem aufopfernden Freunde. Nur die Hälfte des Messingkreuzes, das wir beim Abschiede teilten, damit es uns als Erkennungszeichen dienen möge am Tage der Not oder des Glücks, bewahrte ich sorgfältig auf. Der Brief des Maulwurffängers entielt die andere Hälfte und eben dies zeigt mir an, dass er mir Eröffnungen von ausserordentlicher Wichtigkeit zu machen hat."

"Habt Ihr ihm denn unsere Ankunft gemeldet?"

"Wie hätte ich dies vermocht! Auch bedarf es dessen nicht! Ich kenne den Mut und die Ausdauer Heinrichs, der nicht müde werden würde, täglich nach mir auszuschauen und die Hoffnung erst mit dem letzten Atemzuge aufzugeben. Ist er, wie der Wirt versichert, wirklich noch am Leben, so finden wir uns irgendwo zusammen, um uns fernerweit zu beraten."

"Nun dann, Grossvater, lasst uns freudig Vertrauen fassen," sagte Paul. "Unangefochten haben wir den alten teuren Vaterlandsboden betreten, sind herzlich begrüsst worden von diesem Fremden und wissen sogar die Wege, die wir gehen sollen. Wesshalb da noch zagen und fürchten! Lass uns gemeinschaftlich den Allmächtigen anrufen und auf unsern Knien ihn um Erhörung bitten. Er wird dann die milden Schatten des Schlummers über unsere Augen breiten und die trüben Erinnerungen in unsern Seelen auslöschen, bis das Licht des neuen Tages uns weckt."

Die ungeheuchelte natürliche Frömmigkeit des Enkels rührte den Greis und gab ihm wirklich ein Vertrauen, das eigener Wille nicht mehr lebendig machen konnte.

"Amen! Amen!" versetzte er. "Du sprichst, wie rechtgläubige Christen handeln sollten. Komm denn und lass uns beten!"

Und der Greis kniete auf sein Strohlager, streckte die arme nach seinem jungen Enkel