1845_Willkomm_143_69.txt

seine, ich gebe es zu, furchtbaren Schwertiebe gegen die höchsten Stände und schon deshalb müssen wir ihn ignoriren. Ignoriren ist eine höchst empfindliche Strafe, die mehr wirkt, als Lärm! – Dies meine Meinung, liebes Herzchen, und nun sage mir, weshalb Du von der Lectüre so nachdenkend gestimmt worden bist?"

"Erlasse mir dies, guter Onkel," versetzte Herta. "Ich müsste die herrlichen Worte, die königlichen Gedanken, welche alle Menschen, ja die ganze Welt mit gleicher Liebe umfassen, auswendig wissen, wenn ich Dir ein nur schwaches Bild von dem Gemälde entwerfen wollte, das jeden Guten entzücken muss. Nein, Oheim, lies es selbst das Buch! Lies es ohne Vorurteil, in völlig reiner Geistesstimmung, und dann sage mir unumwunden, was Du davon hältst. Verurteilst Du meinen Schützling, so verspreche ich Dir, meine Hand von ihm abzuziehen."

"Brav, mein Mädchen!" sagte Erasmus, zog die schlanke Gestalt an sich und küsste sie auf die im Feuer der Begeisterung leuchtende Wange. "Du hast Recht, man muss prüfen, ehe man urteilt oder gar verdammt."

"Aber sage mir doch, kleiner Schalk," warf die Gräfin ein, gewaltsam ihren Verdruss über die Milde und Nachgibigkeit ihres Gemahls niederkämpfend, "wie bist Du denn zu diesen aufregenden Büchern gekommen?"

Herta presste feurig die Hand der Tante an ihre schwellenden Lippen. "Nicht zürnen, beste Tante!" sagte sie, so hold bittend, mit so engelsanftem blick der grossen schönen Augen, dass Weigerung nicht möglich war. Die Gräfin gewährte die Bitte durch gnädiges Kopfnicken.

"Also," fuhr Herta munter und treuherzig fort, "so hört mich denn! Einige Meilen von hier gegen die Berge hin wohnt ein wunderlicher, aber herzensguter Mann, der sich durch Unterricht der Dorfkinder kümmerlich genug sein Brod erwirbt. Er ist Schulmeister und heisst Gregor. Wenigstens kennt ihn Gross und Klein unter diesem Namen. Ich halte den guten Mann nicht eben für sehr gelehrt, dazu ist er zu steif und unbeweglich, auch mag er wohl nicht viel Zeit zum Studiren übrig behalten, aber für Besorgung des geringsten Auftrages, den man ihm gibt, lässt sich Keiner bereitwilliger finden."

"Bauernschulmeister!" bemerkte hier die Gräfin und wehte sich mit dem aufgeschlagenen Fächer Luft zu.

"Dorfschulmeister," verbesserte Herta etwas boshaft.

"Nun siehst Du, dieser ganz prächtige Mann ist ein leidenschaftlicher Bienenvater und als solcher sehr geübt und gesucht. Schon im vorigen Jahre sah ich ihn mehrmals in der Gegend beschäftigt, ausgeflogene Schwärme einfangen und die Bauern in der Kunst der Bienenzucht unterrichten. Bei seiner Wortkargheit macht er sich dabei recht drollig. Nun Ihr wisst ja, meine besten Herzensältern, dass ich ein klein wenig neugierig bin und mein Näschen überall hinstecke. So fragte ich also den Schulmeister Gregor eines Tages, wo ich ihn wieder mit seiner Arbeit, die Drahtmaske vor dem Gesicht, beschäftigt sah, was Alles dazu gehöre, ein tüchtiger Bienenvater zu werden? Darüber erschrak der gute Mann so furchtbar, dass er den Räucherkrug fallen liess und beinahe den Bienenkorb noch obendrein umgestossen hätte. Er stotterte, verbeugte sich unbeschreiblich komisch und sagte nach mehrmaligem fruchtlosen Ansatz zum Sprechen weiter nichts als" – "ganz natürlich!"

Erasmus lachte recht herzlich über den erschrockenen Schulmeister und auch die Gräfin erlaubte sich eine lächelnde Miene zu ziehen und die Erzählung ihrer neugierigen Nichte spasshaft zu finden.

"Nach und nach ward mein Mann etwas dreister," fuhr Herta fort, "und durch langes und vieles fragen bekam ich doch einen Begriff von der Bienenzucht. Es ist aber keine Beschäftigung für Mädchen und Frauen, darum will ich den Bienen ihre Geheimnisse lassen und mich mit den Früchten ihres Sammelfleisses begnügen. Schon wollte ich dem guten Schulmeister für seine Belehrung danken, als er mich beim Saum des Aermels ergriff –"

"Fi donc!" rief die Gräfin entrüstet und schob ihren Stuhl um einen halben Schritt vom Teetisch zurück. "Ein Dorfschulmeister hat den Aermel Deines Kleides angefasst!" Der Fächer geriet dabei wieder in sehr lebhafte Bewegung.

"Beruhige Dich, meine Liebe," sagte der Graf sarkastisch, "er h a t ihn angefasst und das mag uns trösten."

"Ja," fuhr Herta fort, "er fasste mich am Aermel und sagte in langen Pausen: Engel, hehrer, süsser Engelganz natur! – Wollen Sie vielleicht ein Buch über Bienenzucht lesen, so kann ich Ihnen ein vortreffliches leihen, natürlich! Dieses Anerbieten rührte mich, ich dankte ihm aufrichtig und fragte dabei, weil es mir gerade einfiel: ob er mir vielleicht irgend ein anderes Buch besorgen könnte? – Ganz natur, gab er zur Antwort, mit einer Würde, als habe er über ein mächtiges Königreich zu gebieten. Sie dürfen nur wünschen, Engel in Menschengestalt, und es soll geschehen, wenn es meine Kräfte nicht überschreitet, natürlich, natur! – Da nannte ich ihm denn einige Werke, nach denen ich lüstern war, und mein braver Gregor hat mir pünktlich Wort gehalten. So kamen, wie Frühlingsvögel, die den warmen Sommer verkünden, zugleich mit den Lerchen ein paar Bände von Schiller, Novalis und Bürger; so flog auch Don Karlos in mein stilles grünes Blätterboskett, und ich sage Euch, dass sie mich alle recht glücklich gemacht haben, weit glücklicher, als Eure vielgepriesenen steifen und unwahren Franzosen. Und nun rufe