seiner herrschaft danach zu streben. Er verbesserte, so weit es sich mit seinen Ansichten vertrug, die Lage seiner Untertanen. Er sah darauf, dass seine Vögte Menschen von gutem Herzen waren, die seine Leibeigenen nicht unnötig quälten. Hatte Jemand ein Anliegen, so hörte ihn der Graf ruhig an und half, wo er konnte oder Hilfe nötig erachtete. Er verringerte sogar aus eigenem Antriebe die Zahl der Hofetage, um durch grössere Freigebung der Bauern eine Verbesserung seines Besitztumes zu erzielen. Und Erasmus hatte nicht falsch gerechnet. Die Untertanen hingen ihm an, taten ihm manche Handleistung freiwillig, wurden wohlhabender, hielten bessere Aerndten und konnten ihm in Folge derselben auch die Abgaben pünktlicher zahlen.
Ganz auders dachte seine Gemahlin Utta, aus einem stolzen hannöverschen Adelsgeschlecht. Sie war, was Eleganz, Form, äussern Bildungsfirniss anlangt, vollkommen das Ebenbild von Erasmus, aber sie verachtete, ja hasste sogar den gemeinen Mann. War sie genötigt, mit irgend Jemand aus dem volk zu sprechen, so wehte sie sich immer mit ihrem Fächer Luft zu, damit der unedle Atem des armen Proletariers ihre hochgräfliche exclusive Nase nicht mit seinem ungebildeten Duft entweihe. Sogar in Gegenwart ihrer Dienstboten hatte sie diese noble Passion beibehalten, obwohl sie jeden Diener ein wahres Purgatorium durchmachen liess, ehe sie ihn würdig fand, ihr zu nahen. Gräfin Utta würde es jedenfalls vermieden haben, sich mit Leuten aus dem volk zu umgeben, hätte es sich nur schicken wollen, Adelige zu so erniedrigenden Diensten zu gebrauchen. Daher bedauerte sie auch häufig die unvollkommene Einrichtung der Welt, die nicht eine eigene Dienerkaste hatte erfinden und begründen können, welche zwischen dem rohen Haufen und dem adlig Gebornen mitten inne stehe, diesem allein aber seine unbefleckte Hand zu dienender Huldigung darreiche.
Diese Frau, eine kühle, hohe Schönheit, deren Spuren selbst das Alter der Matrone noch nicht gänzlich verwischen konnte, war Magnus Mutter. Unter ihrer Aufsicht wurde der stolze, trotzige, begabte Knabe erzogen. Ihm lehrte sie täglich den Katechismus der unverfälschten Aristokratie, fragte ihm denselben ab und überschüttete ihn mit Liebkosungen, wenn er gut bestand. Erasmus billigte eine solche Kindererziehung zwar nicht, er hatte aber auch nicht hinreichende Zeit und noch weniger Geduld, ihr entschieden entgegen zu treten. So begnügte er sich mit spöttischem Lächeln und gelegentlichen Bemerkungen, die jedoch Gräfin Utta unbeachtet an sich vorüberrauschen liess. Konnte man da verlangen, dass Magnus mit seinem angebornen Sinn zum Herrschen, mit seiner heftigen Sinnlichkeit, mit dem sorgsam gepflegten Hange, den unbeschränkten Tyrannen zu spielen, ein Anderer werden sollte, als wie wir ihn bereits kennen gelernt haben? Immer fand er eine bereitwillige Fürsprecherin in seiner Mutter, wenn er als Knabe die Herrscherwillkür zu weit getrieben hatte und deshalb Klagen bei seinem Vater einliefen. Ein Verweis, bald mehr bald minder streng, war die einzige Art der Bestrafung, die Magnus kennen lernte. Diesen nahm er mit der von seinem Vater streng geforderten Ergebung hin, um sich unmittelbar darauf von der zärtlichen Mutter seiner Selbstbeherrschung und anmutigen Sitte wegen loben und in seinen Torheiten bestärken zu hören.
Nach Entwerfung dieser Silhouetten bitten wir den Leser, uns in das Zimmer des Grafen Erasmus zu begleiten. Der Graf sass in seinem auf Rollen ruhenden Lehnstuhle zwischen Kamin und Ofen. Ein mit Zobelpelz verbrämter Schlafrock von feinstem Stoff umhüllte ihn. Den edel geformten, wohl frisirten Kopf hatte er auf die rechte Hand gestützt. So hörte er mit feinem Lächeln einem gespräche seiner Gattin zu, das diese in dem Augenblick abbrach, wo Herta mit dem Bedienten eintrat, der ein Teeservice von kostbarem meissener Porzellan in chinesischem Geschmack trug.
Das junge Mädchen grüsste Oheim und Tante mit schalkhafter Vertraulichkeit und machte sich sodann, auf der Seite des Kamins Platz nehmend, mit Einschenken des Tee's zu schaffen, dessen Bereitung die Gräfin ihr stets überliess. Seltsamerweise liebte die schroffe Aristokratin ihre Nichte über alle massen, obwohl sie mit ziemlicher Bestimmteit wusste, dass Herta ganz andern Ideen nachhing als sie. Die unverkennbare Herzensgüte des jungen Mädchens, verbunden mit dankbarer Hingabe an ihr Haus, und die natürliche schwebende Grazie, die das junge geschöpf mit weit mehr Reiz umgab als die kunst- und erziehungsgerechteste Tournüre je um sich verbreitet, gewann der schönen Nichte ihr Herz und liess sie kleine Flecken, die sonst in ihrem Auge entstellenden Fehlern, ja verachtungswürdigen Verbrechen geglichen haben würden, übersehen.
"Nun, meine Liebe," sprach Erasmus, als ihm Herta die erste Tasse Tee mit freundlichem Lächeln reichte, "worüber hast Du heute so lange nachgedacht, dass der reine Himmel Deiner Stirn mit leichten Wolken umschleiert ist?"
Herta schlug hastig die tiefen grossen Augen auf und ein sanftes Rot überrieselte ihre Wangen.
"Bin ich so ernst?" fragte sie schüchtern.
"Nachdenkend, mit Wünschen und Ideen Dich tragend, wie ich es gern habe, doch wär' es mir noch lieber, wenn ich Dich immer frei und froh erblickte. Deine Jugend will ich nicht von dem kleinsten Schatten getrübt wissen."
"Da musst Du die Sonne auslöschen," versetzte Herta schalkhaft, "denn das liebe warme Himmelslicht hat mir schon manchen Schatten in mein Zimmer geschickt und mich gar arg verfinstert."
Erasmus schlürfte bedächtig den Tee und liess dabei mehrmals sein Auge auf dem Mädchen ruhen, das darüber beunruhigt niederblickte. "Deine scherzhafte Antwort kann mich doch nicht täuschen," sagte er nach einigem Zögern. "Du bist nicht meine klare, seelenstille Herta, Du bist aufgeregt