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Armer Junge!" sagte Herta mitleidig. "Nun fasse Dich nur und erzähle, was ich wissen muss dann will ich gern, steht's in meiner Macht, Dir helfen."

"Ach sehen Sie, mein gutes, gnädiges fräulein," fuhr der Bursche, durch Herta's sanfte und teilnehmende Worte aufgemuntert, fort, "ich heisse Clemens, eigentlich Clemens Ehrhold, und bin von drüben her aus dem Gehege, wo mein Vater ein Bauergut hat und sich redlich plagt, um das liebe Brod zu verdienen. Und da hat mein Vater einen Stiefbruder, der ein paar Jahr älter ist und aus der Haide stammt, und der heisst Jan Sloboda, tröst' ihn Gott! Ja und sehe'n Sie, gnädiges fräulein, im Winter da halten wir doch die Spinte, wie Sie wissen werden, damit die jungen Mädchen ihren Flachs aufspinnen, den sie im vergangenen Jahre geärndtet, geröstet, gebrochen und gehechelt haben, und wir Burschen, wir besuchen die Spinnerinnen manchmal, und da machen wir einen Spass zusammen, so gut arme Leute es können. – Und da war des Sloboda seine Tochter, das Haideröschen auch da, weil sie beim Vater die Wirtschaft lernen sollte, Ew. Gnadendenn mein Vater, o das ist ein Hauptwirt im Gefilde! – Nun sehen Sie, gnädiges fräulein, Haideröschen ist sehr hübsch, fast so hübsch wie Sie, bitte' um Verzeihung, und auch jung ist sie und wie aus Rosen und Schnee zusammengebosselt. Und da hat sie dem gnädigen Herrn gefallen, aber er gefiel ihr nicht, und weil sie nicht auf seine schönen Worte hörte, da hat er sie entführt vom Todtensteine. nachher aber ist sie ihm entsprungen mit Hilfe des Maulwurffängers, den Ew. Gnaden gewiss auch kennen, und lebt wieder bei ihrem Vater. Und da hätt' ich nun die grausam grosse Bitte an Sie, dass Sie das arme Ding zu sich nähmen, damit sie der böse Herr nicht wieder fortschleppen kann; denn sie gehört zu den hiesigen Untertanen, Ew.Gnaden!"

Aufmerksam, zuweilen lächelnd über den etwas verworrenen und drolligen Vortrag des Burschen, hatte ihn Herta angehört, jetzt versetzte sie: "Das ist ja eine ganze geschichte und noch dazu eine recht böse geschichte, mein Guter. Eine Entführung! Pfui ! Wie heisst denn der Bösewicht?"

"Wir heissen ihn ins Gemein nur Blauhut von wegen seiner Filzkappe, aber eigentlich heisst er Graf Magnus."

"Wie?" sagte Herta und stand auf, "mein Vetter Magnus hätte eine solche Freveltat begangen an einem armen schuldlosen Mädchen?"

"Der liebe Gott muss den gnädigen Herrn Grafen wohl auch im Zorn zu des gnädigen fräulein Vetter gemacht haben," versetzte Clemens, "aber meine Muhme hat er entführt, obwohl's nicht seine Untertanin ist!"

"Du bist ihr gewiss recht gut?" sagte Herta, den Burschen schlau ansehend.

"Ach ja, gnädiges fräulein, ich bin ihr gut, das kann ich wohl sagen und Haideröschen hat auch nichts dawider, und wenn nichts drein kommt und es ist alles auf Pfarre und hof wegen der Dispensation in Richtigkeit gebracht, so wollen wir uns auf den Herbst heiraten. Aber nun fürcht' ich, wird der Herr Graf seine Einwilligung dazu nicht geben, wenn das gnädige fräulein nicht etwa ein gutes Wort bei ihm einlegen und ihm die Sache vorstellen wollte. Denn es heisst überall, dass Ew. Gnaden mit dem unbändigen Grafen machen könnten, was Sie wollten."

"Da schreibt man mir eine Macht zu, die ich leider nicht besitze, guter Clemens," erwiderte Herta, traurig den Kopf schüttelnd. "Mein Vetter hat einen gar unbeugsamen Willen, den nicht einmal sein eigener Vater immer leiten kann, wie er es wünscht. Indess glaube ich wohl, dass, stelle ich ihm die Sache in einer glücklichen Stunde recht dringend vor, er Deinem Glück nichts in den Weg legen wird."

"Ach, Sie sind so gut als schön, gnädiges fräulein!" fiel Clemens ein, vor Freude einen blick innigster Dankbarkeit auf das junge Mädchen werfend. "Aber ehe es dahin kommt, wird der Herr Graf Haideröschen wieder abholen und sie zum Dienst zwingen wollen und dann –"

"Nun, Du stockst? Sage grade heraus, was Du meinst!"

"Ja, sehen Ew. Gnaden, wenn er das beabsichtigen sollte, dann fürchte ich, gibt es Mord und Todtschlag. Denn was wendisches Blut in den Adern hat, das wird dann zuschlagen und wahrhaftig, gnädiges fräulein, Sie dürfen mir das nicht übel nehmen, aber ich werde gewiss nicht der Letzte sein!"

"Will's Gott, soll das verhütet werden, guter Clemens," erwiderte Herta. "Ich zähle mich auch halb und halb mit unter die Wenden, obwohl ich meine guten älteren nie gekannt habe, und da verlangt es schon die Stammverwandtschaft, dass ich mich Deiner und Deiner Geliebten annehme. Ich kann es Dir zwar nicht bestimmt versprechen, guter Bursche, dass Haideröschen hier auf dem schloss eine Zuflucht finden wird, denn von mir hängt das nicht ab. Ich bin selbst nur Gast, wenn ich auch für das Kind des Hauses gelte. Mein Wort jedoch gilt etwas beim alten Grafen, und diesen werde ich von Deinem Anliegen in Kenntniss setzen. Komm morgen um diese Zeit wieder und hole Dir Antwort. Adieu, auf