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dem nächsten Haidedorfe nach Ihnen gefragt. Erlauben Sie, dass ich ihn einlasse?"

"Warum sollte ich das nicht erlauben?" versetzte Herta heiter und zutraulich, ununterbrochen ihrem Lieblinge neue Bucheckern aus dem Körbchen reichend und die Schalen, die er fallen liess, behend wieder vom Boden auflesend.

"Ich dachte, es möge sich nicht schicken," entgegnete das Mädchen, "wenn das gnädige fräulein mit einem Bauerburschen allein sprechen will."

"Nun das ist wohl, denke' ich, eine sehr unschuldige Sache," erwiderte Herta lachend. "Wie oft gehe ich allein durch den dichtesten Wald in die Haidedörfer, um die Hütten der Armen und Kranken zu besuchen. Da begegnen mir gar oft recht hässliche Menschen von Ansehen, aber wenn ich ihnen offen in's Auge blicke, da ziehen sie sogleich alle ihre Kappen und Mützen und gehen ihres Weges. Manche bleiben freilich auch stehen und sehen mir nach, aber es hat mir noch niemals irgend Jemand ein unschönes Wort gesagt! Nun siehst Du, Emma, da wird's wohl auch mit dem Bauerburschen nicht gefährlich sein. Bist Du aber durchaus der Meinung, es schicke sich nicht, dass ich allein höre, was er will, so bleibe Du hier, Du kannst ja mit anhören, was ich ihm sage."

"Er will Sie aber durchaus allein spreehen."

"Ja, meine gute Emma, da hilft kein Widerstreben. Ich muss ihn entweder anhören oder fortschicken, und da will ich doch lieber das Erstere tun, wenn auch die Schicklichkeit dieses Schlosses einen kleinen Klaps dabei abkriegen sollte. Das kann ihr gar nichts schaden, sie würde nur etwas natürlicher werden. Rufe also in Gottes Namen den Burschen! – Aber wart'! Du bist ja auch eine Blumenfreundin. Da suche Dir eins von diesen Veilchensträusschen aus, die ich heute gebunden habe. Nicht wahr, sie sind ganz hühsch und wirklich so zart und duftig, als hätten sie die Elfen gepflückt?"

"Ach Sie sind gar so geschickt!" sagte Emma und nahm mit dankbarem Knicks das kleinste der Sträusschen.

"Nicht doch, mein Kind! Das waren die schlechtesten Ueberreste! Hier, das ist hübsch, das duftet wunderlieblich und, wart', das muss sich an Deiner Brust gar lieblich ausnehmen."

Und während Herta so plauderte, nahm sie das allerschönste Sträusschen aus dem Körbchen und befestigte es mit eigenen Händen an Emma's Busen. "Sieh, wie das prächtig steht!" rief sie vergnügt aus. "Guck' geschwind 'mal in den Spiegel, damit Du Dich nicht zu verwundern brauchst, wenn Du nächstens ein ganzes Dutzend Liebeserklärungen bekommst. Und nun mach' und bringe mir den Burschen. Ich bin doch neugierig, was der für ein Anliegen an mich hat. Es ist der erste junge Bursche, der mich besucht," setzte sie mit einem Anflug kecker Laune hinzu, "und wenn's recht ist, so muss er mir Glück bringen. Ich will mich aber auch gleich ein bischen hübsch machen. – So! –"

Herta trat vor den Spiegel, warf ein paar ihrer weichen vollen Locken über ihr schelmisches Gesicht und liess die andern einmal durch heide hände rollen, dass sie verlängert Nacken und Schultern mit ihrem Glanz verhüllten.

Zögernd verliess Emma das Zimmer, Herta nahm Platz in ihrer Epheulaube und warf dem wieder aus seiner Blätterhöhle klug herausguckenden Eichhörnchen noch ein paar Bucheckern zu.

Mit vielen linkischen Bücklingen und Kratzfüssen trat der Bauerbursche ein, seine niedrige Pelzmütze verlegen in der Hand drehend.

Herta, gegen Jeden, auch den Geringsten, höflich und zuvorkommend, stand auf und erwiderte den befangenen Gruss des Burschen mit einer Verbeugung und der zutraulich an ihn gerichteten Frage: "Wer bist Du, mein Guter und was wünschest Du von mir? Ich höre, dass Du mir allein etwas Wichtiges mitteilen willst."

"Ach ja, was sehr Wichtiges, gnädiges schönes fräulein," versetzte der Bursche, der vor Verlegenheit der vornehmen Dame gegenüber nicht wusste, was er sagen sollte.

"Bist Du etwa arm und hast kranke älteren oder kleinere Geschwister, die Du nicht ernähren kannst?" fragte Herta weiter, um dem Schüchternen Mut zu machen.

"Ach ja recht sehr arm, gnädiges fräulein!"

"Dann wünschest Du gewiss, dass ich Dich unterstützen soll? Armer Bursche, ich möchte Dir gern recht viel geben, aber meine kleinen Schätze sind ganz erschöpft. Erst nach dem Feste bin ich wieder im stand –" und die Freundin der Armen schüttete den Rest kleiner Münzen aus ihrer perlengestrickten Börse in ihre hohle Hand und reichte sie dem Burschen.

"Ach nein, das kann ich nicht annehmen, gnädiges fräulein," sagte der Bursche errötend, da er sah, dass das schöne Mädchen seine Worte in einem Sinne auslegte, den er ihnen nicht hatte geben wollen. "Ich wünschte wohl Ihre Unterstützung, aber das Geld da – o neindas brauche ich nicht!"

Herta hielt das Häufchen Münze dem Burschen noch immer entgegen. "Ja, mein Guter, Du sagtest doch eben, dass Du sehr arm seist?"

"O das bin ich auch, mein schönstes, allergnädigstes fräulein, und recht unglücklich dazu! Und wenn sie mich nur anhören wollen und nicht böse werden, wenn ich ungehörige Dinge sage, so werden Sie's gleich sehen, wie gar grausam unglücklich ich bin!"

"