Schloss, durchschritt mit ihr die Hausflur und trat in den Hof. Hier vernahm er die verworrenen Stimmen des Gesindes, die den Voigt mit Schmähungen überhäuften. Sie hatten bald nach dem Maulwurffänger die Gesindestube mit dem Voigte verlassen und trugen mehrere Laternen, um bei ihrem Licht zu sehen, was es gebe. Auf sie ging jetzt Heinrich mit seiner Schutzbefohlenen zu. Alle erstaunten, das schöne, bleiche, zitternde Mädchen im Arm des Landmannes vertrauensvoll ruhen zu sehen.
"Voigt," sagte der Maulwurffänger befehlshaberisch, "öffne das Tor! Ein rechtschaffener Mann verschmäht es, in der Höhle eines Räubers zu übernachten, er will lieber auf offener Haide unter Wölfen obdachlos umherirren. Meinen Quersack, meine Drähte und Bügel wirst Du mir in den Kretscham schicken. Dort werde ich sie mir abholen, wenn ich Zeit und Lust habe. Ausgemacht, sag' ich, oder es nimmt kein gutes Ende!"
Die zornigen Blicke des Maulwurffängers, die drohenden Gesichter der Knechte, die murrend umher standen, schüchterten den Voigt ein und liessen ihn den Willen des Landmannes tun. Als die Torflügel zurückwichen, wendete sich Heinrich nochmals um und sprach:
"Gieb diesen Schlüssel Deinem Herrn und sag' ihm, der Maulwurffänger liess ihn grüssen. Von jetzt an habe er ihn als seinen Todfeind zu betrachten!"
Dann schritt er mit Haideröschen zum Tore hin
Ende des ersten Teils.
Zweiter teil
Drittes Buch
Erstes Kapitel.
Herta.
Am fuss der alten Burg Boberstein breitete sich ein Garten aus, der gegen Süden die ganze Ausdehnung der kleinen Insel einnahm und die Ufer des See's berührte. Nach dem abscheulichen Geschmacke damaliger Zeit durchschnitten steife Taxuswände diesen Garten in verschiedener Richtung. Sie waren so vortrefflich unter der Scheere des Gärtners gehalten, dass kaum ein Blatt oder dünnes Zweiglein über die glatte Linie hervorragte. Jetzt standen diese Baumwände entblättert, nur an den Wurzeln der Büsche auf den Rabatten brannten gelbe Crocus gleich Flämmchen aus der braunen Erde und dunkelblaue Veilchen verkündigten durch ihr duftiges Arom. dass sich bald der hellblaue Frühlingshimmel wieder über die sehnsüchtige Erde ausspannen werde.
In den sich kreuzenden Gängen dieses Gartens wandelte am "stillen" Sonnabend, der dem Ostertage vorhergeht, leichten Schrittes ein junges schlankes Mädchen. Ein schneeweisses Musselinkleid floss gleich einer Wolke von glänzendem Lichtstoff um die liebliche Gestalt, die am linken Arm ein zierlich aus Fischbein und gespaltenem Rohr geflochtenes Körbchen trug, dessen Rand und Henkel mit aufbrechenden Feldröschen von künstlicher Arbeit eingefasst war. Eine Menge kleiner Veilchensträusschen lag kranzförmig geordnet in der mit Rosataffet ausgeschlagenen Höhlung des Körbchens, und in deren Mitte ein Häufchen frischer Bucheckern. Am Busen trug das Mädchen ebenfalls ein Veilchensträusschen, dem noch zwei Crocus beigefügt waren.
Wer die einsam Dahinwandelnde von Ferne erblickte, konnte sie leicht für eine überirdische Erscheinung halten, so schwebend und graziös, wir möchten sagen äterisch, waren alle ihre Bewegungen. Sie ging stets, selbst bei sehr schlechtem und stürmischem Wetter, in blossem kopf, und ihr schönes und reiches aschfarbenes Haar, das sie in zahllosen Locken fessellos trug, umwehte dann häufig ihr von Engelsgüte strahlendes Gesicht gleich weichen Seidenfittichen.
Dieses Mädchen war Herta, deren Name bereits mehrmals in unserer geschichte genannt worden ist. Auch jetzt, wo sie die Erstlinge des Lenzes gesammelt und mit geschickter Hand und sinnigem Geschmack in zarte Sträusschen gebunden hatte, wühlte der Morgenwind, der scharf und kältend über die Haide fuhr, in ihrem reichen Haarwuchs und verschleierte oft den Glanz ihrer grossen rehbraunen Augen. Herta kam von ihrem Morgenspatziergange zurück und ging nach dem schloss, dessen graue, mit Moos, Flechten und Epheu überwachsenen alten Mauern mit den vielen zackigen Zinnen und spitzen Schiefertürmen von der Sonne beleuchtet, recht ehrwürdig auf dem schroffen Granitfelsen dalagen.
Die Zimmer in diesem alten Feudalschlosse waren mehrenteils düster und fast immer nur von je zwei Fenstern erhellt, die sich in turmartigen halbrunden Vorsprüngen befanden. Auch Herta bewohnte eins dieser schmalen, langen, dunkeln und hohen Gemächer, deren uralte Tapeten von gepresstem Leder, mit breiten Goldleisten verziert, diesen Gemächern ein ächt mittelalterliches Ansehen gaben. Selbst die Möbeln erinnerten an längst vergangene Tage. Sie waren steif und massenhaft, dabei aber von grosser Dauerhaftigkeit und mit äusserster Sorgfalt gearbeitet. Alle Stuhllehnen zeigten die wertvollsten Holzschnitzereien, und die Ueberzüge von ächtem venetianischen Sammet waren prachtvoll und tadellos.
Herta war zeitig darauf bedacht gewesen, sich ihr Zimmer wohnlich einzurichten, und hatte zu diesem Behufe einen jener erwähnten halbrunden Turmerker, den sie als Arbeitsplatz benutzte, in eine reizende Epheulaube verwandelt, die sie mit nie ermüdender Geduld pflegte und in der sie wie eine Fee in grünem Blätterdämmer sass.
Als das Mädchen von ihrem Spatziergange im Schlossgarten zurück kam, stellte sie das Körbchen auf ihren Arbeitstisch in der Epheulaube, nahm eine Buchecker und rief: "Hänschen!" Sogleich klirrte ein dünnes Messingkettchen und ihrem stuhl gegenüber aus einer Höhle dunkler Epheublätter, die eine Oeffnung im Fenster verdeckten, guckte das kleine zierliche Köpfchen eines braunen Eichhörnchens. Lächelnd nahm Herta die Buchecker zwischen ihre frischen schwellenden Lippen und näherte sich dem reinlichen Tierchen, das sogleich gewandt an dem Geäst herabkletterte und das beliebte Futter mit grosser Geschicklichkeit aus dem mund des jungen Mädchens nahm. Während sich Herta noch an den gewandten Sprüngen, dem behenden Entülsen der Eckern und dem komischen Geknusper des muntern Tierchens ergetzte, trat eine Dienerin ein, die jung und hübsch wie ihre Herrin war und überaus saubere Kleider trug.
"Gnädiges fräulein," sprach das Mädchen, "es hat schon zweimal ein junger Bauer aus