an der Schläfe. Taumelnd stürzte er zurück auf den Teppich. Er sah dunkel, dass die Fenstertür, die Haideröschen ausholend mit dem Leuchter zertrümmert hatte, sich öffnete und gleich darauf die entschlossene Wendin mit einem laut ausgestossenen Hilferuf im feuchten Nebeldunst verschwand. –
Dieser Hilferuf war es, der den Maulwurffänger in seinem Gespräch mit dem Gesinde des Edelhofes störte und ihn, unglückahnend, in's Frei trieb. Eingedenk der erlaubnis des Grafen, die Wendin in ihrer Einsamkeit besuchen und trösten zu dürfen, machte er sich jetzt Vorwürfe über seine Saumseligkeit, obwohl er sich gestehen musste, dass seine Absicht dabei die beste gewesen sei. Er zweifelte keinen Augenblick, dass Haideröschen ein neues Unglück zugestossen sei, sogar der Verdacht, Graf Magnus möge nicht Wort gehalten haben, stieg in ihm auf.
Mit den Oertlichkeiten vertraut, eilte er schnellen Schrittes über den Hofraum nach dem Portale des Herrenhauses. Durch den niedrig ziehenden Nebel sah er den Lichtschimmer aus den Fenstern des gräflichen Wohnzimmers, alle übrigen Fenster in dem geräumigen Gebäude waren jetzt finster. Dies fiel ihm auf, zugleich aber bestärkte es ihn auch in seinem Verdachte.
"Ha," sprach er zu sich selbst, "der Schelm hat die Lichter ausgelöscht, um desto leichteres Spiel zu haben! Hätte ich nur eine Leuchte mitgenommen! Aber Dank meinem häufigen Hiersein, ich werde auch ohne Licht den Unhold finden und noch zeitig genug an der Gurgel packen! Den Griff des Maulwurffängers soll er sein Lebtage nicht vergessen!"
Die Haustür war bloss angelehnt und drehte sich geräuschlos auf den Angeln. Im Flur brannte keine Lampe mehr, ein Zeichen, dass die Dienerschaft zur Ruhe gegangen war. Heinrich schritt auf den hallenden Fliessen nach der Treppe, als er ganz nahe mehrmals nach einander "Hilfe! Hilfe!" wehklagend und laut schreiend rufen hörte.
"Es ist Haideröschens stimme," sprach er, "ich kenne diese Nachtigall der Wälder. Aber wie kommt sie hieher? Sollte sie Junker Blauhut in den Gartenpavillon gelockt haben?"
Während sich diese Gedanken in seinem inneren kreuzten, lag seine Hand auch schon am Riegel der nach deln Garten führenden Tür und stiess ihn zurück. Mit kräftigem Ruck riss er sie auf, der Wind jagte ihm Nebel und dürres Laub, das sich auf den Sandgängen kräuselte, in's Gesicht und zwang ihn, auf einige Secunden die Augen zu schliessen. Dann trat er hinaus auf die breiten Stufen, die in den Garten hinab führten, eilte einige Schritte vorwärts und drehte sich um, seine scharfen luchsartigen Blicke durch den Nebelflor auf die Breitseite des Herrenhauses richtend. Das Zimmer, in dem Haideröschen bisher zugebracht hatte, befand sich fast in der Mitte des Gebäudes und lag grade vor ihm. Der Schimmer der einzigen noch brennenden Kerze drang bis zu ihm herab. Er sah das Flattern der Vorhänge an der offenen Fenstertür und erriet den Zusammenhang.
"Sie muss auf dem Balcon sein," dachte er und suchte mit verschärfter Aufmerksamkeit an der steinernen Brüstung und hinter den verpackten Stämmen der Oleander und Citronenbäumchen. Am linken Ende schlangen sich an dünnem Spalier die zitternden, schlanken Aeste eines Jelängerjelieberstrauchs, oder, wie der Landmann diesen Baum nennt, einer "Rose von Jericho" empor. Dort sah er etwas Weisses schwebend zwischen Himmel und Erde flattern.
Schleunig eilte er darauf zu und erkannte die Wendin, die sich vergeblich anstrengte, aus den sie umrankenden schlangenartigen Aesten des alten Baumes, in denen ein teil ihrer Kleider hängen geblieben war, sich los zu machen und herabzuspringen.
"Bist Du es, Röschen?" fragte er flüsternd.
Die Wendin hörte ihn. "O rettet mich, rettet mich, wer Ihr auch sein mögt!" gab sie flehentlich zur Antwort. "Die Angst tödtet mich und er wird mich verfolgen!"
"Wo ist der Graf?" fragte Hemrich, am Spalier empor kletternd, die Kleider des Mädchens gewaltsam von dem Geäst losreissend und sie sanft auf die Erde herabhebend.
Haideröschen zitterte wie ein Espenlaub. "Dort! dort!" sagte sie stammelnd, vor Angst und Schauder mit den Zähnen klappernd, und deutete nach den trüb schimmernden Fenstern.
"Gott Lob, ich bin ihm entronnen! Aber wer seid Ihr, wackerer Mann?"
"Kennst Du den Maulwurffänger nicht, den Freund der Armen und Notleidenden?" versetzte Heinrich lächelnd. "Ich komme von Deinem Vater in der Absicht, Dich zu beschützen. Hat Dir der Bube ein Leid angetan?"
"Nein, nein, Gott sei gelobt!" sagte Haideröschen atemlos, ihre arme vertrauensvoll um den stämmigen Nacken des schlichten Landmannes schlingend. "Die Engel des himmels haben über mir gewacht und dem Bösen die hände gebunden. Aber komm, Heinrich, komm, lass uns fliehen, ehe er mir nachsetzt!"
"Das soll er wohl bleiben lassen," sagte der Maulwurffänger, drohend die Hand gegen die erleuchteten Fenster ballend. "Beruhige Dich, Haideröschen, Du bist jetzt geborgen!"
So sprechend legte er sanft seinen Arm um ihren Oberkörper und führte sie dicht an dem Gebäude hin nach der Haustür.
"Nicht da hinein, Heinrich!" flehte sie bebend. "Er könnte uns begegnen und seine Knechte rufen."
"So schlage ich ihm den verruchten Schädel ein, wie einem tollen Hunde!" rief Heinrich erbittert. "Komm nur, es gibt hier keinen andern Ausweg."
Er zog die Zitternde mit sich fort in's