1845_Willkomm_143_6.txt

eine warme Lagerstatt an.

"Solltet Ihr früher wach sein, als ich oder meine Leute," sagte der Wirt, nachdem die Streu auf umgestürzten Schemeln bereitet war, so dürft Ihr bloss mit dem Deckel des Ofentopfes herzhaft klappern. "Das ist unsere Klingel, für die wir allesammt ein gar feines Ohr haben. Gute Nacht, der Herr behüte Euch!"

Er drückte seinen Gästen nochmals die Hand und ging dann ohne Licht, wie die Uebrigen, in die an die Wohnstube stossende Schlafkammer.

Fussnoten

1 Bruchstücke noch jetzt unter den Wenden gäng und geber Volkslieder.

Zweites Kapitel.

Eine Eröffnung.

Unter halblautem Gebet streckten sich Greis und Jüngling auf die duftige Streu. Wie schläfrig aber auch Paul den ganzen Abend gewesen war, so munter ward er jetzt, als jedes Geräusch um ihn her verstummte. Die bleichen Flämmchen, die noch zuweilen über dem Aschenhäufchen des erlöschenden Kaminfeuers gaukelten, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und beschäftigten seine Einbildungskraft. Die tote Stille der Haide, von keinem Tierlaut unterbrochen, wirkte gewaltiger auf den Geist des Jünglings ein, als das verworrenste Gelärm. Die Nacht war so still, dass nicht einmal das fast nie feiernde leise Rauschen der Wälder, dies Atmen der natur, gehört ward. Sanft rieselnd schlug ein feiner Regen an die Fenster, dem sich bald das lautere Plätschern einer ausgiessenden Dachrinne auf die Steinplatten vor dem haus zugesellte.

Das wiederholte tiefe Aufseufzen des Grossvaters sagte ihm, dass auch diesen der Schlummer fliehe. Jetzt mehr als vorher, wo fremde Gesichter ihn störten, zum Reden aufgelegt, sprach er zu dem Greise:

"Ihr schlaft auch nicht, Grossvater?"

"Mit den Jahren kommt der Schlaf nur langsam, doch lass Dich dadurch nicht in Deiner Ruhe stören, Paul!"

"Mir ist's, als hätt' ich schon ausgeschlafen. Hört nur, wie es regnet!"

"Haidewetter, nichts weiter!"

"Grossvater, ich möchte' Euch was fragen."

"Wer verwehrt es Dir?"

"Haben wir noch weit bis an den Ort, wo meine selige Mutter geboren ward?"

"Nein, Paul! Wir kommen aber vor jetzt nicht dahin."

"Aber warum denn nicht? Ich möchte so gern das Haus sehen, wo sie gewohnt, wo sie Euch gepflegt und geliebt hat."

Der Greis richtete sich auf und wendete sein patriarchalisches Gesicht dem Enkel zu. Die hüpfenden bläulich roten Flämmchen am Kamin beleuchteten ruckweise seine ausdrucksvollen, von Schmerz durchfurchten, aber in Demut gefassten Züge. "Paul," sprach er, "ich habe, als wir zusammen die weite Reise antraten, versprochen, deren Veranlassung und Zweck Dir an dem Tage zu erklären, wo wir das Land unserer Väter betreten würden. Dieser Tag ist gekommen, und da es scheint, als wolle Gott mein Gebet erhören und mir die letzten Stunden meines Lebens aufheitern, so will ich gleich jetzt mein Wort lösen und Dich, so weit es frommt, in das einweihen, was die Zukunft auch von Dir erheischen wird."

"Du hast mich oftmals gefragt," fuhr der Greis fort, "weshalb ich, da es doch sonst Niemand zu tun pflegt, mit ledernem Riemen mir Haar und Stirn umwinde? Es geschieht dies zur Erinnerung an eine schwere und furchtbare Vergangenheit, deren Schauplatz diese endlose Haide und deren Umgegend ist. Oft, lieber Paul, ehe die blutige Revolution in Polen ausbrach, hast Du den Zustand der elenden unwissenden Bauern beklagt, die jeder Laune ihrer hochmütigen, brutalen Herren demütig nachkommen müssen und nicht einmal murren dürfen, wenn sie unmenschlich gemisshandelt, gleich dem Vieh mit Füssen getreten werden. Es ist dies das beklagenswerte, empörende los aller Leibeigenen, es war auch das meine, Paul, als ich hier lebte, denn Dein Grossvater war ein Leibeigener!"

Hier überwältigte das Gefühl den alten Wenden, die stimme versagte ihm, in lautem Schluchzen und weinend barg er sein Antlitz in die zitternden hände.

"O Gott, o Gott!" rief Paul. "Wie kann dies möglich sein!"

"Es war noch weit mehr möglich," versetzte der Greis, sich wieder beruhigend. "Höre mich an und schweige! – Wir, die wir einem und demselben Herrn untertan waren, wir erhielten von ihm am Tage der Confirmation den Stirnriemen als Schmuck und Zierde, wenn Du willst als Abzeichen. Wie man den Schaafen mit glühendem Eisen eine Ziffer in ihre Wolle brennt damit kein Anderer sie als sein Eigentum ansprechen kann, so legte uns unser Herr und Gebieter diesen schimmernden Sclavenring um die freie Stirn, um uns aus allem Volk heraus zu erkennen und sein Recht auf uns geltend zu machen! Du wirst sagen, wir hätten ja nur dieses Band der Schmach wegwerfen und fliehen dürfen, um frei, um Menschen zu werden, aber das war nicht so leicht! Einmal ist der in schimpflicher Abhängigkeit geborene Mensch von natur feig und nur im Augenblick wilder Aufreizung zu selbstständigen Taten und Entschlüssen fähig, und sodann gab es tausend Verräter aus Furcht vor Strafe. Nie gelang es einzelner Flüchtlingen, für immer zu entkommen. Man entdeckte ihre Spur, ehe sie noch die Grenzen überschritten hatten, und dienstwillig lieferte sie ein Herr dem andern aus!"

"Aber Ihr entkamt ja doch, Grossvater Ihr fandet in Polen Aufnahme und ein freies Leben, warum kehrt Ihr nun dahin zurück, wo es Euch so elend erging, und noch dazu mit der Abzeichen