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: "Ehe ein Jahr vergeht, sind die Hofedienste abgeschafft!"

"Was?" fragten Mehrere zugleich und der Voigt setzte hinzu: "Sein ungewaschenes Maul bringt ihn noch um Vermögen und Freiheit!"

"Den Teufel auch!" fuhr Heinrich auf. "Mit meinem Vermögen, siehst Du, da kann ich mir nicht einmal eine stube kaufen, so gross, wie diese hier, in der das Geschmeiss die Kammermusikanten abgibt, und was die Freiheit anbelangt, so hat darüber kein anderer Mensch auf Gottes Erdboden zu gebieten, als mein allergnädigster Herr Churfürst!"

"Nun nun," erwiderte der Voigt, "nur nicht gleich oben hinaus! Man wird doch reden und vermuten dürfen!"

"Das Gute, ja, das Schlechte, nimmermehr! Ich bin einmal gegen alles Schlechte und da mag und will ich's nicht leiden, dass mir einer ein Wort drein reden soll. Und so sage ich noch einmal: es gibt in Jahr und Tag keine Hofedienste mehr, so der Herr will, und Ihr armen Teufel und hübschen Teufelinnen werdet künftig nicht mehr für fremde Herren, sondern für Euch selbst und ganz allein leben und arbeiten dürfen."

"Wenn das wahr ist, Maulwurffänger," fiel der Grossknecht ein, dem mit der blossen Aussicht auf ein freier sich gestaltendes Leben der Mut schon wuchs, "so geb' ich Dir ein Gebäck Mohnsemmeln ganz allein, und sollt' ich meinen ganzen Flachs verkaufen!"

"Aber wie ist das gekommen? Wer hat das gemacht und erfunden? Was werden die Herren dazu sagen?" fragten jetzt mehrere Knechte und die Mädchen hörten mit grösster Spannung zu.

"Wie's eigentlich gekommen ist, weiss ich selber nicht," erwiderte, immer mit grösster Ruhe, der Maulwurffänger. "Es hat da vor'm Jahre einen grossen Lärm gegeben in Paris, wisst Ihrdie Zeitungen und Wochenblätter schrieben auch davon. Das Volk, hab' ich mir sagen lassen, war dort schon sehr lange ärgerlich und unzufrieden mit seinen Herren, die alle Tage herrlich und in Freuden lebten, wie der reiche Mann im Evangelium, während der arme kaum den trocknen Bissen Brod hatte und die schwere Arbeit obendrein! Nun wisst Ihr oder solltet es doch wissen, dass ein grosser Lärm von wegen der grausamen Ungerechtigkeiten losging, die man seit undenklichen zeiten, grade wie bei uns, über die Armen verhing. Vermutlich war's ein Jahr, wo im Kalender des himmels den guten Mächten die besondere Pflege der Elenden und Unterdrückten anbefohlen ist, denn der Lärm zu ihren Gunsten griff um sich, wie eine Feuersbrunst bei frischem Winde, und setzte die Herren in solche Bestürzung, dass sie geschwind den Entschluss fassten, sich aller alten und schlechten Rechte zu begeben, um nur nicht ganz zu grund gerichtet zu werden! Auf solche Manier, seht Ihr, wurde der arme ein freier Mensch, Herr seiner Zeit und seiner hände, und vermutlich haben die deutschen Herren auch etwas von Aufstand und Niederbrennen munkeln hören und sind deshalb gesonnen, in zeiten ein Wort zur Güte zu reden."

"Freiwillig?" fragte der Voigt. "Da werde der Teufel draus klug! Herr sein und die Hofedienste aufhebentu's und glaube's, wer willwas mich betrifft, ich liesse mich, ehe ich dazu meine Einwilligung gäbe, lieber in Kochstücke zerhacken!"

"Man wird Dich auch nicht fragen," versetzte Heinrich.

"Und Du sagst, unser Herr Graf habe diesen verrückten Entschluss gebilligt?"

"Von Billigung ist dabei nicht die Rede, mein Lieber, hier gilt's, stch gewandt aus der Schlinge ziehen."

"Wer hat denn den Rumor angezettelt?" fragte der Voigt höchst ärgerlich weiter.

"Kann ich Dir auch nicht sagen. Es schwebt in der Luft, es rumort und spricht sich herum auf allen Haidegütern, und viele deutsche Herren im Braunschweig'schen, geht die Rede, haben's just wie die französischen Herren gemacht."

"Wenn das wahr werden sollte," erwiderte der Voigt, "dann sage mir doch, von wem in Zukunft der reiche Gutsherr sein Feld soll bearbeiten, seine Wälder ausholzen, seine Teiche fischen, kurz all die zahllose Arbeit soll verrichten lassen, die grosser Besitz unausbleiblich in seinem Gefolge hat?"

"Ohne Zweifel von Menschenhänden, wie bisher," sagte unbeschreiblich ruhig der Maulwurffänger.

"Na siehst Du," fuhr der Voigt mitleidig lächelnd fort, "so ist's ja gleich rein unmöglich, dass ein Herr nur daran denken kann, die Hofedienste abschaffen zu wollen."

"Warum nicht? Braucht er Menschenhände, so kaufe er sich dieselben. Erhalte ich, erhältst Du irgend eine Handreichung umsonst? Musst Du nicht Deine Kleider, Deine Stiefeln bezahlen?"

"Das müssen die Herren auch."

"Und hebt man Dir einen Graben, rodet man Dir nur einen elenden Strauch aus, ohne einen bestimmten, zuvor ausbedungenen Lohn dafür zu fordern?"

"Nein das tut man nicht, aber das ist auch etwas ganz Anderes!"

"Was Anderes?" fuhr Heinrich auf und seine grauen Augen schienen vor Zorn Funken zu sprühen. "Ich sage Dir, es ist ganz dasselbe nach dem uralten und ewig richtigen Grundsatze: was dem Einen recht, das ist dem Andern billig! Braucht der Herr, weil er viel Besitz hat, viele hände