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, dem für einen verwöhnten Gaumen vielleicht ungeniessbar erscheinenden ländlichen Gericht tüchtig zuzusprechen. Der Voigt hatte nicht zu viel behauptet, die Knechte, am meisten der Grossknecht, ärgerten sich wirklich, dass sie hätten blau anlaufen mögen, sie durften es sich aber nicht merken lassen, wenn sie nicht von dem bei solchen Gelegenheiten unerbittlichen Voigt unbarmherzig aufgezogen sein wollten. Deshalb stellten sie sich, als läge ihnen gar nichts an dem duftenden Leinöle, an welchem jetzt Marie so behaglich mit dem Voigte sich gütlich tat, ja als sei ihnen die Pfeife schlechten Tabaks, die sich einer nach dem andern am Kienspane anzündete, zehnmal lieber.

Der Voigt unterliess auch nicht, nach jedem Bissen, den er hinunterschluckte, seine malitiösen Bemerkungen zu machen und dabei die aussergewöhnliche Güte des Oeles zu preisen. Glücklicherweise endigte diese für die Knechte sehr empfindlichen Hänseleien der Eintritt des Maulwurffängers, der, ohne viel zu fragen, nachdem er den Versammelten einen "guten Abend beisammen!" gewünscht hatte, seinen Quersack mit sammt den Drähten ablegte, das Bündel Eichenstäbe unter die Bank warf, einen Schemel neben Marie an den Tisch schob, sie sanft in's Ohr kniff, dann nach dem Brode langte, von dem er sich ein ansehnliches Stück abschnitt, und gleich dem Voigte mit schiffartigen Bissen in den Oelnapf fuhr.

"Hätte ich doch nicht gedacht," sagte er, "dass ich heute noch so ein grausam gutes Abendessen vor's Maul kriegen würde! Nur schade, dass die Freude so bald ein Ende haben wird!"

Obwohl der Voigt die Manier unseres Freundes kannte, war er doch über die Unverschämteit des Mannes erstaunt, der, ohne zu fragen und um erlaubnis zu bitten, seine Abendmahlzeit mit ihm teilte. Er vergass darüber auf einige Sekunden das Zulangen und diese benutzte Heinrich mit so beharrlicher Ausdauer und Gewandteit, dass er den Rest des Oeles aufgezehrt hatte, ehe der Voigt wieder teil daran nehmen konnte. Die gefoppten Knechte brachen darüber in ein wieherndes Gelächter aus.

"Du bist ein Kerl wie ein Hamster," sagte der Voigt, "vermutlich ist Dir der Zorn des gnädigen Herrn in den Leib geschlagen, denn menschlich kann man solch ein Schlingen nicht nennen, und natürlich ist's eben so wenig!"

"Ich finde es sogar höchst vernünftig," erwiderte mit behaglicher Gelassenheit der Maulwurffänger. "Wer ein gutes Werk gestiftet hat, soll sich freuen, wer sich freut, verdient, dass er belohnt werde, und gutes Essen und Trinken ist der beste Lohn für einen rechtschaffenen Hunger. Sag' mir mal, Voigt, ob Du darin nicht die sonnenklarste Vernunft findest?"

"Sag' Du mir lieber," erwiderte der Gefragte, "ob der Herr Graf Vernunft in Deinem Kommen und verzwickten Geschwätz fand?"

"Ich versichere Dich," versetzte Heinrich, "hätte der Herr Graf Orden zu verleihen und Titel zu vergeben, er würde mich nicht fortgelassen haben, ohne mir und meinem Quersack beide Lasten auf und anzuhängen! O das ist ein kluger Herr! Der hat ein Einsehen und weiss seine Leute zu nehmen! Ich sage Euch, es fehlte wenig, so hätte er mich gedutzt!"

"Das ist eine grosse Neuigkeit," sagte der Voigt. "Seine Gnaden heissen alle Menschen Du, da soll er etwa bei Dir eine Ausnahme machen?"

"Sobald der nächste Schleifer kommt, Voigt, bitte ich Dich, lass Dir Deinen Verstand abziehen, dass er künftig schneller fassen lernt! Wenn man von Dutzen spricht, ist's doch wohl natürlich, dass zwei verschiedene Personen einander die Ehre antun?"

"Und für Deine Neuigkeiten hat er Dir das angeboten?" fragte ungläubig lächelnd der Voigt. "Darf man denn nichts erfahren?"

"Warum nicht?" erwiderte der Maulwurffänger. "Ich bin ja nicht des Herrn Grafen Untertan und verboten hat er's mir auch nicht. Aber was krieg' ich für meine Neuigkeit? Denn Ihr wisst allesammt, umsonst ist der Tod und ich muss vom Verdienst leben."

"Einen Krug Bier lass ich Dir holen," sagte der Voigt.

"Wird angenommen," meinte Heinrich, "und wenn sich das Hofgesinde, wie's da sitzt und mir zuhört, sich dazu versteht, mir noch eine Mohnsemmel verehren zu wollen morgen zum Frühstück, so will ich machen, dass Ihr alle mit einander die ganze Nacht vor lauter süssen Träumen in Abrahams Schoosse zu liegen glaubt."

"Das müsste wunderlich zugehen," sagte der Grossknecht. "Ich habe mein Tage von nichts geträumt, als dass mir der schläg'sche Hengst eins versetzte, und dass ich darüber Paradiesesfreuden empfunden hätte, kann ich grade nicht behaupten!"

"Und ich verspreche Dir nochmals, dass Du alle Himmel offen sehen wirst. Zünd't mir zuvor ein paar frische Späne an, denn wenn's so dustert, glaube' ich immer, ich sähe in die Zukunft hinein und hörte es darin von wüstem Unglück rumoren. Davon bin ich just kein Liebhaber. Viel angenehmer ist mir's, ich sehe klar und höre deutlich; da kann man sich schon eher ein Herz fassen und frisch von der Leber weg reden."

Marie entzündete neue Kienspäne, die Knechte rückten näher zusammen, auch die Mägde, die auf der Ofenbank Platz genommen hatten, horchten mit gespannter Aufmerksamkeit. Heinrich bog sich nun halb über den Tisch und sagte mit gedämpfter stimme