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. Diese bewirkten dann, dass dem Bestraften nicht allein die Lust zum Essen auf der Stelle gänzlich verging, sondern dass er auch noch den nächsten Tag darauf verzichten musste, das harte schwarze Hofebrod zu beissen, weil er vor Schmerzen keinen Zahn gebrauchen konnte.

Marie hatte so eben zur Unterhaltung ihrer übrigen Mitdienstboten wieder auf ihr Abendbrod verzichtet und stand betrübt am Ofen, mit Mühe die Zähren zurückhaltend, die ihr in's Auge stürzten. Sie fühlte doppelten Hunger, da sie sich im Kretscham müde getanzt hatte und nun, weil sie keine Suppe essen wollte, auch weder Kartoffeln noch Brod erhielt.

Diese Behandlung war unstreitig herzlos, grausam und unwürdig, allein der Grossknecht dachte nicht daran. Er hatte im Gegenteil das Mädchen sehr gern und behandelte sie in seiner Weise nur so brutal, um sie abzustumpfen und unempfindlich gegen die Rohheiten zu machen, denen jeder Einzelne im Hofedienst ausgesetzt ist. Das übrige Gesinde lachte noch und machte sich lustig über das zimperliche Wesen der Betrübten, als der Voigt eintrat und mit Einem blick die Lage der Sachen erkannte.

Wir haben schon angedeutet, dass dieser einflussreiche Mann ein dienstbereiter, nicht eben scrupulöser Knecht des Grafen war. Dies hinderte ihn jedoch nicht, unter den Dienstboten selbst strenge Zucht zu halten und eine gewisse derbe Gerechtigkeit zu üben. Mit wenigen fragen erfuhr er den Zusammenhang, missbilligte mit drohender Miene das Verfahren des Grossknechtes, untersagte es ihm bei Strafe und wandte sich dann zu der jetzt ihren Tränen freien Lauf lassenden Marie, indem er sagte:

"Lass gut sein, armes Ding! Weil Dich diese Lümmel um Deine wohlverdiente Mahlzeit gebracht haben, sollst Du heute mein Gast sein und alle Deine bösen Widersacher sollen trocknen Mundes dabei zusehen, während ihnen das wasser vor sehnsucht zusammenläuft. Einen Augenblick! Ich werde sogleich wieder da sein."

"Der Prahlhans!" sagte der Grossknecht verächtlich, als der Voigt die Gesindestube wieder verlassen hatte. "Er tut auch immer, als regnete es Blutwürste und Schinken, und wenn es auf und an kommt, tütscht er eben auch bloss Erdbirnen in schlechte gesalzene Butter! Ich bin doch neugierig, was für Delikatessen er der kleinen Vornehmen auftischen wird."

"Mir gilt's gleich," versetzte sein Nachbar, "die Suppe war recht dick und klossig, und ich bin so satt, dass mir Einer Schweinebraten und gebackene Pflaumen vorsetzen könnte, ohne mich sehnsüchtig zu machen."

"Nun auf ein paar fette Bissen käm' mir's nicht an," meinte der Grossknecht. "Für ein halbes Pfund Fleisch oder 'was drüber habe ich immer noch Platz."

"Gebratene Tauben bringt er nicht," sagte die älteste Magd, ein stämmiges Frauenzimmer mit hochrotem Gesicht und gutmütigen, aber nichts weniger als klugen Augen.

"Ich glaube, er ist bloss heruntergekommen, um ein paar Bissen zu erschnappen," fiel lächelnd eine der jüngeren Mägde ein, "denn seine Alte, wisst Ihr, hält ihn verdammt kurz und verzehrt die besten Bissen immer für sich allein."

"Allein?" sagte der Grossknecht. "Lass Dir nicht Dinge weiss machen! Mit dem Jäger frisst sie alle Teufelsnäschereien auf, wenn ihr Brummbär andere Geschäfte hat. Wovon würde sie auch sonst so dick, wie eine Biertonne? Und der Jäger schleppt ihr immer 'was Leckeres zu unter dem Vorwande, das oder jenes Stück wild tauge nichts. Deshalb stellt sich der Sapperlot auch so fromm, denn wär's ihm nicht um ein gut Stück Essen zu tun, er säh' die Alte wahrhaftig mit keinem Auge an!"

"Das hat er auch nicht nötig," meinte die jüngere Magd. "So ein schmucker, flinker Kerl!"

"Gelt, Du möchtest ihn in der Hölle warm halten?" warf der Grossknecht ein, und während die Magd errötete und die Augen niederschlug, fiel das ganze übrige Gesinde in das lauteste und anhaltendste Gelächter.

Die jüngeren Mägde kicherten noch, als der Voigt wieder eintrat. Er trug in der linken Hand einen miltelgrossen irdenen Napf und unterm rechten Arm ein angeschnittenes Roggenbrod von weissem abgenommenem Mehl, wie es für die herrschaftliche Tafel gebacken wurde. Lächelnd stellte er beides auf den Gesindetisch, wobei namentlich die entfernter sitzenden Knechte neugierig lange Hälse machten, um zu sehen, was die Schüssel wohl entalten möchte.

"Nun komm, Marie," sagte der Voigt, zwei Schemel an den Tisch rückend. "Bring' die Salzmeste her und nachher iss, so lange Dir's schmeckt. Es ist das reinste Leinöl, süss wie Mandelmilch und gesunder wie Kleebutter!"

Sichtlich erheiterten sich bei dieser angenehmen Nachricht die bisher so traurigen Züge Mariens. Sie brachte die Salzmeste, aus welcher der Voigt einen vollen Löffel Salz schöpfte und es in den mit der braunglänzenden dicken Flüssigkeit bis zum rand angefüllten Napfe schüttete. Dann schnitt er von dem weichen Laib Brod ein tüchtiges Stück für sich und das Mädchen ab, holte sein Einschlagmesser hervor und reichte dem Mädchen die kurze zweizinkige Gabel, die am untern Ende des Messers eingefugt war. Er selbst bediente sich der stumpfen Klinge, um riesengrosse Bissen weissen Brodes damit anzuspiessen, sie in das Oel zu tauchen und, nachdem sie sich vollgesogen, in seinen nicht eben kleinen Mund zu schieben.

Es gibt wenige Genüsse, welche die Wenden und auch viele Deutsche unter den Landleuten so sehr lieben, als den des frischgeschlagenen Leinöls, und Marie liess sich daher nicht zweimal auffordern