zu sehen, was es wohl geben möge, gewann das arme Haideröschen Zeit, sich wieder zu fassen und auf einen neuen, furchtbareren Angriff sich zu rüsten. Ihr Häubchen war bereits in der Hand des frechen Räubers. Die goldblonden Flechten hatten sich aufgelöst und rollten in glänzender Fülle über das schwarzsammetne Leibchen und den grobwollenen Rock herab. Sie lehnte sich ermattet an den hohen Marmorsims des Kamins und strich sich die aufgegangenen, in Angstschweiss gebadeten zierlichen Löckchen aus der Stirn, die gleich vom Tau befeuchteten Goldblümchen ihren Scheitel umsäumten.
Ergrimmt durch die Störung, deren Ursache er nicht entdecken konnte, schritt jetzt der Graf wieder auf sie zu. Haideröschen konnte nicht fliehen, sie hätte sich denn in den Kamin retten müssen. Verzweifelt griff sie um sich und erfasste ein Scheit Holz, das hinter ihr lag. Wie ein Schwert schwang sie jetzt diese Waffe mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihren Verfolger. Magnus lachte zwar der Ohnmächtigen, erhielt aber dennoch einen so heftigen Schlag auf den gegen sie ausgestreckten Arm, dass er ihn kraftlos sinken liess. In diesem letzten entscheidenden Moment nahten eilige Schritte, es ward heftig an die Tür geklopft und die stimme des Voigtes begehrte dringend den Grafen sogleich zu sprechen.
Haideröschen atmete froh auf und erhob dankend ihre schönen Augen zum Himmel.
"Triumphire nicht zu früh!" drohte Magnus mit furchtbarem Hohne. "Jetzt habe ich bloss zärtlich um Dich geworben, das nächste Mal feiern wir unsere Hochzeit!"
Mit nicht zu schilderndem Frohlocken sah die Wendin ihren tückischen Peiniger das Zimmer verlassen, das er fest hinter sich verriegelte.
Sechstes Kapitel.
Des Landmanns List.
Aergerlich kehrte Magnus in sein Gemach zurück, die von der Wendin getroffene und heftig blutende Hand im Rocke verbergend. Er war kaum eingetreten, als auch unser Freund schon an der Tür erschien. Beim Anblicke dieses Herumstreichers färbte sich das Gesicht des jungen Grafen braunrot vor Zorn und er machte Miene, diesen handgreiflich dem unberufenen Störenfried fühlen zu lassen. Heinrich besass jedoch ein zu scharfes Auge und zu viel schlangenglatte Gewandteit, um selbst einem erzürnten mächtigen Edelmanne gegenüber den Kürzern zu ziehen. In seiner kordialen Manier schwenkte er grüssend die Mütze und sagte, geheimnissvoll und pfiffig mit den Augen blinzelnd:
"Gelt, Ew. Gnaden, heute verdien' ich eine Extrabelohnung?"
"Wohl etwa dafür, dass Du in finsterer Nacht mich und mein ganzes Gesinde durch Dein Gelärm in Schrecken setzest?"
"Das will ich just nicht behaupten, Ew. Gnaden, wenn aber der Herr Graf wüssten, weshalb ich so gelärmt habe, – ja, Ew. Gnaden, dann –"
"Was dann? so endige doch!"
"Endigen? Ich möchte wissen, wozu? Sie machen ja ein Gesicht, als hätte Ihnen der Teufel ein Bein gestellt! Und da sollt' ich mich in die Gefahr begeben, Ihnen durch meine Nachrichten noch obendrein den Kamm schwellen zu machen? Ja, dass ich ein Narr wäre! Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht!"
Der schlaue Maulwurffänger machte einen Kratzfuss und wollte das Zimmer verlassen.
"Bleib!" befahl Magnus, durch diesen Eingang neugierig gemacht. "Ich verspreche, Dich meinen Verdruss nicht entgelten zu lassen. Rede, was gibt es?"
"Wenn mich Ew. Gnaden anhören wollen, so habe ich Ihnen vorerst gehorsamst ein volles Dutzend Maulwürfe zu präsentiren, die ich heute und gestern auf Ihren schönen Aeckern durch meine Kunst gefangen habe. Begehren Sie die kleinen Bestien zu sehen?"
"Behalte das Ungeziefer und mache damit, was Du willst. Mein Voigt wird Dir den Lohn dafür auszahlen."
"Danke untertänigst, Herr Graf!"
"Was bringst Du sonst noch?"
Heinrich sah sich um, als fürchte er, es möchte irgendwo Jemand versteckt Ihr Gespräch belauschen können.
"Wir sind ganz allein," sagte Magnus noch immer mit schlecht verhehltem Aerger. "Was Du hier sprichst, bleibt unter uns."
"Was geben Sie mir," flüsterte der Maulwurffänger dem Grafen leise zu, "wenn ich mache, dass die niedliche kleine Wendin, die Sie vom Todtensteine mit sich genommen haben, Ihren Willen tut?"
Misstrauisch betrachtete ihn der Graf eine Weile, dann versetzte er kühl: "Woher weisst Du, dass ich beim Todtensteine war?"
"O die Luft ist geschwätzig, Ew. Gnaden," erwiderte Heinrich, "und die Wenden haben auch eine geläufige Zunge. Ich kenne Haideröschens Vater wie mich selbst."
"Ein Glück für ihn, dass er nicht in meiner Nähe wohnt, sonst liess ich ihn vier und zwanzig Stunden lang bei wasser und Brod in den Stock schliessen und nachher noch mit dem Halseisen schmücken. Er allein, Niemand sonst ist Schuld, dass sich die Kleine so spröde zeigt."
Heinrich schüttelte ungläubig den Kopf. "Wie gut, dass ich gekommen bin," fiel er ein. "O ich kenne meine Freunde, ich!"
"Du zweifelst?"
"Ich weiss, gnädigster Herr! Das Mädchen hat einen Liebsten, einen handfesten Bauernlümmel, dumm, aber eifersüchtig, und diesem Kerl zu Liebe würde sie jedes Ungemach, selbst Schläge und andere Qualen erdulden!"
"Kennst Du ihn?"
"Ich sollte meinen."
"Gehört er zu meinen Untertanen?"
"Er ist Ew. Gnaden Leibeigener mit mehr Recht als das Mädchen."
"So verdienst Du, dass ich Dich mit Hunden aus