sprechen, wenn Ihr dem Pink-Heinrich nicht am Todtensteine begegnet!"
Sichtlich erheitert reichte der alte Wende dem Wirt die Hand über den Tisch, dankte und trank ihm nach altwendischer Sitte zu. "Gott segne Euch und Euer Haus für diese Auskunft!" sagte er. "Ruhiger, als ich glaubte, lege ich jetzt mein weisses Haupt auf das Stroh nieder, das auf dem Boden meiner teuren Heimat gewachsen ist! Schwere, traurige, furchtbare Schicksale vertrieben mich daraus und ich verliess sie mit der lähmenden Gewissheit, sie nie mehr wieder zu sehen. Aber der Herr hat es anders mit mir beschlossen. Er will vielleicht die Wunden, welche seine prüfende Hand meinem armen Herzen in den Jahren der Kraft schlug, jetzt im Alter heilen und einen vollen, segnenden Strahl seiner Gnade mir schenken! Sein Name sei gepriesen, was mir immer begegnen möge, aber verdreifacht wird mein Glaube werden, der mich stets aufrecht erhalten hat in Not und Elend, wenn ich diese abgehetzten Glieder endlich nach langer Irrfahrt an meiner älteren grab zur Ruhe niederlegen sollte."
Der Greis sprach so ernst und feierlich, dass selbst dem etwas neugierigen Wirt, der gern heiter und launig war, die Wiederanknüpfung des Gespräches verleidet ward. Er schwieg gänzlich, auch der jüdische Kutscher mit seinem Sohne flüsterte nur leise, dagegen erhob die spinnende Alte, die schon längst wieder ihrer Gewohnheit nach die Spindel drehte und ein Gespräch nur dann beachtete, wenn Worte darin vorkamen, die irgend ein vergangenes Ereigniss urplötzlich in ihr unklares Gedächtniss zurückriefen, abermals ihre stimme. Phantastisch die linke Hand schüttelnd, sprach sie in singendem dumpfem Tone:
"Zu Haus, im feld
Zwiefache Not!
Schlimm ist's für Jeden,
Der hat kein Brod!"
Dann fiel sie sogleich in ein lustiges Gelächter, stampfte taktmässig mit dem fuss auf das Bänkchen ihres Rockenhalters und sang munter und fröhlich, den Kopf hin und her wiegend und häufig laut dazwischen auflachend, indem sie die Spindel in hohen Bogen um sich tanzen liess:
"Tom tom tinz,
Sie buck 'ne Blinz;
Tom, tom tich,
Drauf lüstert's mich.
Tom tom tin,
Sie gab mir ihn;
Tom tom tauf,
Ich ass ihn auf.
Tom tom ter,
Ich wollte mehr;
Tom tom ticht,
Sie gab mir's nicht.
Tom tom terr,
Da kam der Herr,
Ich wälzt' mich fort."
"Wollt Ihr nicht Feierabend machen, Mutter Maja?" sagte jetzt der Wirt zu der wunderlichen Alten, als sie den barocken Gesang endigte. "Ihr habt ja bald einen ganzen Rocken abgesponnen und was soll ich mit dem vielen Garne anfangen bis Weihnachten? Der Garnsammler kommt nicht vor Neujahr, wie Ihr wisst, und in unserm ganzen haus gibt's so viel Mäuse, dass weder Speck noch Flachs einen Tag lang sicher sind. Schade um Euer schönes Gespinnst!"
"Wohl gesprochen, mein Sohn! Ich will schlafen gehen," erwiderte die Alte, schob den Rocken bei Seite und steckte die Spindel darauf. "Des Nachts sehe' ich die Wassernixen tanzen, und wenn sie singen und mit mir reden, macht's mir keinen Aerger, wie das dumme Geschwätz der Mägde. Gute Nacht, Jürge; wünsche angenehme Ruhe, edle Herren!"
Sie stand auf und machte ein paar tiefe Knixe gegen die Fremden, worauf sie langsam die Tür aufstiess und quer über die Hausflur nach ihrer eigentlichen wohnung schritt. Denn Mutter Maja lebte als witwe des früheren Wirtes und als Mutter des jetzigen im Ausgedinge.
"Es ist übel mit solchen alten Leuten," sagte Jürge zu seinen Gästen. "Mit Härte und Gewalt ist nichts reden fruchten bloss dann, wenn sie grade mit ihrem verworrenen Gedankengange im Einklange stehen. Die arme Mutter! So treibt sie's nun alle Tage schon seit Jahren! Bald bricht sie in herzerschütterndes Weinen aus und singt die traurigsten Lieder unseres Volkes, bald, ehe man die Hand umdreht, lacht und jubelt sie und erinnert sich der schabernäckischen Weisen, mit denen die jungen Burschen ihre Mädchen bei der Spinte und auf dem feld necken. Denn Ihr müsst wissen, dass Maja die erste Liederkennerin im ganzen Wendenlande ist. Fragt sie, wonach Ihr immer wollt, sie wird Euch Rede stehen und auf jedes Begegniss, auf jede Verrichtung im gewöhnlichen Leben einen passenden Vers, ein Lied oder einen Spruch wissen! Desshalb kommen auch Sonntags im Winter die Burschen oft stundenweit her zu mir, um von der Mutter neue Lieder und Melodien zu lernen, und es geht dann in meiner einsamen Schenke häufig lustiger zu, als im besuchtesten Kretscham grosser Hofedörfer."
Nach seiner Weise gab der Greis seine Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen. Die heitere, unbefangene Unterhaltung des Wirtes gefiel ihm und er hätte gern noch etwas Näheres über die Verhältnisse des Mannes und seiner alten gestörten Mutter erfahren, da ihm die Schicksale seiner Stammesgenossen immer wichtig erschienen, weil er selbst von den traurigsten nicht verschont geblieben war, allein die Müdigkeit Pauls, der schon während des Essens eingenickt war, und der Wunsch, am nächsten Morgen zeitig wieder aufzubrechen, bestimmten ihn, für diesmal neue Erörterungen zu unterlassen. Er bat daher den Wirt, dass er die Streu für ihn möge bereiten lassen, was dieser bereitwillig selbst unternahm. Der Knecht, der schon geraume Zeit am Ofen gesessen hatte, führte den Juden in den Stall und wies ihm und seinem Sohne auf dem Futterkasten