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aber die anmutige Gestalt der schlanken Wendin mit seinen lüsternen Blicken überflog, verhärtete sich sein Gemüt auf's Neue und die Lust, dies schöne Mädchen um jeden Preis zu besitzen, steigerte sich zur grimmigsten leidenschaft.

"Wer hat Euch denn so feine Unterschiede machen gelehrt?" fragte er spöttisch lächelnd. "Eure wendischen Schulmeister sind meines Wissens abgedankte Soldaten, verdorbene Schuhmacher und Schneider, die aus Not, weil ihr Handwerk sie nicht ernährt, in die Gelehrsamkeit pfuschen und mit Not und Mühe erst selbst das ABC lernen, um es dann ihren Staarmatzen mittelst Rute und Stock in Jahr und Tag ebenfalls beizubringen. Menschenverstand und Geist habe ich auf diesen Eselsweiden noch niemals angetroffen."

"Bedürfen wir eines Lehrers, um zu begreifen, was Hunger und Durst ist, gnädigster Herr?" warf Röschen ein.

"Ich glaube gar, die Dirne ist trotz ihrer sechzehn Jahre schon in irgend einen Tölpel aus ihrem Sumpfund Haidelande verliebt bis über die Ohren!"

Haideröschen schwieg errötend auf diese rohen Worte, Magnus ging einige Male im Zimmer auf und nieder und schellte dann heftig. "Licht!" rief er dem Bedienten zu, setzte seinen gang fort und wendete sich erst, nachdem die Kerzen auf den Armleuchtern angezündet worden waren, abermals zu dem hartnäkkigen Mädchen.

"Liebst Du?" fragte er grollend.

"Ich habe es Ew. Gnaden schon gesagt."

"Wem hast Du Deine Neigung zugewendet?"

Haideröschen sah den Grollenden mit mutigem Auge an. "Wenn der gnädige Herr diese Frage an mich richten," erwiderte sie, "in der Absicht, mir den Geliebten rauben zu wollen, so würde ich Sie meinem Gefühle nach der Grausamkeit zeihen müssen."

"Mädchen, Mädchen," rief Magnus mit zornbebender Lippe, "Du wagst viel! Aber ich will Deine Worte nicht gehört haben Deiner körperlichen und geistigen Schönheit wegen. Versprich mir, Deinen Geliebten zu vergessen und ich will seinen Namen nicht wissen."

"Ich zweifle, dass ich ein solches Versprechen würde halten können, gnädigster Herr. Geböte mir Jemand, ich sollte anfhören Gott zu lieben, den ich doch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, so würde ich mich traurig von ihm wenden, weil ich ja doch wüsste, dass ich seinen Befehl nicht vollziehen könnte. Wie soll es mir nun erst möglich sein, den Mann zu vergessen, dessen Bild in mein Herz eingegraben ist, dessen stimme mich entzückt, in dessen Auge mir ein Himmel aufgeht? O nein, gnädigster Herr Graf, das wollen und können Sie nicht verlangen, denn es hiesse sündigen gegen die gesetz Gottes und unserer Religion!"

"Nun ich sehe und höre, dass die Kunst, Deine Gedanken geheim zu halten, Dir nicht eigen ist," versetzte Magnus. "Da ich Dich nicht überreden kann, stände es mir jetzt frei, Dich durch allerhand kleine Foltern von Deiner kindischen Schwärmerei zu heilen, doch ich mag auch zu diesem Mittel nicht meine Zuflucht nehmen. – Du hast Dir selbst Dein Urteil gesprochen, mein schönes Haideröschen," fuhr er nach kurzem Besinnen fort und sein jetzt stechendes Auge funkelte tückisch, wie das des Tigers, der seine Beute lauernd umschleicht. "Du hast freiwillig, was ich nur loben muss, zugestanden, dass Dein Leib mir gehöre, Dein Herz dagegen ein Eigentum sei, über das ich nicht verfügen könne. – Ich halte Dich beim Worte, Röschen. Du wirst mir von jetzt an mit Deinem leib dienen und ihn ganz meiner Willkür anheim geben, Dein Herz magst Du, wenn es Dir Vergnügen macht, meinetwegen den Schmetterlingen oder einem schmutzigen Fischer schenken. Bist Du mit dieser Teilung zufrieden?"

"Gnädigster Herr, ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht," stammelte Haideröschen, an allen Gliedern bebend und mit scheuem blick die furchtbar verwandelten Gesichtszüge des stolzen, durch sie beleidigten und zur Rache aufgereizten Grafen betrachtend, der mit verschränkten Armen vor ihr am Tische lehnte.

"Ich werde Dir das Verständniss beibringen, ungehorsame Leibeigene," versetzte Magnus hämisch lachend und trat dem Mädchen einen Schritt näher. "Du wirst die gefälligkeit haben, Dein Häubchen abzulegen und mir den Anblick Deiner schönen Haare zu gönnen. Auch möchte ich Dich ersuchen, ohne Zögern Deinen weissen Nacken zu entüllen und mir zu erlauben, dass ich Dir an den feinen Handgelenken die Hemdeknöpfchen löse, damit ich den vollen schönen Arm, der mich an das hasserfüllte Herz drücken wird, bewundern kann. Ich bitte, lass mich nicht länger auf Gehorsam warten!"

Wie ein Rallbvogel die schüchterne, schwache Taube in engen und immer engern Zirkeln umkreist, so gewährte es jetzt dem jungen, wüsten Grafen unaussprechliches Vergnügen, die vor ihm fliehende Wendin aus einem Schlupfwinkel in den andern zu treiben. Wohl zehnmal hätte er sich des schwachen Mädchens bemächtigen können, aber er wollte nicht. Die von Secunde zu Secunde wachsende Seelenangst seines Opfers ergetzte ihn mehr, als schnelles Ueberwältigen und rohes Geniessen. Er spielte mit ihr, wie der zum Sprunge ausholende Tiger, ja er hoffte, dass Haideröschen es eben so wie der Vogel machen solle, auf welchen die Klapperschlange ihr brennendes Auge gerichtet hat. Um nur die fürchterliche Qual zu enden, glaubte er bestimmt, sie würde sich ihm im Angenblick einer an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung in seine arme werfen. – Da geschahen draussen drei gewichtige Schläge an's Schlosstor, und während Magnus ein paar Secunden an's Fenster trat, um