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schneller zu fahren, wenn sein Fuhrwerk nicht binnen Kurzem in Stücken zerbrechen solle.

Verdrossen fügte sich der Graf in das Unabänderliche, immer dicht an dem Wagen herreitend und ihn mit Auge und Ohr eifrigst bewachend. Sie waren noch kaum eine Viertelstunde über das Vorwerk hinaus, als Magnus eine Bewegung im Wagen bemerkte und durch eine schadhafte Stelle der Plane sah, dass Röschen wieder zu sich gekommen war. Um sie nicht zu erschrecken und vielleicht eine Scene herbeizuführen, zog er sich jetzt hinter den Wagen zurück. Wider Erwarten blieb es aber ruhig in der Plane, so dass er glaubte, die furchtsame Wendin sei auf's Neue in Ohnmacht gefallen. Er wartete eine mit Rasen bewachsene Stelle ab, um dem Wagen wieder zur Seite zu reiten und dann und wann forschende Blicke hinein zu werfen. Da sah er denn Haideröschen, an die Heupolster gelehnt, aufrecht sitzen. Die hellen Tropfen auf ihren rosigen Wangen und der traurige Zug um den reizend schönen Mund sagten ihm, dass sie weinte, doch deutete ihre stille Gefassteit auch darauf hin, dass sie jeden Widerstand für unmöglich halte und sich in die böse notwendigkeit ergebe. Haideröschen hatte das Häubchen abgenommen und sass jetzt in der vollen Schönheit ihres goldnen Haares vor den begehrlichen Blicken des Grafen. Sie zupfte die einzelnen Grashälmchen aus dem zarten Gelock, kräuselte die aufgegangenen Ringel über der Stirn mit dem Finger und steckte die starken Flechten am Hinterkopf wieder auf. Dann bemühte sie sich vergeblich, ohne ihr stilles Weinen zu unterbrechen, das zerknitterte Häubchen auf ihrem runden Knie mittelst Streichen und sanftem klopfen wieder zu glätten. Da ihr dies schlecht gelingen wollte, setzte sie es in der etwas unscheinbar gewordenen Form auf und band es unter dem Kinn mit zierlicher Schleife fest, die sie nicht vergass in die gehörige Richtung und Breite auszuzupfen. Hierauf faltete sie fromm die hände und fing an in der Not ihres Herzens Sprüche und Liederverse in wendischer Sprache leise herzusagen, eine Beschäftigung, in der sie nur bisweilen ein unwillkürlich lautes Aufschluchzen unterbrach.

Zufrieden mit dieser Fügsamkeit überliess Magnus das Mädchen sich selbst und langte ohne fernere Störung mit ihr auf dem Zeiselhofe an. Erst hier, im inneren der dunkeln Hausflur, wohin er mit Borbedacht den Wagen fahren liess, zeigte er sich Röschen, diesmal sein interessantes, keckes männliches Gesicht in die lichtesten Farben gewinnender Freundlichkeit kleidend.

"Welch arges Herzeleid hast Du Dir selbst unnötig zugefügt, kleiner Trotzkopf!" sagte er lächelnd zu der kleinen Wendin, nachdem er den Pachter fortgeschickt hatte. "Bitte, reiche mir jetzt Deine Hand, dass ich Dir von diesem elenden Fuhrwerk herunterhelfe! Ich konnte leider kein besseres auftreiben, um Dich, wie Du es verdient hättest, in mein Schloss zu geleiten! – Sei nicht ängstlich, nicht blöde, sondern sprich keck aus, was Du begehrst. Es wird mir ein unaussprechliches Vergnügen gewähren, Dir in allen billigen Dingen gefällig sein zu können."

Haideröschen war über dieses veränderte Betragen so verwundert, dass sie sich anfangs wirklich besinnen musste, ob sie nicht etwa träume. Inzwischen hob sie Magnus aus dem Wagen, geleitete sie äusserst zuvorkommend und mit einer ihr an Männern bisher noch nicht vorgekommenen Galanterie, wobei er kaum die Spitzen ihrer Finger berührte, eine breite Treppe hinan, auf deren gewundenen Absätzen seltene Blumen mit phantastischen Blättern und Blüten, wie sie in ihrem Leben noch keine gesehen hatte, in grossen Töpfen und Kübeln standen, und führte sie, ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte, in ein mittelgrosses Zimmer, das ausser einem reich verzierten Divan und mehrern hochlehnigen, mit kostbarem Seidenstoff überzogenen Stühlen grosse vom Fussboden bis an die Decke hinauf reichende Spiegel von kristallklarer Reinheit entielt, die Röschens Aufmerksamkeit vorzugsweise fesselten. Eine Stutzuhr von einem jener geschnörkelten Gehäuse umgeben, die jetzt wieder unter dem Namen Rococco Mode geworden sind, zierte einen Schrank aus Nussbaumflaser. Schwere gewirkte Teppiche von bunter Farbe überdeckten den Fussboden, die Wände waren mit altertümlichen Tapeten bekleidet, auf denen allerhand Jagdscenen abgebildet waren. Ein hoher Kamin mit marmorner Einfassung trug Spuren eines unlängst erloschenen Feuers. Auf einem runden Tisch mitten im Zimmer standen zwei silberne Armleuchter mit Kerzen und zwischen diesen eine silberne Schelle, deren Griff eine zierlich gearbeitete Figur Diana's darstellte.

"Hier bist Du alleinige Gebieterin, mein schönes Kind," sagte der Graf, die Erstaunte ritterlich galant zum Divan führend. "Sobald Du etwas begehrst, darfst Du nur diese Schelle läuten. Auf einmaliges Geläut wird eine Dienerin erscheinen, um Deine Befehle zu empfangen, schellst Du zweimal, so soll dies ein Zeichen sein, dass Du mich selbst zu sprechen begehrst."

Höflich grüssend entfernte sich Magnus und überliess Röschen sich selbst und der Einsamkeit. Geraume Zeit konnte sich das in den einfachsten Verhältnissen aufgewachsene Mädchen in die sich häufenden Seltsamkeiten nicht finden, und es kostete ihr wirklich Mühe, nicht fest zu glauben, dass sie während ihrer Betäubung von unsichtbaren Mächten verwandelt, ihr Verfolger aber gebssert worden sei. Das Land, noch mehr ihr Volksstamm war reich an Erzählungen dieser Art und mäkelte nicht an ihrer Wahrhaftigkeit, wenn auch gegenwärtig Niemand lebte, dem so Wunderbares zugestossen war. Nur ihre groben Kleider, die sie noch unverändert trug, machten sie wieder irr und liessen neue Bedenken in ihrem geängsteten Gemüt aufsteigen.

Aus weiblicher Neugier, zum teil auch, um sich einigermassen zu zerstreuen, begann Haideröschen die auffallendsten Einzelnheiten des geräumigen, von eigentümlichem Duft erfüllten Zimmers, wie er Wohnungen eigen ist, die zwar zur Aufnahme