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, die jedoch Magnus alle von der Hand wies. Denn wünschte er auch sehnlichst das Erwachen Haideröschens alls ihrer Ohnmacht, so lag ihm doch wieder Alles daran, dass dies nicht vor Zeugen geschehe, die seinem Willen nicht unbedingt unterworfen waren. Deshalb trieb er auch so sehr wie möglich zur Eile, und liess alle fragen der Pachterin, die unter vielen Tränen die Schönheit des bewusstlosen Mädchens bewunderte und pries, unbeantwortet. Sie glaubte nämlich, was allerdings nahe lag, annehmen zu dürfen, der Graf habe die armselig Gekleidete in diesem hilflosen Zustande irgendwo auf dem feld liegend gefunden und wolle ihr aus Menschenfreundlichkeit Unterstützung gewähren.

"Ach was ein feines Händchen hat die arme!" rief sie aus. "Das ist nicht gemacht, um unsere harten arbeiten zu verrichten, o behüte! Das sollte nur die Nadel führen, um seidene Zeuge zum Putz der lieben schlanken Glieder zusammenzunähen. Nun warte nur, meine arme Kleine," fuhr sie fort, indem sie die Stirn der Ohnmächtigen sanft küsste, "der gnädige Herr Graf wird Dich schon erziehen lassen, wie's Dein junges Herz nur wünschen kann. Ach und wie prächtig musst Du aussehen, wenn Du feine vornehme Kleider anziehen wirst! Ja, dann möchte ich Dich schon wieder ein Mal bei mir sehen und begucken. – Ach und gewiss hast Du auch nicht immer in so groben Hüllen gesteckt, Du liebes Engelsbild. Die böse Brut der Welt wird Dir nachgestellt haben, und um ihr zu entgehen, bist Du sicherlich in Deiner Herzensangst auf und davon gelaufen und vor Ermattung liegen geblieben. – O ich hab' ein gar feines Auge, das Vornehm und Gering auf den ersten blick unterscheiden kann, wenn sie sich auch noch so wunderlich verpacken! Das kommt daher, weil ich in meiner Jugend bei einer gar reichen herrschaft in Dresden Amme gewesen bin, ehe ich meinen jetzigen Mann kennen lernte. Es ist eine recht gute Seele, gnädigster Herr, mein Mann; er hat mir's nicht ein einziges Mal vorgeworfen, dass ich vor ihm schon zwei Andere recht von Herzen lieb gehabt hatte. Die armen Teufel! – Ich wäre ihnen wohl treu geblieben, aber sie waren ja alle beide geborne Bettelleute! – Und nun sitzt einer schon seit vier Jahren auf dem Baue! – Ja, sehen Sie, gnädigster Herr Graf, der Mensch könnte mir jetzt wieder vor die Augen kommen, nicht ansehen täte ich ihn, den schlechten Kerl! Spitzbuben und Schufte sollte man verhungern lassen, das sag' ich immer. Es ist nicht anders aufzuräumen unter diesem abscheulichen Unkraut! –"

Die redselige Frau, deren gemeine denkart deutlich genug aus ihrem Geschwätz zu ersehen war, hätte den Grafen wahrscheinlich noch lange mit entwicklung ihrer Lebensansichten und Erfahrungen unterhalten, wäre sie durch die Zurückkunft ihres Mannes nicht daran verhindert worden.

"Seid Ihr fertig?" fragte Magnus ungeduldig.

"Wenn Ew. Gnaden befehlen, können wir aufbrechen."

"Das arme Kind!" klagte die Pachterin. Der gnädige Herr Graf würden Ihre Menschenfreundlichkeit verdoppeln, wollten Sie mir erlauben, dass ich untertänigst meinen "Lebensgeist" oder auch den "schmerzstillenden Spiritus –"

"Schweigt!" unterbrach sie Magnus, einen blanken Taler in ihre Hand schiebend. "Dies für Eure Mühe und jetzt packt Euch!"

"Tausend Dank, gnädigster Herr! Aber Sie werden mir doch erlauben, dass ich das liebe Ding auf meinen Armen in den Wagen trage?"

"Ich werde Euch die unnützen arme mit meiner Peitsche zerklopfen," fuhr Magnus die dienstfertige Frau an, "wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle fortpackt! Zu lange schon hat mein Schützling in Eurer Nähe verweilt. Ich werde sorge tragen, dass sie Euch nie wieder sieht."

Obwohl die Pachterin über die letztere Bemerkung sehr bestürzt wurde, da sie durchaus nicht begreifen konnte, was den Grafen dazu veranlassen mochte, musste sie doch lächeln, denn sie besass hinlänglichen Mutterwitz, um das Sinnlose in des Grafen Drohung sogleich einzusehen.

"Ach Du lieber Gott!" rief sie wehmütig die hände faltend. "Das wird gar nicht in des gnädigen Herrn Gewalt stehen! Das arme Ding hat ja keine einzige Sekunde ihre gewiss sternenhellen Augen aufgeschlagen, noch ein kurzes Sterbenswörtchen gesprochen! Wie soll mich die niedliche kleine Wendin da wiedersehen! Möge sie der liebe Gott nur so treulich behüten, wie Ew. Gnaden sich ihrer liebevoll annehmen!"

Magnus hatte inzwischen Haideröschen behutsam von ihrem Lager aufgehoben und nach dem vor der Haustür haltenden Planwagen getragen. Die schwatzende Frau folgte ihm, immerfort sprechend, auf dem fuss, obwohl ihr Mann finster genug drein sah und ihr mehrmals winkte, dass sie endlich einmal ihren Herzensergiessungen ein Ziel setzen solle. Nachdem der Graf seine schöne Beute auf dem für sie im Wagen bereiteten Heulager niedergelegt und mit Dekken und Matratzen so verhüllt hatte, dass ihr die Stösse des Fuhrwerkes auf dem schlechten steinigten Feldwege keine Contusionen oder andere Verletzungen zufügen konnten, bestieg er wieder sein rüstiges Tier und trabte an der Seite der zugezogenen Plane, welche der Pachter selbst leitete, dem entfernten Edelhofe zu, ohne sich weiter um die Lamentationen und Bitten der Pachtfrau zu bekümmern, die sie mit unermüdlicher Zunge bald ihrem Eheherrn, bald dem Grafen nachrief.

Trotz der Ungeduld, die ihn zu grösster Eile anspornte, musste sich Magnus doch entschliessen, einen sehr langsamen Trab zu reiten, da der Pachter kurz und bündig erklärte, dass es durchaus unmöglich sei,