und von hoher Steinmauer festungsartig umschlossen war, eine Menge kleinerer Wohnungen unterscheiden. Eine heisere Seigerschelle schlug eben die neunte Stunde.
"Na da wären wir ja," sprach der Maulwurffänger zufrieden zu sich selbst, indem er den Kopf seiner Pfeife ausklopfte und sie in die Westentasche steckte. s' Ist doch eine prächtige Sache um verbotene Wege. Sie bringen einen entschlossenen Mann in kurzer Zeit eine Strecke vorwärts. "Ha, ha, ha," fuhr er lachend fort, "im schloss wird noch stark geleuchtet. Sollte Gesellschaft da sein? Aber da ging's lebhafter zu, denn wo Junker Blauhut zu befehlen hat, darf sich die stille Kopfhängerei nicht blicken lassen."
Das Gebäude, dem unser Freund den Namen eines Schlosses gab, war eigentlich bloss ein geräumiges, von aussen stattlich aussehendes Herrenhaus, wie es deren in den meisten grösseren wendischen Dörfern gibt. Es lag fast in der Mitte des Dorfes, das sich in breiter Gasse diesseits und jenseits des Edelhofes eine fruchtreiche Berglehne hinanzog und von einem starken Bache durchströmt ward. Besitzer dieses Dorfes war der reiche Graf von Boberstein, wie er sich nach seinem mitten in einem See gelegenen Stammschlosse nannte, seit Jahresfrist aber hatte er es seinem Sohne Magnus als Eigentum überlassen, um ihn zu beschäftigen oder, weil er sich nicht mit ihm vertragen konnte, ihn möglichst fern zu halten. Magnus, von dem volk seines blauschwarzen Hutes wegen gewöhnlich Blauhut genannt, stand im Rufe eines jähzornigen, herrschsüchtigen und ausschweifenden Mannes. Niemand achtete, Jedermann fürchtete ihn, und weil er dies wusste, suchte er den möglichsten Vorteil für sich daraus zu ziehen. Sein Vater, ein milder, vornehmer und hoch gebildeter Mann, hatte wohl nicht bedacht, dass er dem zügellosen Sohne durch Abtretung des Zeiselhofes grade eine erwünschte gelegenheit zu Befriedigung aller seiner Lüste gab. Die meisten dem Rittergute zugehörigen Untertanen waren nämlich entweder hart bedrückte Frohnbauern oder völlige Leibeigene, mit denen ein strenger Gebieter geradezu verfahren konnte, wie es ihm beliebte. Magnus war zu genau mit den Vorrechten seines Standes vertraut, als dass er diese nicht im Uebermass hätte ausüben sollen, wenn er sich Nutzen und Vergnügen davon versprach. Er herrschte daher schon seit Monaten wie seine Urahnen zur Zeit des Faustrechtes. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er seinen leibeigenen Wenden, deren schlanke Töchter ihm ungemein gefielen. Ein herzloser, gegen den Gebieter hündisch kriechender Voigt bot ihm bereitwillig seine Hand zu jeder willkürlichen Handlung, und mit diesem feigen Schurken vereint verübte nun Magnus Dinge, die vor dem Richterstuhle der Menschheit als Verbrechen verdammt und bestraft worden wären. Nur die Macht des Herrn, die Furcht des Volkes vor dieser und die sclavische Scheu, als Kläger gegen den kleinen Tyrannen aufzutreten, schützten ihn und liessen ihn wohl gar glauben, er sei in seinem vollsten Rechte und deshalb völlig unantastbar.
Als der Maulwurffänger der hohen, düstern Mauer sich näherte, welche die umfangreiche Hoferöte umschloss, mässigte er seine Schritte und ging mit sich selbst zu Rate, auf welche Weise er sein Anliegen dem auffahrenden Junker am besten vortragen könne. Es fehlte unserm Freunde weder Gewandteit noch Unverschämteit, wenn es galt, irgend etwas, von dem er sich persönlich Vorteil versprach, mit Nachdruck durchzusetzen. Er hatte daher in Kurzem eine ganze Menge Vorwände in Bereitschaft, mit denen allen er, wenn es notwendig sein sollte, den Grafen zu bearbeiten gedachte. Furchtlos ergriff er jetzt den schweren metallenen Widderkopf am Hoftor und schmetterte ihn mehrmals mit solcher Gewalt gegen die eiserne Platte, dass augenblicklich ein wütendes Hundegebell im hof entstand und unmittelbar darauf einige schnüffelnde Köter von innen gegen die Tür sprangen.
"Vortrefflich gelungen!" murmelte Heinrich, sich vor Freuden die hände reibend. "Der unvernünftige Lärm jagt ihnen wenigstens einen solchen Schreck ein, dass sie alles Andere darüber vergessen. Sehr wahrscheinlich sogar, dass das Gesinde ein aufgehendes Feuer mutmasst. Das gibt Unordnung, Durcheinanderrennen und Teufelszwirn die Menge. Dabei kann Flucht oder Verstecken höchst täuschend nachgeahmt werden, denn Angst lehrt eben so gut Komödie spielen, wie Not beten. – Horch, sie kommen! Bin doch neugierig, aus welchem Tone sie mir aufspielen werden!"
Während der Maulwurffänger dieses Selbstgespräch hielt, waren mehrere Diener oder Knechte über den Hof nach dem Torwege geschritten, einige Laternen tragend, andere mit tüchtigen Knitteln bewaffnet, um einem möglicherweise beabsichtigten Einbruche, deren in den letzten Wochen mehrere in der Nachbarschaft versucht worden waren, kräftig begegnen zu können. Der Anführer dieser Eskorte fragte, während seine Begleiter die wütenden Hunde zu besänftigen suchten, wer so spät Einlass begehre und was dies unverschämte Lärmen zu bedeuten habe?
"Unverschämt!" wiederholte Heinrich mit seiner den Knechten des Edelhofes wohlbekannten halb zornigen halb scherzhaften stimme. "Ich finde es verteufelt unverschämt, einen ehrlichen guten Freund durch's Schlüsselloch zu examiniren und in solchem Hundewetter, das ihn nicht abhalten konnte, auf des Herrn Grafen Vorteil zu sehen, eine halbe Stunde lang stehen zu lassen. Zum Teufel, macht auf oder ich klettere trotz Eurer Zinken da oben und Eurer dummen Kläffer drinnen wie ein Dieb über den Torweg!"
"Gott straf' mich," versetzte der Voigt, "es ist gewiss und wahrhaftig der Sackerments-Maulwurffänger!"
"Ich will dich schon besackermentiren," entgegnete Heinrich, "wenn ich Dich nur erst hinter'm Tische in der Gesindestube habe!"
Inzwischen klirrten die Riegel, die Torflügel gingen knarrend aus einander und das helle Licht der Laternen zeigte drei oder vier