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wackerer Freund, auf Deine eigene Sicherheit dabei Acht zu geben," sagte teilnehmend und dem Deutschen dankend die Hand drükkend, Sloboda.

Heinrich schnippte mit den Fingern und lachte überaus vergnügt dazu. "Ich bin schlüpfrig, wie ein Aal," versetzte er, "dabei aber auch hungrig, wie ein Wolf. Und da meine Pfeife bei dem Geschwätz wieder einmal das Atemholen vergessen hat, so dächt' ich, wackerer Gastfreund, es wäre höchst zweckmässig, wenn Ihr Eure Ehewirtin rieft und sie im Brodschranke nachsehen liesset, ob vielleicht ein Restchen Grütze oder ein derbes Stück Speck von gestern her übrig wäre, das wir gemeinschaftlich, nebst Brod und Butter, verzehren könnten. Ein paar Seidel gute, nicht ganz abgerahmte Milch würde ein recht erfrischendes Getränk dazu sein, wenigstens bin ich ein ausnehmend grosser Liebhaber davon. Habt Ihr aber von dem Allen gerade nichts im haus, so würde es diesen jungen hitzigen Burschen nichts schaden, wenn er sich auf einem Spatziergange in die Schenke die Füsse etwas verträte und das Erforderliche nebst einer halben Kanne Schnaps und einigen Mass Bier herbeiholte. Ich bemerke hierbei, dass ich Braunbier lieber trinke, als Weissbier, teils, weil ich mehr davon geniessen kann, teils auch, weil es mir besser schmeckt. Offenheit unter Freunden, die sich einander dienstbereit die hände reichen, ist eine grosse Tugend, und ich denke daher, Freund Ehrhold, Ihr werdet meinen bescheidenen Wünschen kein Hinderniss in den Weg legen."

Sloboda musste über die ernstaft trockene Art, in welcher der Maulwurffänger seinen Speisezettel vortrug, trotz seines Kummers lachen und Ehrhold stand munter auf, um eigenhändig eine tüchtige Schüssel voll Haidegrütze mit kaltem Schweinefleisch, nebst Butter und Brod aufzutragen, Clemens aber musste, da vermutlich der Milchkeller des Wenden für den gesunden Appetit des diensteifrigen Maulwurffängers zu klein gewesen wäre, in die Schenke wandern, um die gewünschten Quantitäten Schnaps und Bier herbeizuschaffen.

Heinrich liess sich die aufgetragenen speisen trefflich munden und unterhielt dabei fortwährend seine Freunde mit allerhand wunderlichen Geschichten, die ihm alle selbst begegnet sein sollten. Darüber ging die Sonne unter und ein schwerer, feuchter Nebel begann Dorf, Hügel und Feld in schmutziges Grau zu hüllen. Dies konnte jedoch unsern Freund nicht abhalten, nach beendigter Mahlzeit unverweilt aufzubrechen, so angelegentlich ihn auch Ehrhold und Sloboda baten, die Nacht bei ihnen zu bleiben.

"Wenn ich nur nicht solche Redensarten hören sollte!" erwiderte Heinrich darauf. "Ihr wisst kaum, was Ihr bittet, und hörte ich darauf, so könnten wir allesammt hinterher ein grosses Unglück zu beklagen haben. Lasst mich nur machen, sag' ich! Ich kenne die Wege genau und finde sie in finsterer Nacht so gut wie beim hellsten Sonnenschein. Darum Gott befohlen und ein baldiges frohes Wiedersehen!"

Von den besten Wünschen der Wenden begleitet, verliess Heinrich das Dorf, wendete sich dann südöstlich, liess die Teiche, die schützend von zwei Seiten den Ort umgaben, rechts liegen und wanderte in gemessenen Schritten, seinen langen Stecken fleissig brauchend und sich gleichsam mittelst desselben wiegend und weifend vorwärts schiebend, einer Waldzunge zu, welche die zur Linken seitwärts laufende Haide hier in's bebaute Land vorgeschoben hatte.

Es nebelte so stark, dass der Maulwurffänger kaum einige Schritte weit sehen konnte, sein Auge war aber durch immerwährende Uebung in jeder Tages- und Jahreszeit und bei allen möglichen Witterungsveränderungen so sehr an dies feuchte Nebelgrau gewöhnt, dass er stets genau wusste, wo er sich befand. Selbst im dichtesten Kieferwalde blieb ihm diese Sicherheit treu. Nach seiner Gewohnheit schlug er sich Feuer an, um für die lange Weile eine Pfeife zu rauchen, und schlüpfte bald links, bald rechts um die rötlich-gelben Stämme. Die Luft war völlig still. Man hörte das Geriesel der dürren Nadeln, die in der feuchten Luft zu Boden fielen, und die behutsamen Tritte der Füchse, die nach ihren Bauen schlüpften. über den Wald hin zogen bisweilen einige Krähen, deren unmelodisches Geschrei in der dicken Luft dumpf verhallte.

Eine gute halbe Stunde mochte der Maulwurffänger tüchtig ausgeschritten sein, als die Waldung lichter wurde und einzelne helle, mit dunstigen Ringen umgebene Puncte die Nähe eines benachbarten Ortes ankündigten. Ein des Weges minder kundiger Wanderer würde auf diese freundlich lockenden Zeichen zugeschritten sein, Heinrich aber wendete sich, nachdem er den Wald verlassen hatte, zur Rechten und schlüpfte hart an den letzten Bäumen hin, bis die Lichter weit zur Linken dämmerten. Nun senkte sich der Boden, die scharfe Waldzunge fiel in ein Tal oder eine Niederung ab und verlor sich in wolkigem Dunst. Behend lief Heinrich die schlüpfrige Lehne hinunter, übersprang einen Bach und gelangte nun auf einen hohen Damm, hinter welchem unter rollendem Nebelgewölk ein breiter Wasserspiegel sichtbar ward. Diesen entlang schritt der Maulwurffänger, bis ein zweiter kaum fussbreiter Damm quer durch den kleinen See lief und ihn in zwei fast gleiche Hälften teilte. Obwohl kein Fusssteig über diesen schmalen und vom Niederschlag der feuchten Dünste äusserst schlüpfrigen Damm führte, wagte sich Heinrich doch darauf und erreichte nach viertelstündiger Wanderung eine freie, von anmutigen Hügeln umschlossene Gegend. Fernes Hundegebell verriet die Nähe bewohnter Dorfschaften oder zerstreut liegender Vorwerke. Auch dauerte es nicht gar lange, so blitzten deutlich bald in der Tiefe, bald schwebend in der Luft, erst vereinzelte Lichter, dann ganze Reihen trüber Flammen. Das Rauschen eines Wehres, das Klappern einer Mühle ward hörbar und nach einiger Zeit liessen sich vor und neben einem hohen und breiten Gebäude, das von langgestreckten Nebenflügeln umgeben