1845_Willkomm_143_4.txt

verheiratet."

"So gerade heraus, alter Vater, kann ich auf Eure Frage nicht antworten. Es gibt hier in den Haiden mehrere Maulwurfsfänger, alte und junge, die sich alle nähren, viel herumkommen auf den Dörfern, bei Bauern und Herren leicht Quartier finden und alle, der Eine mehr, der Andere weniger, einen guten Ruf haben."

"Derjenige, den ich meine, kann nicht zehn volle Jahre jünger sein, als ich. Er war nicht aus der Haide, auch kein Wende von Geburt, sondern ein rechter hartköpfiger Oberlausitzer. Bin ich nicht ganz irre, so lebten seine älteren auf dem Hahne unterm Hochwalde. Später zog er aus dem Gebirge herunter und kaufte sich auf dem hohen Hübel zwischen Löbau und Herrnhut ein Häuschen. Den Ort nannten sie dazumal insgemein 'den toten', wesshalb wir den Mann scherzweise oft den toten Maulwurfsfänger hiessen."

"Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn?" sagte der Wirt im Haidekretscham. "Gewiss, ich kenne den Mann und sicherlich lebe er noch und treibt sein Gewerbe so sachte hin immer noch fort; wenn ich mich nur auf seinen Namen besinnen könnte."

"Mit dem Spitznamen hiess er Pink-Heinrich, weil ihm des vielen Sprechens wegen die Pfeife häufig ausging und er fortwährend genötigt war, aufs Neue Feuer anzuschlagen, was die Oberländer 'pinken' heissen."

"Meine Seel', alter Vater, Ihr habt Recht!" rief erfreut der Wirt aus, das erhobene Glas wieder niedersetzend, ohne es zum mund zu führen. "Der Mann lebt und wie Gesund und frisch wie ein junger Bursche und alert wie eine Forelle! Weiss Gott, wie er es macht, dass ihn nichts auf Erden anficht, weder Krankheit, noch Krieg, noch Kummer noch Arbeit! Er läuft wie ein Rebhuhn noch heute sein sechs Meilen des Tages und schläft dann auf harter Bank besser, als mancher grossmächtige König und Herr in seinen weichen Pfühlen! Ja das ist noch ein Mann, so unverwüstlich und herzerfreuend, wie die Berge, auf denen er jung geworden!"

Zustimmend lächelnd nickte der Greis freundlich mit dem kopf. "Ihr schildert den Pink-Heinrich meiner Jugend, den wackern Helfer in jeglicher Not, den Freund aller Armen, Notleidenden und Bedrückten und den unversöhnlichen, aber schlauen Feind rechtloser Gewaltaber! Er lebt! Gott, der Mann lebt! Und wisst Ihr, wo ich ihn treffen, ihn sprechen kann?"

Zwar kam es dem Wirt sonderbar vor, dass sein Gast, der seit langer Abwesenheit tief aus den Wäldern des zerrütteten, mit Blut gedüngten, rechtlos unterjochten Polen kam, mit solchem Jugendfeuer von einem mann sprach, der in der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr Geltung hatte, als der gemeinste Tagelöhner, indess war er doch auch zu gutmütig und mitteilsam, als dass er einen Gast, der noch dazu von Stamm sein Landsmann war, nicht die gewünschte Auskunft hätte geben sollen.

"Wenn Euch daran gelegen ist, den Maulwurffänger zu sprechen," versetzte er nach kurzem Besinnen, "so könnte ich Euch wohl einen Ort nennen, wo Ihr ihn sicher trefft, wenn die Witterung nicht ganz zum Davonlaufen schlecht wird. Das Häuschen auf dem toten hat er längst verkauft, weil's ihm zu einsam gelegen war und er die Aussicht nicht mehr leiden konnte. Sie hatten ihm nämlich in den ersten zwanziger Jahren oder noch früher kaum eine Viertelstunde von seinen Fenstern am Saum des Waldes ein Rad aufgepflanzt und darauf die Gebeine eines Mordbrenners geflochten, der wohl ein halbes Dorf aus gemeiner Rache in Asche gelegt hatte. Das verdross ihn und so zog er in das letzte sächsische Dorf auf der Strasse von Löbau nach Reichenbach. Was ihn bewegen mochte, gerade diesen Ort zu wählen, weiss ich nicht anzugeben. Es muss aber wohl eine besondre Bewandtniss damit haben."

"Wie so?" warf der Greis fragend ein.

"Ich vermute dies bloss, weil der Mann so lange ich ihn kenne, und das mögen jetzt an die zwanzig Jahre her sein, alle Sonntage, dir Gott werden lässt, und an denen nicht Hagen oder todbringendes Schneewetter die Wege ungangbar macht, in die Königshainer Berge wallfahrtet. Kennt Ihr den Todtenstein?"

"Ob ich ihn kenne!" sagte der Greis, die hände faltend und seine grossen blauen Augen mit schauerlichem Ernst zum Himmel aufschlagend.

"Nun seht," fuhr der Wirt fort, den die geheimnissvolle Schweigsamkeit des alten Wenden immer mehr anzog, "heute ist Sonnabend, will's Gott, und wenn Ihr morgen in der Frühe mit Eurem ungläubigen Kutscher aufbrecht und die Richtung nicht ganz verliert, auch Euer gottserbärmliches Gerüll von Wagen nicht auf unsern mitunter holprigen Wurzelwegen zerbricht, so mögt Ihr in den ersten Nachmittagsstunden am fuss der Königshainer Berge ankommen. Macht Ihr Euch dann auf den Weg und geht schnurstracks nach dem Todtensteine, den Ihr in einer guten halben Stunde vom Gastofe aus erreichen könnt, so werdet Ihr unter irgend einer der vorspringenden Felsenkanten den Mann, den Ihr sucht, in stilles Nachdenken verloren sitzen sehen! Ob er ein Anhänger des lieben Heidentums ist, das vor alten zeiten in der Gegend gehaust haben soll, oder ob er heimlich Schätze gräbt oder gar mit den Geistern und Holzweibeln Verkehr treibt, die um die schauerlichen Klüfte schweben und ihre unheimlichen Weisen singen, das weiss ich nicht und mag's auch nicht wissen! Aber ich will kein Wort wendisch mehr