wie Du, ich brauchte nicht mehr blindlings den Winken eines launenhaften Herrn zu folgen, und die Schmach, die auf der person eines Leibeigenen haftet, wird Deine freie Seele nicht beflecken!"
"Ich bin Dein Bruder, Jan Sloboda," erwiderte Heinrich ernst, Händedruck und Kuss erwiedernd.
"Und nun noch eine Bitte," sagte Ehrhold. "Tretet als Gast in meine Hütte! Sie ist zwar ärmlich, aber rein und unentweiht von jeder Freveltat!"
"Ich will die Abendmahlzeit mit Euch und Eurem Freunde teilen," versetzte der Maulwurffänger, denn wenn ich ehrlich sein soll, so muss ich gestehen, dass ich einen recht gesunden Appetit verspüre. Verspätigen wir uns auch beim Gespräch und bricht die Nacht herein, ehe ich meinen Stab weiter setze, so soll mich das wenig verschlagen. Mir sind alle Wege und Stege im Gebirge, in Ebene und Haide genau bekannt.
Die Wanderer hatten auf verschiedenen zwischen den Teichen hinlaufenden Dämmen die fischreichen Weiher durchschritten und erreichten jetzt das Dorf, wo Ehrhold wohnte. Zwischen Wald und sanft ansteigenden Wiesen in breitem Talgrunde gelegen, den ein heller Bach durchrieselte, machte es einen freundlichen Eindruck. Die mit Moos und Gras bewachsenen Strohdächer leuchteten im goldigen Duft der bereits niedrig stehenden Sonne. Auf den Forsten mehrerer Häufer zeigten sich Storchnester, deren Bewohner noch nicht aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurückgekehrt waren. Die alten Mütterchen und Greise des Dorfes sassen vor den Haus- und Hoftüren, während verheiratete rüstige Frauen und Männer auf dem ungepflasterten Fahrwege, der zwischen den beiden Häuserreihen, aus welchen das Dorf bestand, hinlief, mit einander plaudernd auf- und niedergingen. Die Männer rauchten meistenteils Tabak, und als sie die vom Todaustreiben Heimkehrenden gewahr wurden, gingen sie ihnen lebhafter entgegen und begrüssten sie herzlich, eine Menge der verschiedensten fragen an sie richtend.
Das freudlose Wesen der Heimkehrenden musste den daheim Gebliebenen alsbald auffallen, denn man war gewohnt, die Jugend, wenn sie von ihren Sonntagsausflügen in's Tal herab zog, schon von fern heitere Feldlieder singen zu hören. Es fragten deshalb bestürzt und unruhevoll Mehrere nach der Ursache dieser allgemeinen Betrübniss.
"Vermisst Ihr denn Niemand?" entgegnete Ehrhold. "Seht Euch um! Sind das all unsere Kinder und Schutzbefohlenen?"
"Wo bleibt unser Haideröschen?" rief eine ihrer Freundinnen mit bangem Herzklopfen. "Sie ist uns gewaltsam entrissen worden," sagte Ehrhold. "Habt Ihr den Dienstbotentag vergessen?" Alle standen wie vom Schlage getroffen, während Ehrhold seine Gäste in das uns schon bekannte Wohnhaus geleitete.
Viertes Kapitel.
Pläne.
In demselben verräucherten Zimmer, wo unter allgemeiner Lust die Spinte nach altem Brauch erstochen worden war, an dem nämlichen Tische, wo Haideröschen ihre dankbaren Zuhörer mit dem Zauber ihrer Mährchen und Waldlieder entzückt hatte, sassen Ehrhold, Sloboda, Heinrich und Clemens in beratendem Gespräch. Der junge Bursch, den die überkecke Tat des Grafen erst völlig betäubt hatte, überliess sich jetzt wieder ganz seiner natürlichen Lebhaftigkeit und seinem heftigen sinnlichen Temperamente, das nur angewohnte Scheu vor der Gewalt eines gebietenden Herrn eine Zeitlang hatte niedrücken können.
"Gott im Himmel," rief er aus, "warum konnte ich ruhig zusehen und das Entsetzliche geschehen lassen! Röschen wird mich verachten und dem Feiglinge für immer den rücken kehren! Verflucht sei die Stunde, wo der Graf sie zum ersten Male erblickte!"
"Lass das gut sein," bemerkte der Maulwurffänger. "Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Das ist zwar eine sehr abgegriffene, aber doch immer eine wahre Lebensregel. Was sollte denn ausserdem noch geschehen? Es liess sich bei der Affaire schlechterdings nichts tun, als dass Ihr etwa den Herrn Grafen todtschlugt. Das wäre aber meiner schlichten Meinung nach eine eben so respectwidrige, als verbrecherische Handlung gewesen. Weit besser ist's, dass sie unterlassen wurde. Unterlassungssünden solcher Art tragen ihrer Zeit die süssesten Früchte. Haideröschen, wie Ihr das nette Ding nennt, hat einen Ritt durch die Hügel gemacht, und dieser wird ihr ohne Zweifel gut bekommen, denn es war heute eine prächtige Luft!"
"Der Spott steht Euch übel zu gesicht, Landsmann," versetzte Clemens verdrüsslich.
"Dein Landsmann kann und will ich nicht sein, wenn Du nichts dawider hast," erwiderte Heinrich, listig mit den Augen blinzelnd. "Hat uns auch dieselbe Erde geboren, so gehören wir doch zwei Volksstämmen an, die in früherer Zeit nicht brüderlich einträchtig zusammen lebten."
"Wie Ihr wollt," sagte der junge Wende. "Die Hauptsache bleibt immer, dass wir jetzt redlich und wacker zusammen halten, um der verruchten Grafenbrut den Hals zu brechen. Allein dürfen wir armen geknebelten Teufel dem Gespinnst doch nicht an's Leben, ohne gehangen, gespiesst oder gar verbrannt zu werden."
"Der grösste deutsche Weltweise, Eulenspiegel, der recht eigentlich der einzige wahre Philosoph unseres Volkes ist," nahm Heinrich in unerschütterlicher Ruhe abermals das Wort, "sagte das grosse Wort: Eile mit Weile! Das ist absonderlich in dieser Angelegenheit mein Rat. Versprichst Du mir, fein still zu sitzen und ganz untätig zuzusehen, bis ich sage: jetzt mach' Dich auf die Socken und handle; so mische ich mich auf meine Weise in die geschichte, und ein verwirrter Knäuel Bindfaden, den ich in die hände kriege, wird gewiss entwirrt, oder ich will kein Maulwurffänger sein! 's Ist mein Geschäft, die Pfiffigen hinter's