schon seit Jahr und Tag auf der Burg des alten Grafen lebt? Es wird viel darüber gefabelt, was Alles ich nicht glauben kann. Nur so viel weiss ich, dass es zwischen Himmel und Erde etwas Lieblicheres, als fräulein Herta, wie man sie nennt, nicht gibt!"
"Ich sah letztin das fräulein mit dem alten Herrn durch den Wald reiten," versetzte Sloboda, "und wirklich bei ihrem Anblick ward mir zu Mute, als schwebe ein Engel vorüber!"
"Es muss eine eigene Bewandniss mit dieser Herta haben," fuhr der Maulwurffänger fort. "Der alte Graf, ein braver Herr, wie mich dünkt, trägt das fräulein auf den Händen, und auch die Frau Gräfin, die doch eine stolze Frau ist, lächelt immer recht freundlich, wenn sie das feine schlanke Mädchen erblickt, ja sie lässt es sogar geschehen, dass Herta ihr um den Hals fallen und sie nach Herzenslust küssen darf, was ich ihrer eigenen Tochter, wenn sie eine hätte, nicht raten würde. Aus alle dem geht hervor, Freund Jan, dass sie von gar vornehmer Abkunft sein muss."
"Sehr möglich," sagte Sloboda. "Die Verbindungen der gräflichen Familie sind gross und sollen sogar mit dem churfürstlichen haus verzweigt sein."
"Wisst, Jan, ich habe einen Gedanken! Ihr müsst das fräulein zu Eurer Fürsprecherin machen. Junker Blauhut fürchtet den Alten, weshalb er auch selten auf das Schloss im See kommt. Stecken wir uns nun hinter diesen und lassen ihm durch Herta die Gewalttat des Sohnes vortragen, so könnt Ihr versichert sein, dass der Nichtsnutz Euch das liebe Kind binnen wenig Tagen mit Extrapost in den Hof fahren lässt!"
"Wer soll einen so gefährlichen Auftrag übernehmen! Ich selbst? – Mir würde man nicht glauben, und ein Anderer? Ach, Heinrich, Ihr kennt die Menschen und ihren Eigennutz nicht!"
"Hat das nette Ding denn keinen Liebsten?" fragte etwas ungeduldig der Maulwurffänger.
"Die Burschen sind ihr wohl alle gut und gingen für sie durch's Feuer, aber erklärt hat sich doch noch keiner."
"Noch keiner?" warf Clemens ein, der einige Schritte vor den ratschlagenden Männern mit den Uebrigen ging, und drehte sich um. "Fragt Vater Ehrhold, ob Haideröschen ohne Schutz ist!"
"Ehrhold?" sagte Jan gedehnt, den jungen Burschen mit langen Blicken messend.
"Er weiss, was ich nicht lang und breit erzählen mag. Ich liebe das Haideröschen und habt Ihr nichts dagegen, Vater Jan, und kommt sie heil und rein wieder zurück in unser stilles Dorf, so gibt's eine lustige Hochzeit, noch ehe die Blätter fallen!"
Der Maulwurffänger lachte leise und sah den Wenden mit dem verschmitztesten blick seiner muntern Augen an. "Da haben wir ja gleich einen Unterhändler, wie wir ihn nur wünschen können," sagte er. "Gelt', frischer Junge, Du scheust eine Tracht Prügel nicht, wenn Du der schmucken Dirne und ihrem trauernden Vater einen Dienst erweisen kannst? Legen sie Dich in den Stock, je nun, so sitzest Du eben auf demselben Ehrenplatze, auf welchem vor Dir schon sehr viele ehrliche Leute gesessen haben. Wer liebt und das Herz auf dem rechten Flecke hat, fürchtet weder den Teufel noch seine Grossmutter!"
"Ich bin zu Allem bereit," versetzte Clemens. "Lasst mich nur wissen, was ich zu tun habe!"
"nachher, wackeres Blut!" sagte der Maulwurffänger. "Ich sehe die Teiche durch das Gesträuch schimmern, und da ich einmal so weit mit Euch gelaufen bin, werdet Ihr mich hoffentlich eine halbe Stunde bei Euch ausruhen lassen. Da können wir das Nähere besprechen. Wichtiger ist es, dem Junker sogleich beizukommen, und da ich mich so tief in die Sache eingelassen habe, möchte ich am liebsten selber mit ihm reden, vorausgesetzt, dass es Euch recht ist."
"Ihr wolltet, Heinrich?" rief Sloboda erfreut und erstaunt zu gleicher Zeit aus. "Habt Ihr auch den Zorn des jungen Herrn überlegt? Er vergibt Euch nie mehr, wenn Ihr seine Wege kreuzt, und wird Euch auf Schritt und Tritt verfolgen, denn in ihm wohnt eine böse, tückische, verwahrloste Seele!"
"Aus Blauhut's Zorne mache ich mir nicht so viel!" sprach der Maulwurffänger lächelnd, indem er mit aufgeworfener Lippe über die Spitzen seiner Finger hinblies. "Ich bin ein freier Mann, dem er nichts zu befehlen hat. Bisher fing ich ihm redlich das blinde Gewürm von seinen Aeckern, wofür er mich immer pünktlich bezahlt hat. Will er mir fernerhin die Kundschaft entziehen und sich die Felder von dem Ungeziefer ruiniren lassen, so steht ihm das frei. Mich soll die Ungnade des Grafen Magnus wenig kümmern, wenn ich um so geringen Preis einem Armen helfen und ein schreiendes Unrecht verhüten oder hintertreiben kann."
Gerührt über ein so uneigennütziges Anerbieten ergriff Sloboda Heinrich's beide hände, drückte sie mit Inbrunst und umarmte ihn, seine Stirn küssend.
"Vergib," sagte er, "dass ein Leibeigener einen freien Mann des Volkes zu umarmen und Bruder zu nennen wagt! Ich kann nicht anders, mein Herz treibt mich dazu. – Hast Du doch selbst gesagt, dass die Kette, die noch an meinen Händen klirrt, gebrochen zu werden verdiente. Nimm an, ich sei frei,