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mit hartem Schuh auf die Zehen tritt. Mut und Ausdauer machen sie ängstlich und furchtsam. Und was wollt Ihr denn, guter Freund? Seid Ihr denn nicht im vollkommensten Recht? Mädchenraub ist, Gott sei Dank, in christlichen Landen vor jedweder Obrigkeit ein Verbrechen. Darum nur geklagt, Freund! Der Blauhut muss mir durchaus an den Pranger!"

"Er ist mein Herr!" sagte dumpf der Wende.

"Desto besser! Der Herr muss seine Untertanen schützen, er darf sie nicht misshandeln."

"Ich bin nicht sein Untertan, guter Mann."

"Ja zum Teufel, was seid Ihr denn sonst?"

"Sein Leibeigener!" murmelte Sloboda mit einem furchtbaren blick gegen Himmel, indem er seinen Hut wieder abnahm und dem teilnehmenden Deutschen das Zeichen der Knechtschaft, den glänzenden Lederriemen um Stirn und Hauptaar, zeigte. "Ich muss schweigen und dulden," setzte er hinzu, indem Zorn und Ingrimm seinen Augen bittere Tränen entpressten, "denn wenn mir der Herr nicht an's Leben geht, habe ich wider ihn kein Recht. Auch ist er sonst immer gut gegen mich gewesen und ich habe keine Not bei ihm gelitten. Erst seit die Schönheit meiner Tochter ihn berückt hat und ich mich seinem Befehle, den ich für ungesetzlich halte, geweigert habe, behandelt er mich hart. O ich wollte, ich wollte –!" Und beide hände geballt zum Himmel erhebend, knirschte der Wende mit den Zähnen und stiess einen fürchterlichen Fluch über alles Herrentum aus.

"Lieber Freund," versetzte jetzt der Maulwurffängerdenn dieses Geschäft betrieb der Mann mit den Drähten – "mit blinder Wut ist in Eurer Lage nichts zu gewinnen. Ich glaubte Euch nur hofepflichtig; dass Ihr leibeigener Knecht seid, ändert die Sache freilich, doch verloren habt Ihr deshalb noch immer nicht. Ich rechne mir nämlich, dass es einen Weg gibt, auf welchem diesen Herren beizukommen sein muss. Das, lieber Freund, ist die Ruhe, die Schlauheit, die Verstellung! Und Ihr müsstet doch, mein' ich, kein eingebornes Kind dieses Landes sein, wenn Ihr nicht die zehn Gebote aus dem Katechismus des gemeinen Mannes vollkommen begriffen haben solltet! Was mich betrifft, seht Ihr, so ist Schlauheit die Seele meines Geschäfts. Der Maulwurf ist ein verteufelt kluges Tier, der Euch die schönsten Anschläge zu nichte macht, wenn Ihr ihn nicht zu überlisten versteht. Mich aber täuscht so eine blinde Ereatur nicht, denn ich kenne ihre Weise. Wo ich meine Drähte in's Erdreich senke, da zappelt auch der unermüdliche Schaufler mit fest zugeschnürter Kehle, bevor zwölf Stunden in's Land gegangen sind. Darum, Freund, ist es mein Rat: seid klug und besonnen! Haltet Euch alle Leidenschaftlichkeit fern und senkt Fangdrähte in den Grund und Boden Eurer Herren so geschickt, so schlau, so heimlich, dass auch der Klügste sie nicht spürt, und ich versichere Euch, binnen hier und zehn Jahren seid Ihr frei, wie der Vogel in der Luft."

"Euer Wort in Ehrenwie seid Ihr getauft?"

"Heinrich, Euch zu dienen, in's Gemeine PinkHeinrich."

"Euer Wort in Ehren also, Heinrich, die Sache mag ihre Richtigkeit haben, allein ich selber kann nichts dazu tun. Für mich gibt es keine Hilfe, ich muss dulden und sterben."

"Lasst mir den Kirchhof aus dem Spiele," versetzte Heinrich, "ich bin gerade kein sonderlicher Liebhaber von dem Gewürm. Doch sagt, wie hängt denn die geschichte mit dem Blauhut und Eurem kind zusammen? Ihr liesst vorhin em Wörtchen von Rechtlosigkeit und Willkür des Grafen fallen. Könnten wir ihn daran päcken, so sollte er schon zappeln, dass ihm die Augen aus dem kopf sprängen!"

"Darüber kann ich Euch die beste Auskunft geben," fiel Ehrhold ein. "Vor etwa vierzehn oder sechzehn Tagen, müsst Ihr wissen, schrieb der Herr einen Gesindetag aus. Ich gehöre ihm erbuntertänig zu mit den Meinigen, denn der Edelhof, zu dem unser Dorf gehört, ist sein ihm verschriebenes Eigentum. Nun war dazumal meine Pate, das Haideröschen, grade zu Besuch bei mir, als die Dienstladung kam. Als eine Fremde meldete ich sie nicht als hofepflichtig, denn ihr Vater, der Jan Sloboda, steht unter der herrschaft des alten Grafen und frohnt und dient dem Schloss im See, wie wir die alte Burg Boberstein nennen. Meines Wissens ging dem Haideröschen der Dienstruf des jungen Herrn gar nichts an und ich war im Recht, dass ich sie nicht zur Dienstschau abschickte. Es hätte wohl auch kein Hahn darüber gekräht, wäre nicht zum Unglück am nämlichen Tage der junge Herr in unser Dorf gekommen. Obschon es eigentlich nicht seine Art ist, sich um uns arme Leute viel zu bekümmern, stieg er doch am Kretscham ab und trat in die Schenkstube, wo sein Voigt eben mit Aufzeichnung der Namen aller Mädchen beschäftigt war. Ich verwette meinen Kopf, die vielen hübschen Gesichter hatten den Herrn ganz allein hereingelockt! Wie er nun die verschämten Kinder mit Kennerblick mustert und Dem und Jenem ein freundlich aufmunterndes Wort sagt, tritt Röschen ein, um mich heimzuholen, weil das junge Fohlen, weiss der Himmel wodurch, den Koller gekriegt hatte. Kaum sah der Junker Blauhut meine Pate, so fragte er, wer sie sei? Und als ihm der Name Sloboda genannt wird, befiehlt er, das arme