1845_Willkomm_143_35.txt

Feuerflocken auf mein Herz und brennen darin so tiefe Wunden, dass sie wohl nie mehr vernarben und ich sie immer fühlen werde. Möchten Sie durch die Worte eines Andern nie ähnliche Schmerzen empfinden!"

Nach diesen Worten trat er einen Schritt zurück, denn er wusste nicht, was er dem herzlosen Gebieter noch sagen sollte. Röschen weinte, dass ihr die Tränen wie Perlen über die fein geröteten Wangen herabliefen, aber sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen zu dem mann, der sich das Recht und die Gewalt, willkürlich über sie zu verfügen, anmasste.

"Folge mir, Röschen," wandte sich der Graf an die Schöne. "Meine Zeit ist kurz und meine Geduld zu Ende. Ich verlange Gehorsam und werde ihn zu erzwingen wissen, wenn dies Sträuben fortdauert. Ich bin kein Freund harter Massregeln, aber ich werde sie schonungslos anwenden, wenn dieser Geist der Widerspänstigkeit, der anderwärts schon zu Excessen geführt hat, auch unter meinen Untertanen oder denen, die es dereinst werden sollen, einzunisten droht. Du bist siebzehn Jahre, mitin hofepflichtig. Ob Du auf meinem oder meines Vaters schloss in Dienst trittst, ist gleichgiltig. Ich beanspruche Dich im Namen meines Vaters, der mir Dich ohne Widerrede abtreten wird. Zum letzten Male spreche ich als Freund und im Guten zu Dir. Lass Dich von Deinem Vater oder von wem Du sonst willst bis dort nach jenem Vorwerke begleiten. Ich reite heim und werde Dich zu Wagen abholen lassen."

Trotz dieses entschieden ausgesprochenen Befehles blickte Röschen weder auf, noch machte sie Anstalt, den Grafen zu begleiten. Das Gesicht zur Erde geneigt und mit den schlanken Händen die häufigen Tränen von den Wimpern streichend, schmiegte sie sich furchtsam fest an den starken, in finsterer Ruhe neben ihr stehenden Vater. Da sprang der junge Graf aufbrausend vom Pferde, schlug Sloboda mit der Peitsche über den entblössten Kopf, dass sogleich eine dicke blaurote Schwiele auflief und der schwer Getroffene mehrere Schritte rückwärts taumelte. Dann umfasste er das junge wendische Mädchen, hob es mit kräftigem Arm auf den Hals seines Pferdes, schwang sich behend in den Sattel und jagte trotz Röschens wimmerndem Hilferuf und dem dumpfen Murren des in naher Entfernung neugierig gaffenden Volkes mit seiner schönen Beute quer über die Felder dem Vorwerke zu, das in halbstündiger Entfernung aus einer Gruppe schöner Buchen und Birken mit seinen weissen Schornsteinen einladend hervorschaute. Als der tyrannische Graf in der Ferne verschwand, verlief sich auch das Volk, ohne über die gewaltsame Handlung des vornehmen Herrn anders als durch heimliche Bemerkungen flüsternd seine Missbilligung zu erkennen zu geben.

Drittes Kapitel.

Pink-Heinrich.

Alle diese Vorgänge hatte der Mann mit den Drähten, welchen wir zu Anfange des vorigen Kapitels den Todtenstein besteigen sahen, genau beobachtet, ohne seine nachlässige Stellung, in der er auf dem Felsen ruhte, zu verändern. Erst jetzt, als das Volk achtlos auseinanderlief und der Graf in wildestem Rennen mit dem jungen Mädchen davon jagte, stand er auf, warf Quersack und Drähte über die Schulter, umfasste heftig seinen langen Stock und stieg die enge Schlucht wieder hinab. Ehe er jedoch diese verliess, raffte er aus einem tiefen Felsenspalt, der ihm als Magazin diente, noch ein Bündel etwa zwei Ellen langer und einen Zoll dicker Buchen-, Birken-und Eichenstäbe auf, nahm es unter'm linken Arm und ging darauf mit grossen Schritten, die Knie stets etwas gebogen, den Stab regelmässig weit vorsetzend und bei jedem nächsten Schritt weifenartig damit nach rechts ausbiegend, dem gemisshandelten Wenden entgegen. Dieser ächte Bauerngang, der ohne zu ermüden schnell vorwärts bringt, sah bei dem untersetzten mann sehr komisch aus und verursachte durch das immerwährende Schaukeln und Aneinanderschlagen der Drähte auf Brust und rücken ein eigentümlich klirrendes Rascheln.

Betäubt von dem unerwarteten Schlage und von Ehrhold, dem jungen Clemens und noch einigen andern Wenden und Wendinnen umringt, bemerkte Sloboda nicht die Ankunft eines Fremden. Erst als ihn der Mann mit den Drähten sanft auf die Achsel schlug, kehrte sich Sloboda um und reichte, da ein gutmütiges Auge ihn grüsste, dem mann die Hand.

"Man hat Euch da behandelt, wie einen Hund, wakkerer Freund," sagte der Mann mit einer stimme, die vor gerechter Entrüstung grollend zitterte. "Schade, dass ich nicht bei der Hand war, sonst, bei meiner armen Seele, hätte ich dem hochmütigen Burschen ein Rad um den Kopf geschlagen. Ihr müsst klagen, Mann!"

Der Wende seufzte und schüttelte in stummer Verzweiflung sein braunlockiges Haupt.

"Ihr wollt nicht?" fuhr der mit den Drähten fort. "Warum nicht? Meint Ihr, der Herr behalte Recht, weil er reich ist? Solche Gedanken dürft Ihr gar nicht in Euch aufkommen lassen, mein Lieber! Es ist wahr, der arme richtet bei unserer Art, die Prozesse zu führen, und sie auf Kind und Kindeskind zu vererben, hier zu land selten etwas aus, aber, Freund, es ist nicht klug, dergleichen Bedenken merken zu lassen! Ich sage Euch, soll das Volk den Vornehmen gegenüber dereinst und, gebe Gott, bald eine bessere Stellung einnehmen, die es verdient, die es fordern darf, so müssen wir jedes erlaubte Mittel ergreifen und vor Allem uns von diesen hochmütigen Narren gar nichts mehr gefallen lassen! – Glaubt mir, Freund, ich kenne die Herren, denn ich komme viel mit ihnen zusammen, ich kenne auch den wilden Blauhut. Sie geben klein zu, wenn man ihnen recht derb