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sein, als er an der nördlichen Seite des Todtensteines wieder sichtbar ward, die schöne Wendin, von dem riesigen mann begleitet, in dessen Schutz sie sich begeben hatte, an der Hand führend. Das wetterbraune Gesicht des letzteren hatte einen würdigen, herzgewinnenden Ausdruck und der blick seiner hellen blauen Augen etwas so Offenes und Ehrliches, dass man wohl hätte glauben dürfen, diesem mann eine Bitte, vom blick seines Auges unterstützt, abzuschlagen, müsse Jedermann unmöglich sein. Er hatte bereits das Haupt entblösst und zeigte jetzt, wie die meisten übrigen Wenden, welche bei diesem Auftritte zugegen waren, einen schmalen glänzenden Lederriemen um die Stirn, der, wie es schien, am meisten dazu diente, die reiche Haarfülle fest zusammenzuhalten. Zienckich rasch schritten diese drei Personen den Hügel herab der Stelle zu, wo der herrische Ritter, mit kurzen fragen Clemens festaltend, auf sie wartete. In einiger Entfernung vor und hinter dem jungen Grafen war das Volk wieder zusammengetreten, offenbar aus Neugierde, was wohl der gebieterische und gefürchtete Herr mit dem schönen kind anfangen werde.

Als der Reiter den starken grossen Mann erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht und eine dunkle Röte bedeckte auf einige Momente Wange und Stirn. Inzwischen waren jene drei so nahe gekommen, dass sich leicht ein Gespräch mit ihnen anknüpfen liess, weshalb der Graf in scherzhaftem Tone sprach:

"Röschen, Röschen, Du lässt mich frühzeitig die spitzen Dornen fühlen, die Deine Schönheit birgt! Das ist lieblos von Dir und eigentlich sollte ich Dich dafür strafen. Doch ich weiss, dass alle schönen Mädchen kleine anmutige Launen haben, die sie uns Männern nur begehrenswerter machen. Darum soll Dir verziehen sein, wenn Du mir jetzt mit Deiner törichten Furcht nicht die Geduld raubst. Hier ist meine Hand. Schlag' ein! Auf Ritterwort, es soll Dir kein Leid geschehen!"

Obwohl der junge Herr eine geraume Zeit seine vom Reitandschuh freie, weisse und schlanke Hand vom Pferde herab der Wendin entgegenstreckte, rührte diese doch keinen Finger. Gesenkten Hauptes, die hände unter der Schürze lose verschlungen, stand sie da gleich einer Verbrecherin, die ihr Urteil erwartet. Da trat ihr Begleiter vor, beugte sich tief vor dem Reiter und dessen Hand mit seinen Lippen streifend, sagte er ehrfurchtsvoll:

"Gnädigster Herr Graf, ich bitte Sie fussfällig, lassen Sie mir die arme Kleine nur noch ein Jahr, dann will ich sie Ihnen, wenn Sie darauf bestehen, selbst auf's Schloss bringen, und sie wird gewiss gern ihre Pflicht tun. Es ist meine einzige Tochter, Ew. Gnaden, ihre Muhme, dass Gott erbarm', ward im wald erschlagen von einem Baume, den Ew. Gnaden Holzschläger fällten. Das schlimme Unglück zog sich mein Sohn, ihr Mann, zu Gemüte, bis dass ihm die Gedanken vergingen und er, so zu sagen, ein Narr wurde! Das arme Ding hat nun eigentlich keine Menschenseele ausser mir und ihrem Paten, bei dem sie den Winter über die Wirtschaft erlernt hat, und ich hab' sie gepflegt und erzogen, so gut ich konnte, was sie mir Dank weiss, Ew. Gnaden, denn es ist ein recht wackeres und frommes Mädchen! Aber sie möchte mir nun auch gern einen Beweis ihrer Kenntnisse aus Dankbarkeit geben, wornach mein Vaterherz sich sehnt, und sehe'n Sie, gnädigster Herr, grade deshalb hätte ich's gern, wenn Sie mir die liebe kleine Unruh' noch ein Jährchen liessen. Sie würde mein Herz erquicken mit ihrem süssen Lächeln und mir die kleine Wirtschaft redlich führen helfen. Es ist ja doch Alles zu Ew. Gnaden eigenem Besten!"

Der Wende sah den jungen Gebieter mit seinen offenen Augen so flehentlich an, dass gewissermassen schon im Ausdruck des Blickes eine Gewährung seiner Bitte hätte liegen müssen. Dennoch erwiderte der Graf kühl und unfreundlich: "Ich sehe es nicht gern, Jan Sloboda, dass Du so oft bittest. Es verbirgt sich dahinter ein aufsätziges Gemüt, wie ich gar wohl weiss, und weil Du hoffst, meinen Vater auf Deiner Seite zu haben, meinst Du, es sei Dir erlaubt, alle meine Befehle durch höfliche Gegenreden zu beseitigen. Ich bin dieser bittenden Widersetzlichkeit müde und will derselben ein Ende machen. Was aber Deinen Familienkummer anlangt, den Du mir auch auf Schritt und Tritt erzählst, so wisse, dass ich mich gar nichts um ihn kümmere und ihn nicht eines einzigen Wortes wert halte. Deine Schnur erschlug ein fallender Baum, wahrscheinlich zur Strafe, weil sie Zweige brach, wo es verboten ist, oder zur unrechten Zeit Streu machte. Was ist's weiter! Du bist zwei hungrige Mäuler auf einmal los geworden, was Ihr ja stets für eine besondere Gnade Gottes haltet. Deinem Sohne geht nichts ab im Gemeindehause. Er hat müssige Zeit und wird auf Anderer Unkosten gefüttert. Meine ich es denn nicht gut, wenn ich Dir auch noch die dritte Esserin abnehmen will? Wozu brauchst Du eine Gehilfin? Du bist noch rüstig und kannst immerhin allein arbeiten. Das Faullenzen taugt nichts für Euch Leute. Müssige Zeit macht Euch nur unzufrieden. Röschen aber will ich, weil sie mir gefällt, in's Schloss nehmen und ihr eine gute Erziehung geben. Sie soll nicht, wie ihre älteren, eine elende Bettlerin werden und nach fremdem Gut ihre schöne Hand ausstrekken."

"O Herr," versetzte Sloboda, ohne seine gebückte Stellung zu verändern, "Ihre Worte fallen wie