, das arme Kind! Gott beglücke sie in seinem Paradiese!"
"Wirst Du mich in Schande bringen, Marie?" fragte Pink-Heinrich die Blinde, ihre Hand erfassend. "Suche in Deinem Gedächtniss, und ich möchte wetten, dass im verborgensten Fache des Betkästchens eine Perle ersten Wassers herumkollert, die sich auf Deiner Zunge in den allerfeinsten geistigen Honigseim verwandelt."
Marie lächelte, drückte dem Jugendfreund die Hand und sagte:
"Lass mir eine Weile Zeit, Maulwurffänger! Alles hab' ich noch nicht vergessen, aber es ist wüst durch einander geschüttelt worden durch die vielen harten Stösse, die mein armer Kopf in diesem drangvollen Leben aushalten musste."
"Besinne Dich, Mutter, und die Engel im Himmel sollen Dein Lob preisen!"
"Die Engel werden ihr Lob preisen," wiederholte in seiner Geisteszerstreuung der Wende, seine hellblauen Augen zum Himmel aufschlagend. "Sie war schon auf Erden ein Engel."
Es trat eine kurze Pause ein. Das monotone Schrillen der Heimchen in den Wänden unterbrach allein die allgemeine Stille. Da erhob Marie anmutig lächelnd ihr auf die Brust geneigtes Haupt, liess die erblindeten glanzlosen Augen über die Gesellschaft gleiten, als könne sie jeden Einzelnen erblicken, und sagte:
"Deutlich erinnere ich mich bloss einer einzigen geschichte, die ich zu erzählen bereit bin, so gut ich's vermag. In manchem Betracht kann sie uns Allen zur Beruhigung dienen und uns über das Schicksal derer trösten, die unfreiwillig, in ihrer Sünden Blüte, aus dem Leben schieden."
"Ohne Einleitung erzähle! Jedes Wort soll uns ein Evangelium sein."
"natürlich!" sagte Gregor zu Schlenkern der in dieser Bemerkung des Maulwurffängers eine Art Gotteslästerung erblicken wollte und sich zu einer Predigt in Bereitschaft setzte. Bevor er jedoch zu Worte kommen konnte, hatte sich Marie des Gespräches bereits wieder bemächtigt und trug den aufmerksam Lauschenden folgende mährchenhafte altwendische Erzählung vor.
Lipskulijans Bett.
"Es war aber ein armer Mann, der sich fast nicht mehr ernähren konnte und doch hatte man ihm noch grosse Abgaben auf sein Haus gelegt. Und er musste auf's Stöcke-Roden gehen. Und als er eines Tages auch sehr traurig in die Haide ging, begegnete ihm ein Männchen, das ihn fragte: Weshalb bist Du so traurig? Der arme Mann antwortete ihm: Du kannst mir auch nicht helfen. – Wer weiss? sagte das Männchen, sage mir es, so will ich Dir helfen."
Der arme Mann erzählte ihm, dass er in grosser Not sei und dass es ihm unmöglich wäre, die Steuern zu geben. – Darauf sagte das Männchen: Wenn Du mir das versprichst, wovon Du in Deinem haus nichts weisst, so will ich Dir helfen. – Der arme Mann gedachte bei sich: Das kannst Du, Du weisst ja Alles, wass Du in Deinem haus hast. – Hierauf brachte das Männchen ein Stück Papier hervor, und auf dieses hat sich der arme Mann mit seinem Blut unterschreiben müssen.
Als dies geschehen war, sagte das Männchen: Nach sechszehn Jahren bringe mir das, was Du mir versprochen hast, auf dieselbe Stelle. Und es gab ihm eine grosse Summe Geld. Und nach einiger Zeit gebar seine Frau einen Sohn, und er erinnerte sich, was sich der Teufel bedungen hatte, und war sehr traurig.
Der Knabe wuchs aber, und lernte sehr fleissig, so dass ihn der Vater studiren liess, und als er funfzehn Jahr alt war, da hatte er schon ausstudirt. Und weil sich die Zeit näherte, wo er an das Männchen ausgeliefert werden sollte, so grämte sich sein Vater je länger je mehr. Er sagte daher: Was seid Ihr so traurig, lieber Vater? – Ach, antwortete ihm dieser, ich habe Dich schon ehe als Du geboren wurdest, dem Teufel versprochen und hab' ihm eine Schrift darüber gegeben, und erzählte ihm die ganze Sache. Er aber sagte: Keine sorge! Ich werde mir selbst diese Schrift holen. –
Und er nahm seinen Degen und etwas Weihwasser und begab sich auf den Weg. Er kam aber in einen so grossen Wald, dass ihn die Nacht darin übereilte und er sich zuletzt verirrte. Als er aber lange umhergegangen war, erblickte er Licht und dann ein Häuschen. Und als er hinein trat, war dort Niemand weiter, als eine alte Frau. Diese bat er um Herberge, aber sie antwortete ihm hierauf, er solle seines Weges gehen, wenn ihm sein Leben lieb wäre, denn da wohne ein grosser Räuber. Er sagte aber, dass er sich nicht fürchte, und blieb dort.
Nach einer Weile kam auch der Räuber und fragte ihn, wohin er gehe. – Da tat ihm der Räuber nichts, sondern gab ihm zu essen und zu trinken und bat ihn des andern Tages am Morgen, er möge doch so gut sein und den Teufel fragen, was Lipskulijan zu erwarten habe? –
Und als er in die Hölle gekommen war, war dort grade kein Anderer, als der oberste Teufel. Der wusste aber von der Schrift nichts und sagte, das ginge ihn nichts an und er solle ihn in Frieden lassen. Da besprengte er ihn mit Weihwasser und der oberste Teufel fing so an zu brüllen, dass die andern in Hausen hereingestürzt kamen. Er befragte sie auch nach der Schrift, aber es hatte sie Keiner. Da besprengte er den obersten Teufel wieder mit Weihwasser und