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, "natürlich" aus und haspelte neben dem stark ausschreitenden Bruder die Berglehne vollends hinan.

Trotz Schlenkers Abmahnen, der seiner lahmen arme wegen alles Klettern vermeiden musste, und den Maulwurffänger auch nicht mehr die nötige Gewandteit zutraute, schwang sich Pink-Heinrich doch die Stufen in dem zerklüfteten Felsen hinauf und erschien nach wenigen Minuten auf der Platform desselben. Der Schulmeister der dem Bruder zu folgen Anstalt machte und auch den besten Willen dazu hatte, musste das schwierige Unternehmen aufgeben. Seinen steifen Gliedmassen fehlte es an aller Geschicklichkeit so halsbrecherische Pfade ohne Fall und Sturz wandeln zu können.

Der Maulwurffänger begnügte sich mit kurzer Umsicht. Dann bückte er sich, riss aus einem Felsenspalt frischgrünes Hauswurz und kam fast springend wieder herab zu seinen gefährten.

"Jetzt kann's wieder fortgehen, alte, ehrliche Seelen," sagte er heiter. "Ich habe mich wahrhaft erquickt an der prächtigen Aussicht und in den Lüsten der Erinnerung, die da oben das alte Gestein umsäuseln. Ich werde lustig sein, wie ein Junggeselle, dem ein liebes Mädel zum ersten Mal verheissungsvoll in's Auge schaut. Auf, auf nach dem Zeiselhofe!"

Noch vor der festgesetzten Zeit erreichten die Greise diesen alten, stattlichen Edelsitz, der heute' überaus belebt war. Aurel und Gilbert, Beide festlich gekleidet, empfingen die Freunde und geleiteten sie in das Herrenhaus. Hier kamen dem Maulwurffänger lauter bekannte Gesichter entgegen. Es war nämlich die ganze Familie Boberstein zum Geburtstage des alten Wenden auf dem Zeiselhofe zusammen gekommen. Selbst Vollbrecht, dessen geräuschlosem Wirken man viel zu verdanken hatte, fehlte nicht. Martell und Lore mit ihren beiden Töchtern, jetzt alle zwar einfach, aber gut und reinlich gekleidet, Maja und Simson mit ihrer vom Hungertode verschonten Tochter, der kräftige Paul, der ausgelassene Gilbert, die jetzt wieder still gewordene schöne Bianca, und endlich die glückkberauschte Elwire mit Herta: Alle, Alle umschlang nunmehr ein gemeinsames Band der Liebe und des Friedens! Denn Frieden, der Frieden schwergeprüfter Herzen, durch Unglück geläuterter Seelen war über jeden Einzelnen dieses wunderbar geführten Geschlechtes gekommen. Selbst Martell, obwohl seine Gesundheit litt und seine Kraft gebrochen war, schien doch mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein, das ihn so furchtbare Wege geführt, so nahe an verderbenschwangere Abgründe gestossen hatte. Wie früher, war er auch jetzt noch still und von wenig Worten, aber sein Auge blickte klar und heiter und der milde Sonnenglanz der Liebe, der Vergebung blitzte wieder in der dunkeln Pupille auf.

Den allverehrten Mittelpunkt des festlichen Tages bildete Jan Sloboda. Nach so vielen glücklich durchgekämpften Lebensstürmen wollte der alte Wende eingedenk bleiben seiner Abstammung und seiner früheren Leiden. Deshalb legte er heute', was er seit langer Zeit nicht getan hatte, den glänzenden Lederriemen, das Zeichen ehemaliger Knechtschaft, wieder um Haar und Stirn und wandelte in seiner schlichten Kleindung, das starke silberne Haar von braunem Hornkamm im Nacken festgehalten, wie ein greiser Heros durch die ihm zu Ehren geschmückten Zimmer.

Man verbrachte den Tag heiter, ohne ausgelassen zu sein, was bei den traurigen Erinnerungen, die jedem Einzelnen der Versammelten sich aufdrängen mussten, moralisch unmöglich war. Spät Abends, als von dem Bedienten die Lichter angezündet wurden, bemerkte der Maulwurffänger, dass man der ereignissvollen Vergangenheit wegen auch derer gedenken möge, welche mittelbar zur Entüllung der vielen Geheimnisse beigetragen hätten, die anfangs ihren Bestrebungen kein vorteilhaftes Ende verhiessen.

"Ich vermisse die gute blinde Mutter, Marie, Leberechts getreue Ehefrau, nebst Vater und Sohn," sagte der wackere Mann. "Sie haben uns Allen wesentliche Dienste geleistet und, wenn wir ehrlich sein wollen, für das Haus Boberstein Gesundheit und Leben mehr denn einmal in die Schanze geschlagen. Ich schlage daher dem vielgereisten Herrn Kapitän und seiner hohen Verwandtschaft in aller Demut vor: machen wir den Armen, die sich am heutigen Tage nicht mit uns hier in Glanz und Wohlleben freuen können, sammt und sonders einen Besuch in ihrer bescheidenen wohnung. Sie werden sich geehrt und glücklich fühlen durch solche Aufmerksamkeit. Und ich, meine Herrschaften, ich bin der Meinung, dass die Gesindestube just der rechte Ort ist, wo wir heute allesammt hingehören. Denn aus ihrem dunkeln Bereiche sind alle diejenigen hervorgegangen, die in spätern Jahren die Stützen und Träger des uralten Geschlechtes der Grafen Boberstein sein und bleiben sollen. Es lebe also die Gesindestube!"

Des Maulwurffängers Antrag fand lebhafte Unterstützung; ehe man jedoch zur Ausführung schritt in der Weise, wie Pink-Heinrich es vorschlug, schickte der Kapitän seinen Merkur Gildert erst als Gesandten an die Bewohner der Gesindestube ab, um diese auf den ihrer wartenden Besuch vorzubereiten und die Dienstboten während der Dauer desselben zu entfernen.

Mit lautem Hurrah kehrte der junge Matrose zurück, verkündete der zahlreichen Gesellschaft, dass Leberecht und Marie bis zu Tränen gerührt dem verheissenen Besuche ihrer grossmütigen Beschützer erwartungsvoll entgegensähen und sich innigst darauf freuten.

Unverweilt brach nun die Versammlung unter Vortritt mehrerer Bedienten auf, die jedoch an der Zuschlagtüre der Gesindestube die Weisung erhielten, sich wieder zu entfernen. Elwire, von Jugend, Glück und Schönheit strahlend, geleitete den alten Wenden, der lächelnd seine feenhafte Führerin betrachtete. Herta mit Aurel, Bianca und Vollbrecht, und hinter diesen die Uebrigen schlossen sich paarweise an und nahmen, wie sie einander folgten, Platz auf Schemeln und Bänken an der langen fichtenen Tafel, an deren beiden Enden lohende Kienspäne brannten, wie dies seit Jahrhunderten gebräuchlich war. Am obersten Ende quervor auf etwas erhöhtem Stuhl, dem einzigen