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die Wiese hergestiefelt!" sagte der Maulwurffänger, sein würdiges Gesicht zu ironischem lachen verziehend. "Nimm Dir Zeit, Bruder Schulmeister, sonst kannst Du noch eine Lerche schiessen, dass Dir acht Tage lang die Ohren gellen! – Friedel," rief er durch das Schiebefenster dem jungen Burschen am Wagen zu. "Krempele die Plane auf, dass man eine Umsicht hat! Das Wetter ist schön heute und die Luft würzig und warm. Obgleich wir drei alte Knackse sind, vertragen wir doch noch ein Bissel Zugluft. Nicht wahr?"

"natürlich, natürlich, ganz natur!" sagte Gregor, der eben ins Zimmer trat, als der Maulwurffänger diese Frage an Schlenker richtete.

"Aber wo steckst Du denn, Bruder Schulmeister?" rief ihm Pink-Heinrich zu. "Es geht schon auf zwölf, wir haben noch einen langen Weg zurückzulegen und um vier sollen wir doch schon auf dem Zeiselhofe sein! Da ist's höchste Zeit, dass wir aufbrechen!"

"Aufbrechen, natürlich! Dennoch musste ich mein Chronikon erst schliessen! – Jetzt geht kein Sterbenswort verloren, ganz natur!"

"Wovon, Bruder Schulmeister?"

"Von der grausamverwickelten, in vielem Betracht erschrecklichen, dabei aber wiederum hochlehrsamen und moralischen geschichte, welche anhob mit dem sonderbaren Betragen des hochseligen Grafen Magnus von Boberstein, genannt Blauhut. Selbige geschichte ist nunmehr von meiner Hand sorgfältig zu Papier gebracht bis auf den heutigen Tag, und zwar leserlich, höchst leserlich, natürlich!"

"Hast Du auch nichts vergessen?"

"Nichts Wesentliches. Und weil heute des Mannes Geburtstag ist, der unverschuldet durch sein schönes Tochterlein Rose oder Röse, genannt Haideröschen, Veranlassung gab zu so traurigen Vergehungen und herzbrechenden Ungerechtigkeiten, darum wollte ich ihm und seinen nunmehr gesetzlich anerkannten Nachkommen dies wohlausgearbeitete und schön niedergeschriebene Chronikon zum Präsent machen."

"Und darum kommst Du so spät?"

"natürlich! Und hätte mir beinahe den Fuss vertreten."

"Es ist meiner Six mit tausend Schrecken!" sagte Schlenker, den Schulmeister mit einer Art von Verwunderung betrachtend. "Ich hätt's Euch nicht zugetraut, verzeih' mir's Gott; nun aber, da Ihr's doch zu stand gebracht habt, nun flösst Ihr mir, so zu sagen, einen ehrfürchtigen Respect ein. Glaubt Ihr's, Schulmeister?"

"glaube's. Ganz natur!"

"Und ich glaube," sagte der Maulwurffänger, "es wird jetzt ebenfalls sehr natürlich sein, wenn wir einsteigen und die beiden Füchse austraben lassen, was Zug und Zeug hält. Ist's also genehm, so bitte' ich, einen Anfang zu machen! Unter der Plane können wir noch schwazzen, dass alle Sterne blau davon anlaufen."

Von dem jugendlichen Fuhrmann unterstützt, bestiegen die drei Alten den leichten Wagen, der nun rasch auf der wohl erhaltenen Strasse den Königshainer Bergen entgegen rollte, die im duftigsten Blau ihre malerischen Gipfel über das Blachfeld erhoben.

"Es wird heute just ein Jahr sein," sprach der Maulwurffänger, "dass ich die wichtige Schrift fand, der unsere Freunde eine so wunderbare Umgestaltung ihrer Verhältnisse zu verdanken haben. Gott weiss, wie lange ich noch zwischen Himmel und Erde herumspazieren darf! Deshalb will ich am heutigen Tage doch wieder einmal das Bergrevier besuchen und mich recht lebhaft aller Glücks- und Leidenstage erinnern. Ich bin lange nicht mehr zum Todtenstein gekommen!"

Er rief nun dem Kutscher zu, vom graden Wege abzubeugen und nach dem genannten Gebirgsstock einzulenken. Da die Pferde jung und kräftig waren und fast ununterbrochen lustig galoppirten, so erreichten die Greise in verhältnissmässig kurzer Zeit den Fuss des Todtensteines. Hier liess der Maulwurffänger halten, fragte seine Begleiter, ob sie mit ihm die Berglehne ersteigen wollten, und schritt, da er bejahende Antwort erhielt, rüstig den holprigen Fusssteig hinan.

Auf einem Kreuzwege rastete er, da Gregor und Schlenker ihm nicht so schnell folgen konnten.

"Wo nehmt Ihr nur die Kräfte her, Ihr Tausendsasa!" sagte Schlenker puhstend, indem er sein blauund rotgewürfeltes, mit Tabakflecken romantisch gezeichnetes Taschentuch mühsam aus der breiten Klappentasche des viertelhundertjährigen Rockes hervorzog, den Dreikantigen abnahm und sich den perlenden Schweiss von der Stirn wischte. "Es ist mit tausend Schrecken, was Ihr noch laufen könnt!"

"Ganz natur!" sagte Gregor mit grösster Ernstaftigkeit, die hände auf den Knopf seines Stockes legend und die Gegend mit freudigem Auge überblikkend. "Wir leben doch in einem herrlichen Landstriche, Gott segne ihn ewiglich!"

"Ist es mir doch, als wäre die geschichte erst gestern passirt," bemerkte der Maulwurffänger, nachdenklich den Ort betrachtend, wo er rastete. "Ja, Freunde, ich möchte einen körperlichen Eid ablegen, dass wir uns genau auf der Stelle befinden, vor welcher vor nunmehr dreiundvierzig Jahren Graf Magnus das liebliche Haideröschen entführte! Dort liegt die Meierei, ihre weissen Schornsteine aus den Saftgrün der Buchen glänzend emporstreckend, und jenseits der bewaldeten Hügelkette führt die Strasse nach dem Zeiselhofe! Wer hätte damals gedacht, dass dieser freche Raub eines leibeigenen Mädchens so viel Unglück über die hohe Familie des Räubers verhängen und ein ganzes Geschlecht beinahe dem zeitlichen und ewigen Untergange nahe bringen würde! – O die Wege des Herrn sind wunderbar, aber immer, immer gerecht!"

"Immer gerecht!" wiederholte Schlenker, der durch lebhaftes Kopfnicken dem Maulwurffänger seinen Beifall zu erkennen gab. Gregor stiess ein trockenes