Ruhe, Vater!" bat Lore. "Der Atem geht Euch aus!"
"Lass ihn, werde ich doch bald Paradiesesluft schlürfen," versetzte Traugott mit verklärten Zügen. "Der Graf von Boberstein, der ein Bruder von Dir gewesen sein soll," fuhr Traugott fort, "der harterzige Herr am Stein ist begraben worden, ... die Maschinen, die er missbrauchte, haben ihn zerrissen ... die Welt nennt das Strafe, Gottesgericht ... Wie sie doch ungerecht ist! ... Kann sie wissen, warum Gott den begrabenen Mann mit solch einem Herzen von Marmelstein schuf und über so viele Menschen setzte als obersten und gewaltigen Gebieter? ... Er hatte seine heiligen grossen Zwecke, ich zweifle nicht, aber die Welt, die arme, sünhafte Welt mag nichts hören von Züchtigung, und darum grollt sie und schreit nach Rache, wenn sie die strafende Rute des Herrn fühlt! ... Du hast oft gemurrt, Martell, wenn Not und Krankheit bei uns einkehrten, darum versprich mir, von jetzt an nie mehr gegen die Vorsehung zu murren, wenn Du ihre Wege auch nicht begreifen kannst!"
Martell legte seine zitternde Hand in die seines Schwiegervaters.
"Blicke zurück und Du wirst einsehen, dass die Pfade gut waren, welche der Herr Dich geführt! ... Siehe, ohne jene Bedrückungen, unter denen wir und alle unsere Brüder leiden mussten, wären niemals die alten Frevel ans Tageslicht gekommen und Du .. würdest als armer Spinner gestorben sein! ... Das lehrt uns nachdenken, das mahnt uns demütig, bescheiden und fromm zu sein! ... Es geschieht nichts zwischen Himmel und Erde, das der Herr nicht kennt, von dem er nicht will, dass es geschehen soll, warum also wollen wir zagen und zittern? ... Glaubet nur und Ihr seid glücklich! liebt und Ihr urteilet mild! Gehorchet gern und man wird Euch mit Freuden dienen! ..."
Der Greis sank völlig entkräftet von dem langen Sprechen zurück auf sein dürftiges Lager und schloss die Augen. Lore küsste ihn wiederholt auf die erkaltenden Lippen und die beiden Enkeltöchter erfassten weinend seine hände.
"Habt Ihr mir vergeben Vater?" fragte Martell.
"Ich habe nichts zu vergeben," murmelte der Sterbende, ohne die Augen zu öffnen. "Ich wollte nur mein Herz noch einmal ausschütten ... vor meinem tod und mich rechtfertigen ... meines Tadels wegen ... den ich manchmal .. gegen Dich .. ausgesprochen .. Wie sie so schön singen!.."
"Wer, Vater?" fragte Lore. "Die Nachbarn beten still für sich, es singt Keiner."
"In lieblichen Tönen ... in sanften ... reinen Silberstimmen ... Und wie die Sonne glänzt ... dort ... über den ... Bergen! ..."
"Er schwärmt!" sagte Aurel. "Die Seele ringt sich los von den Banden des Körpers."
"So sterben Dulder und Gerechte," sagte der Maulwurffänger und legte seine Hand auf die Stirn des alten Spinners.
"Sie ist schon ganz kalt. Bald wird es mit ihm vorüber sein."
"über mir ... unter mir ... Alles ... blauer, sonniger .. Himmel! Die Orgel tönt ... der Ostermorgen tagt .. Sie singen Alle ... Alle .. Alle:
O Haupt voll Blut und Wunden etc."
Und ganz leise und zitternd stimmte der Sterbende nochmals sein Lieblingslied an. Unwillkürlich fielen die Versammelten einer nach dem andern mit ein und unter diesem erhebenden Gesange schlummerte Traugott ohne Todeskampf in ein besseres Leben hinüber.
Martell, Lore und ihre Kinder neigten schluchzend ihre Häupter über den toten, über den Armen, der nie sein Kreuz zu schwer gefunden hatte und nur Dank, innigen Dank gegen Gott auf der Lippe, glücklicher gestorben war, als tausend Reiche.
"Wir wollen die Trauernden nicht stören," sagte der Maulwurffänger. "Es ist schon der Mühe wert, einen solchen Vater zu beweinen!"
Still schlichen sich Freunde und Nachbarn aus dem Sterbezimmer. Als eine Viertelstunde später Martell und Lore sich wieder aufrichteten waren sie allein. Zu stern. Das kleine Flämmchen der Lampe brannte düster und das Silberlicht des Vollmonds wob um das Greisenhaupt Traugotts einen verklärenden Heiligenschein.
Zehntes Kapitel.
Der letzte Geburtstag.
Der Maulwurffänger hatte seinen Sonntagsrock angezogen, den wohl gebürsteten dreieckigen Hut aufgesetzt und stand wartend mitten in der Wohnstube seines kleinen, saubern Häuschens zu B .... In ähnlicher Kleidung, nur weniger accurat und reinlich, sass Schlenker auf der Ofenbank, die zinnerne Tabaksdose häufig unruhig auf- und zuklappend.
Ein Wagen, mit zwei jungen mutigen Füchsen bespannt, fuhr vor. Pink-Heinrich schüttelte den Kopf, stampfte ungeduldig mit seinem Schlehdornstecken auf die Diele und sagte:
"Na, da haben wir's! Krücken-Gottlobs-Friedel, (so genannt, weil sein Vater Gottlob an Krücken ging), hält schon vor der Tür und mein Bruder kommt immer noch nicht! Wo er nur bleibt!"
"Mein Gott, wo wird er bleiben!" versetzte Schlenker. "Wo er immer steckt, zu haus. Er trödelt gar mit tausend Schrecken!"
"Hast Du ihn nicht gesehen, da kommt er über