1845_Willkomm_143_317.txt

Abschied vom Leben zu nehmen."

"Nun so lasst uns aufbrechen!" sagte Aurel. "Bisher ist uns der Tod nur in schrecklicher Gestalt begegnet, sehen wir jetzt, wie er sich einem Gerechten naht." Die Versammlung verliess die prunkende wohnung des Reichtums, um in der Armut Hütte einzukehren und dem tod des greisen Spinners beizuwohnen.

Neuntes Kapitel.

Das Ende des Gerechten.

Schon in einiger Entfernung von der ärmlichen Hütte vernahm man den gedämpften Gesang eines Kirchenliedes. Die Stimmen waren nicht grade sehr rein und angenehm, kamen aber aus bewegten Herzen und ergriffen deshalb die Hörer. Der Gesang klang feierlich und erhebend zugleich in der dämmernden Abendstille, die sich über See und Haide bereits auszubreiten begann.

Beim Eintritt unserer Freunde gewahrten sie einige Nachbarn, die auf den Knieen lagen und mit tränenfeuchten Augen das alte Kirchenlied:

"O Haupt voll Blut und Wunden etc."

andächtig absangen. Traugott hatte noch einmal vor seinem Hingange die kräftigen Worte dieses vortrefflichen, geistesstarken Liedes zu vernehmen gewünscht. Von Lore gestützt, sass er auf dem Lager hinter dem Ofen, hielt die abgemagerten hände über der Brust gefaltet und sprach, die gläubigen Augen heiter zum Himmel gerichtet, für sich das Lied in stillem Gebet nach. Gesange. Schweigend beugten auch sie ihre Knie und stimmten zum teil mit in das Lied ein, wie z.B. der Maulwurffänger und Sloboda. Erst als der Gesang endigte, drängte Martell mit einigem Ungestüm zum Sterbelager des ehrwürdigen Greises, beugte sich mit Heftigkeit über ihn und fragte besorgt:

"Wie geht es, Vater? Soll ich nicht nach dem Doctor schicken?"

Traugott drückte dem Schwiegersohn matt die Hand und schüttelte lächelnd sein Haupt.

"Der Herr kommt," sagte er flüsternd, "und der ist der beste Doctor. – Aber setze Dich zu mir, mein Sohn, und höre ... was ich Dir sagen werde ... Ihr Andern, Nachbarn und gute Freunde, auch Ihr könnt meine Worte in einem feinen Herzen bewahren, denn ... sie werden Euch keine Gewissensbisse verursachen ... auf dem Sterbebette und am Tage des Gerichts."

Er schwieg eine lange Zeit, um Atem zu schöpfen und seine letzten Kräfte zu sammeln. Christel, seine jüngste Enkeltochter zündete die Lampe an, bei deren flimmernden Schein die Mutter gar manche Nacht am Webstuhl den kalten morgen herangewacht hatte, und stellte sie auf den Ofensims, dass ihr Schimmer auf das welke Gesicht des sterbenden Grossvaters fiel.

"Mein Sohn," nahm jetzt Traugott das Wort wieder auf, "so arm wie ich, wills Gott, noch heute aus der Welt scheide, um morgen mit Jesu Christo das Auferstehungsfest im Himmel zu feiern, so arm trat ich in die Welt, so arm lebte ich an die achtzig Jahre!.. Es heisst etwas, ein solches Leben zurückzulegen; es erfordert nicht bloss Mühe und Geduld, es erfordert vor Allem Glaube und Liebe und Gehorsam! ... O Martell, ich kenne Dein Herz und weiss, dass es im tiefinnersten grund gut ist und rechtschaffen, aber Glaube, Liebe und Gehorsam, – diese dreisie haben darin nicht ihre bleibende Stätte gefunden."

Martell wollte dem Greise antworten, dieser aber machte eine abwehrende Bewegung.

"Unterbrich mich nicht, lass mich endigen, denn meine Zeit ist kurz."

Traugott holte einigemal tief Atem, dann fuhr er fort:

"Sieh, mein Sohn, so arm ich war und blieb bis auf den heutigen Tag, so fröhlich schlug doch immer mein Herz auch unter den härtesten Bedrängnissen!.. Du wirst sagen, das mache mein glückliches, heiteres Temperament, ich aber rufe dagegen, das machte der Glaube, aus dem Liebe und Gehorsam, die beiden sichersten Führer durch die Irrwege der Welt, uns erwachsen ... Ach warum lacht die heutige Welt über den Glauben, warum kennt sie die Liebe nicht, warum will sie den Gehorsam nicht mehr? ... Am Abend meines Lebens kommt mir dies vor wie ein Frevel an der heiligen Lehre des Sohnes Gottes und es will mir scheinen, als müsse daraus nur Böses entstehen, Unfrieden und Blutvergiessen!" ... "liebt einander!" sagte der sterbende Evangelist Johannes, und "liebt einander!" rufe auch ich Euch zu als die letzte väterliche Mahnung.

"Du bist ein reicher Mann geworden, habe ich mir sagen lassen," sprach Traugott weiter und seine stimme ward von Secunde zu Secunde schwächer, "ein vornehmer, grosser Graf! Das verstehe ich nicht, aber es mag wohl gut sein, da es Gott so gefügt hat!.. Wird es Dich und Deine Kinder auch glücklicher machen? ... Wird es Dir die Liebe wieder geben, die aus Deinem Herzen entschwunden war ob der Ungerechtigkeiten, welche Einzelne Dir zugefügt hatten? ... Wirst Du jetzt wieder glauben lernen und den Gehorsam als eine hohe Tugend achten? ... Wo das nicht geschieht, mein armer Sohn, dann wünschte ich, Du lägest neben mir und führst zugleich mit meinem grauen Haupt in die Grube!"

"Beruhigt Euch, Vater –"

"Still! Keine Versprechungen! Keine Eide! ... Seit die Welt so rasch bei der Hand ist mit dem Schwur, seitdem sind Vertrauen und Ehrlichkeit noch seltener geworden als klingende Münze! ... Nun es mag sein ..."

"Gönnt Euch