wahr, offen und gerade, als liebenswürdig und versöhnlich geschrieben war, und wohl geeignet sein konnte, auch das hasserfüllteste Herz zu erschüttern und wider Willen zur Versöhnung zu zwingen. Da er Adalbert als einen vornehmen und abgeschlossenen Aristokraten kannte, hütete er sich wohl, in einen allzuvertraulichen Ton zu fallen, obwohl sein Herz diesen gern angeschlagen hätte. Seinen Zweck zu erreichen und zugleich den feindlich gesinnten Bruder von der Schuldlosigkeit dessen zu überzeugen, auf den ein Bösgesinnter wohl einige Schuld wälzen konnte, zog er es vor, mehr die Klugheit als das Gefühl sprechen zu lassen. Dieser Brief, der Aurels Charakter in so schönem Lichte zeigte, lautete folgendermassen:
"Mein vielgeliebter Bruder,
Es ist löblich, wenn Brüder einträchtig bei ein
ander wohnen! Mit diesem treuherzigen Bibelwort,
von dem ich freilich nicht behaupten will, dass ich
es ganz wörtlich nach Luters Uebersetzung citirt
habe – denn es ist eine ziemlich lange Reihe von
Jahren seit der Zeit verflossen, wo ich mich bibel
Dir heute einen wohlgemeinten, von Herzen kom
menden Gruss zu. Wir haben vor wenigen Tagen
einen Prozess gegen arme und rechtliche Leute ver
loren, die ein unerforschlicher Wille der Vorsehung
von Geburt an zu unsern nächsten Verwandten aus
erwählte, ohne dass wir eine Ahnung davon hatten.
Gewiss, ein ganz anderer Geist hätte unser Aller
Leben und Wirken beseelt, wäre vor nur zehn Jah
ren diese für uns so wichtige Entdeckung gemacht
worden! Weil dies nicht geschah, nicht geschehen
konnte und sollte, deshalb trennten wir uns in einer
finstern Stunde und standen uns feindlich gegen
über. – Ich bekenne lieber Bruder, dass ich durch
meine Hartnäckigkeit und die Gereizteit meines
ganzen Wesens nicht wenig Schuld gewesen bin an
dieser Trennung. Indess, Gott Lob, ich kann mir
auch selbst Unrecht geben, wenn ich es verdient
habe, und so hoffe ich, der Freudentag, wo unrecht
mässig getrennte Brüder sich wieder in Liebe verei
nigen, einander aufrichtig vergeben und sich für
immer versöhnen, wird nicht mehr fern sein! –"
"Alles fordert uns dazu auf, der verlorene Pro
zess, der für uns gewonnen ist, wenn wir, wie ich
getan habe, diejenigen als unserm Geschlecht zu
gehörig anerkennen, welche vermöge ihrer Abstam
mung ein unbestrittenes Recht dazu haben! Das
Schicksal, das den Samen der Zwietracht unter uns
ausgestreut hat, und endlich die Vorsehung selbst,
die in diesem Augenblick uns schwer ihre strafende
Hand fühlen lässt!"
"Ich sehe Dich grollend die Stirn runzeln, aber
höre mir geduldig zu und Du wirst mir Recht
geben!"
"Unser armer Bruder Adrian, den ein seltsamer
Geist des Irrtums verblendete und auf Abwege
führte, die ich eben so wenig wie Du vereinbaren
kann mit dem angeborenen Sinne für Gerechtigkeit,
der unserm alten stolzen und berühmten Geschlecht
bis in die zeiten des grauen Altertums eigen ge
wesen ist, dieser arme Bruder hat plötzlich aus dem
Leben scheiden müssen! – Ich sage m ü s s e n ,
weil sein Tod wirklich einer unbegreiflichen Fü
gung Gottes, einem wahrhaften Schicksal gleich
kommt."
"Du weisst, dass er seit langer Zeit kränkelte.
Eine gewisse Schwäche, die sich in nervöser Reiz
barkeit und nicht selten in unheimlichen, erschrek
kenden Einbildungen bekundete, verliess ihn seit
jener Zeit nie mehr. Aerger, Verdruss, wohl auch
wahrhafter Kummer steigerten diese krankhafte Ge
mütserregung, und eine unbegreifliche Leiden
schaft, die ihn mit dämonischer Gewalt überfiel
und zum willenlosen kind eines armen, aber schö
nen Mädchens machte, das seine Neigung nicht er
wiederte, rieb ihn geistig und körperlich beinahe
auf."
"In dieser Gemütsstimmung überraschte ihn,
wie mich, die Nachricht von dem Verlust des Pro
zesses. Du kennst Adrians Festalten an irdischem
Besitz, dem er häufig mehr Wert beilegte, als ein
besonnener Mann es sollte. Er hielt sich daher im
ersten Augenblick völlig ruinirt und nur meinen
wiederholten Versicherungen gelang es, ihn dieser
fixen idee zu entfremden. Zum Unglück mussten
sich an die Mitteilung von dem verlorenen Prozess
auch noch andere Eröffnungen knüpfen, die sein
Gemüt tief erschütterten. Es galt nichts Geringe
res, als einen unserer wiedergefundenen Halbbrü
der gefänglich einzuziehen, da man ihn auf verbre
cherischen Wegen ertappt hatte. Ich schweige über
das Nähere und verschiebe ausführlichere Mittei
lungen bis auf persönliches Zusammenkommen."
"Brauche ich Dir noch zu sagen, dass seit jenen
Tagen unsern armen Bruder eine Melancholie be
fiel, die uns ernstlich um ihm besorgt machte? Aber
wer, wer sollte ihn nahen, wer ihn bewachen! Sein
Misstrauen war grenzenlos, seine Heftigkeit nicht
zu ertragen! Abgemagert bis zum Skelett, erkannte
man ihn kaum noch. Seine Phantasieen, die ihm die
seltsamsten und schrecklichsten Träume vorspie
gelten, streiften hart an den Wahnsinn, und immer
kehrte in ihnen neben tausend fratzenhaften Spuk
gestalten das bezaubernde, ihn beseeligende, aber
auch aller Vernunft auf Augenblicke beraubende
Bild des Mädchens wieder, dem er hoffnungslos
sein Herz geschenkt hatte!"
"Durch den plötzlichen Tod jenes Bruders, der
als angeklagter Verbrecher im Kerker sass, von
Neuem ungewöhnlich erschüttert, machte er seiner
Gewohnheit nach tief in der Nacht einen Besuch in
der Fabrik, wo vor Kurzem die Arbeiter ihre Stel
len gewechselt hatten. Lampenlicht, Mondschein,
Oeldunst und Maschinengerassel verwirrten seine
Gedanken – er hielt die Spinner für Geister, glaube
te in dem blitzenden Glänzen einer eisernen Welle,
die senkrecht vom Fussboden zur Decke sich erhebt
und das ganze Werk durch alle Stockwerke treibt,
das heiss geliebte Mädchen zu erblicken ..