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spät, um zu helfen! – Die Tat ist geschehen, wehe dem, der sie vollbrachte!"

Der alte Mann entblösste sein Haupt und wischte sich eine Träne aus den Augen.

"Ihr seid im Irrtum, braver Alter," versetzte Aurel. "Dieses Unglück, wenn wunderbare Schicksalsfügungen solchen Namen verdienen, dieses Unglück lastet auf keines Sterblichen Gewissen! Wir drei waren Zeugen des Hergangs, wir können mit den heiligsten Eiden beschwören, dass Martell am tod des Herrn am Stein, unseres unglücklichen Bruders, eben so schuldlos ist, als Ihr selbst, wackerer Mann! – Es war Gottes Hand, die ihn schlug, und wo diese in die Geschicke der Menschen eingreift, da müssen wir uns beugen und ausrufen: Sein Wille geschehe für und für! – Die Phantasieen des Verunglückten jagten ihn in den Tod! Gott sei ihm gnädig!"

Der Maulwurffänger schloss sich dem Trauerzuge an, der sich langsam über den Hof, den gewundenen Kiesweg hinab nach der wohnung Adrians bewegte. Alle Arbeiter folgten paarweise. Das seltsame Kreuz, welches der Rauch über dem hof der Fabrik bildete, war noch immer zu sehen. Erst, als der Zug vor dem haus anhielt, zerflatterte es nach und nach in der Luft.

Das heftige Laufen so vieler Menschen und das damit verbundene unvermeidliche Rufen und Schreien, hatte die Frauen aufgeschreckt, und ihnen das Geschehene verraten. Sie erwarteten am Portale des Hauses den nahenden Zug. Bianca, die zwischen Herta und Elwire in der Mitte stand, machte auf Aurel einen unauslöschlichen Eindruck. Während nämlich Grossmutter und Enkelin schwarz gekleidet waren, trug Bianca ein durchsichtiges weisses Gazekleid, das ihre vollendeten Formen mehr entüllte als verbarg. Ihre schwarzen Haare waren über der blassen Stirn gescheitelt, im Nacken durch eine Perlenschnur zusammengefasst und ergossen sich in fesselloser Pracht, eine glänzende Lockenwelle, bis weit über ihre Hüften. Diese phantastische Kleidung war reizend und abschreckend zugleich. Bianca hatte, wie schon so oft, auch in dieser Nacht den Grafen wieder in jene grässliche Gedankenhölle stürzen wollen, die sie willkürlich um ihn erbauen konnte und an der sich ihr grollendes Auge erlabte. Ueberrascht von dem unerwarteten tod ihres Feindes hatte sie in der ersten Bestürzung ihre Kleider zu wechseln vergessen. So empfing nun die zur Rache gerüstete schöne Furie die blutige Leiche dessen, den sie durch ihre Reize in Verzweiflung und Wahnsinn stürzen wollte, an der Schwelle seines Hauses! –

Der Tod ist ein mächtiger Vermittler. Das fühlte in diesem unvergesslichen Augenblicke selbst die unerbittliche Rächerin. Tränen wahrhaft weiblichen Mitgefühls füllten ihre bis dahin kalten Augen, die wohl zuweilen geweint hatten, aber nur vor Wut und vor Begierde sich zu rächen. Der Anblick des grausam Zerrissenen erschütterte sie, das starre Herz brach ihr im Busen und weinend beugte sie sich über den toten, um ihm vergebend die Hand zu drücken.

"Ich verzeihe Dir, Unglücklicher!" sagte sie. "Ich verzeihe Dir im Namen meiner Schwester. Du hast gefrevelt, aber Du hast auch gebüsst. Friede Deiner Asche! –"

Die Leiche ward ins Haus getragen und hier in jenem prachtvollen Speisesaale, wo Adrian die bittenden Arbeiter so schnöde abgewiesen und Lore ihr Kind in brennendem Mutterschmerz von ihm zurückgefordert hatte, auf reiche Teppiche niedergelegt. Hier kniete Bianca nochmals neben dem toten an die Erde, ein Strom heisser Tränen entfloss ihren Augen und Reue über ihr unbarmherziges, unglaublich hartes und sündiges Verfahren versetzte sie in tiefe Traurigkeit. Da trat Vollbrecht an sie heran, hob sie liebevoll auf und sagte:

"Lassen Sie ihn ruhen! Wir können die Geschicke nicht ändern. Sie aber, meine Freundin, werden vor Gott gerechtfertigt erscheinen, denn Sie waren in seiner Hand ein Werkzeug der Strafe! Ein Leben voll Milde, Sanftmut und Liebe wird auch Sie vergessen lassen, was Ihnen geschah und was Sie verübten! Kommen Sie!"

Der gutmütige Geschäftsführer zog die nur schwach Widerstrebende mit sich fort. Herta und Elwire folgten. Die Männer aber gingen zusammen in Adrians Wohnzimmer, um sich über die Schritte zu einigen, die zu tun man jetzt für nötig halten würde. –

In dieser Unterredung erfuhr der Maulwurffänger erst die Ermordung des unglücklichen Klütken-Hannes, dessen Leichnam auf der Tenne der Scheuer lag. Eine unerklärbare Unruhe hatte den Maulwurffänger vom haus fortgetrieben. Er war trotz seines hohen Alters rastlos fortgewandert, hatte erst nach Mitternacht das Dorf am See erreicht und bei Martell den Rest der Nacht zubringen wollen. Von Lore benachrichtigt, dass ihr Mann in dieser Nacht eine Zusammenkunft mit seinem Halbbruder habe, um Abrechnung mit ihm zu halten, trieb es ihn ruhelos fort nach der Felseninsel. Leider fand er keinen Fährmann; er musste sich also mit eigener Hand über die Gewässer rudern, was ein Wagstück für ihn war, da er keine Uebung in der Schifferkunst besass. Er brauchte daher auch verhältnissmässig lange Zeit, ehe er die Insel erreichen konnte, denn mehr als einmal trieb er seinen Kahn rückwärts anstatt vorwärts. Daher kam er erst nach der schrecklichen Katastropfe an, die durch sein früheres Auftreten vielleicht verhindert worden wäre. Indess leuchtete seinem hellen verstand sehr wohl ein, dass vielleicht gerade dieser Ausgang die besten und segenbringendsten Folgen haben könne.

In der nun folgenden, bis an den Morgen dauernden Beratung ward beschlossen, den beiden an einem Tage umgekommenen Brüdern ein feierliches Begräbniss zu veranstalten und sämmtliche Mitglieder der Familie dazu zusammen zu rufen. Adalbert von den erschütternden Ereignissen zu benachrichtigen, übernahm Aurel in einem ausführlichen Briefe, der eben so