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alle Zukunft ihn in einen milden Herrn gegen seine Arbeiter verwandeln werde. –

Adrian war eines schmerzlosen, schnellen Todes gestorben. Als die Maschinen standen und Martell seine Freunde in grösster Bestürzung auf sich zueilen sah, wiederholte er die Worte:

"Gott hat ihn gerichtet!" und erhob seine Rechte wie zum Schwur. Von allen Sälen stürzten nun die Arbeiter herbei, drängten in den Saal und umstanden bald in dichten Reihen die vier Männer, die sich vergeblich abmühten, die zerbrochenen Glieder des Unglücklichen von dem Eisenschaft abzulösen.

Es konnte den Arbeitern nicht verborgen bleiben, wer auf so schreckliche Weise geendet habe. "Es ist ter!" – "Die Maschine hat ihn zermalmt, den Armen!" so lief es flüsternd von Mund zu Mund. Kein laut der Schadenfreude, kein Ruf des Triumphes, kein Schrei der Rache ward vernommen, was man von diesen grösstenteils ungebildeten Leuten, denen der tote nie Wohltaten erwiesen hatte, so sehr fürchten musste. Das unmittelbare Eingreifen von Gottes allmächtiger Hand wehrte aller niedern Leidenschaftlichkeit. Jeder fühlte sich erschüttert, gedemütigt! Es war, als ob man die Nähe des Ewigen scheue, als ob man vor dem unerforschlichen Walten desselben an seine Brust schlagen und sein Knie beugen müsse!

"Gott sei ihm gnädig und vergeb' uns unsere Sünden!"

"Ehrt seinen Namen, flucht ihm nicht! Er ist gestorben wie ein Märtyrer!"

"Es sei ihm von ganzem Herzen vergeben!"

"War er doch unser Brodherr, der uns Kleider und Nahrung gab, wenn schon nicht immer gute und reichliche! Aber ohne ihn, was wäre aus uns geworden!"

"Darum Friede mit ihm! Der Herr lasse sein heiliges Antlitz über ihn leuchten!"

"Ja, Friede mit ihm! Amen! Amen!"

So riefen sich alle Arbeiter zu, nahmen ihre Mützen ab, falteten die hände und beteten für die Seele des Verunglückten mit gläubigem Herzen ein Vaterunser.–

Inzwischen wurde es laut auf dem hof. Einige waren fortgestürzt, um das Geschehene der Dienerschaft des Grafen zu melden und seine Leute herbeizurufen. Andere eilten mit ungläubiger Miene in die Maschinenkammer, aus der man jetzt ein wüstes Durcheinander lauter Stimmen vernahm.

Mitten in diese Verwirrung die mit dem tiefen Frieden der wunderbar klaren und milden Nacht seltsam contrastirte, trat atemlos der Maulwurffänger. Er hatte bereits von einem Unglück gehört, wen es aber betroffen habe nicht erfahren können.

"Wer ist zermalmt worden von der Maschine?" rief er jetzt in den drängenden Haufen hinein, seine durchdringende stimme erhebend, und arbeitete sich vorwärts bis an die trüb erhellte Tür zur Maschinenkammer, die mit Menschen dicht angefüllt war.

"Der Mörder! Der Mörder!" antworteten eine Menge Stimmen. "Dem Bösewicht ist Recht geschehen! – Der Teufel hat ihn geholt, wie er's verdiente!"

"Welcher Mörder!" sagte der Maulwurffänger, der von den Vorgängen dieses Tages noch nichts wusste. "Es sitzen deren zwei im gefängnis, wenn sich nicht einer durch irgend ein Mauseloch auf und davon gemacht hat."

"Wie er noch die Zähne fletscht! Wie er grinst!"

"Das macht, des Satans Bruderkuss hat ihm nicht gut geschmeckt!"

"Ja und darum verdreht er auch die hässlichen Augen so greulich!"

Unter diesen Bemerkungen der Gaffenden erreichte der Maulwurffänger das Innere der Maschinenkammer. Diese war eng und bot nur so viel Raum dar, als nötig war, um Denjenigen, welche die Maschine zu bedienen hatten, Zutritt zu verstatten. Die ungeheuern Hebel streiften beinahe die Wände und machten es unmöglich, dass Menschen sie nach allen Seiten hin umgehen konnten. Am nächsten berührten die Hebel jene schwache Ziegelwand, welche den Kerker des Mörders von der Maschinenkammer schied. Diese Wand und ihr gegenüber zwischen Wand und Hebeln ein abgestumpfter Eichenpfosten, der mit zur Maschine gehörte, waren jetzt das Augenmerk der Ab- und Zugehenden. Die Wand zeigte sich nämlich durchbrochen und in der entstandenen Oeffnung, die gerade so weit war, dass ein mittelstarker Mann sie vollkommen ausfüllte, hing der blutige Rumpf eines Menschen. Der Kopf war hart an den Achseln abgerissen und von der Kraft des tödtenden Hebels nach dem erwähnten Eichenstumpf geschnellt worden. Dort stand er, als habe eine geschickte Hand ihn mit Absicht dahin gestellt, das Gesicht der Tür zugekehrt, mit offenen Augen, den hässlichen Mund mit den Wolfszähnen im Todeskampfe scheusslich verzogen. Blutrüssels Wunsch, der Teufel solle ihm den Kopf abreissen, wenn er sich nicht befreie, war somit buchstäblich in Erfüllung gegangen.

Pink-Heinrich, den es bei diesem widerlichen Anblick und bei den rohen Bemerkungen, welche sich die Arbeiter über den Tod des Elenden zu machen erlaubten, kalt überlief, wendete sich mit Abscheu ab und ging in's Innere der von Menschen überfüllten Fabrik. Schon an der Treppe begegnete ihm Aurel und Vollbrecht. Sie führten Martell, der sich jetzt kaum noch auf den Füssen erhalten konnte. Hinter ihnen ging Gilbert und sodann trugen vier Arbeiter den zerschmetterten Leichnam Adrians, den Niemand mehr erkennen konnte.

"Der Maulwurffänger!" rief Aurel aus, als er den alten Mann, erschüttert von dem Schauspiel, das sich ihm darbot, am Fuss der Treppe auf seinen Schlehdornstock gestützt, mit erschrockenem Auge und bekümmerter Miene, das runzelvolle Gesicht von ehrwürdigem Silberhaar umflossen, auf den Trauerzug hinstarren sah.

"Er ist's!" erwiderte Pink-Heinrich kummervoll. "Aber er kommt diesmal zu