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Ausgeburten eines schuldbeladenen Gewissens und eines krankhaften, überreizten Nervensystems waren, vermehrten sich von Minute zu Minute. Die blutige, augenlose Gestalt des Bruders, den er zum Mord hatte verführen wollen, erschien ihm, und Herta, im Trauergewande, breitete ihre erbleichenden Locken über den Ermordeten und schluchzte, dass er es zu hören glaubte, die Tränen zu fühlen wähnte, die ihren Augen entströmten. Und wieder hob er bittend die schweisstriefenden hände zu Martell auf und rief:

"Gnade, Gnade, Bruder! Ich bekenne mich besiegt!"

"Spinne!" sagte Martell und fliess ihn zurück an die Maschine.

Keuchend ging Adrian nochmals an das für ihn entsetzliche Werk. Die Phantasiegestalten verschwanden noch immer nicht, sie mehrten sich eher. Unter seiner eigenen Maschine glaubte er jetzt den verstümmelten Hans kauern zu sehen ... neben ihm seine Mutter in der elenden Tracht der Armut, zerlumpt, frierend, ein Bild des schrecklichsten Erdenjammers! ... Und über den Spindeln breitete ein junges Mädchen die weissen arme aus, kroch auf ihn zu und flüsterte in markdurchschütterndem Geistertone: ich starb für Dich ... vor Hunger ... und Du wolltest ... mich nicht begraben lassen!

"Ha, das ist die Hölle!" rief Adrian, in der Angst seiner Verzweiflung mit der Hand in die Spindeln schlagend, um das Gespenst zu verscheuchen, dass er sie blutend und zerschnitten wieder zurückzog. "Tödte mich, entsetzlicher Rächer, nur mache diesen Qualen ein Ende!"

"Spinne!" wiederholte eintönig, grabeshohl die Richterstimme des rächenden Bruders. "Spinne, bald geht die zweite Stunde zu Ende!"

Adrian ging nochmals an die für ihn grässliche Arbeit und wieder sah er das gespenstische Leben eingebildeter Personen im saal, wieder hörte er ihr Zischeln, ihr lachen, ihr Flüstern, ihr Rufen! ... Um der Pein dieses Anblickes zu entgehen, richtete er seine Blicke starr auf die arbeitende Maschine. Da ward es heller vor seinen Augen ... Funken flogen herüber, hinüber, Feuerballen rollten und zischten um ihn ... ein Meer von blitzender Glut stieg empor von der dunkeln Diele, schwoll gegen ihn heran, brandete an seiner Brust und entüllte ihm eine goldene Bernsteinmuschel, in deren Innerm, von rosigem Gewölk umflattert, ein wunderbares Frauenbild ruhte!

"O rette, rette mich, gütiger Engel!" schrie Adrian in wilder Fieberhitze.

"Spinne!" klang Martells Todtenstimme zurück. "Spinne, bis Deine Zeit um ist! Im Schweisse seines Angesichts, heisst es, soll der Mann sein Brod essen, und wer nicht arbeitet, der soll auch nicht leben! Also arbeite und spinne!"

"Ich will aber nicht leben!" rief Adrian noch aufgeregter, indem sich sein Gesicht in convulsivischem Krampfe verzog. "Zu ihr nur will ich, zu meiner Retterin, zu meiner süssen Bianca, die mir vergebend, mit zauberischem Lächeln die rettende Hand entgegenstreckt. – O, ich komme, ich komme ...!"

Und Adrian drängte sich hochaufrichtend dem rückwärtsrollenden Spindelwagen nach, streckte die arme aus, streifte mit dem Hauptaar die metallenen Schaufeln der eisernen Welle, die unmittelbar von der Dampfmaschine in Bewegung gesetzt ward, und war im nächsten Augenblickeskalpirt! Ein entsetzlicher, alle Mauern durchdringender Schmerzensschrei entschlüpfte ihmseine hände erfassten die blitzende, schwingende Welle, und zerrissen, eine blutige Guirlande, hing der Unglückliche an dem dampfenden Eisenschaft!

Die Maschine standauch in den übrigen Sälen, wo man den Schrei gehört hatte, wurden die Maschinen gehemmt. Die Zuschauer an der Tür stürzten atemlos hereinda vernahm man von unten herauf einen zweiten, dem ersten ähnlichen Schrei, und Alles ward still.

Martell aber neigte sein Haupt und sagte düster:

"Gott hat ihn gerichtet!"

Auf der Fabrikuhr schlug die Glocke die zweite Morgenstunde.

Siebentes Kapitel.

Die Versöhnung.

Dieser unerwartete, unbeabsichtigte Ausgang des von Martell ersonnenen Duells machte auf einmal allem Streit und Hader ein Ende. Das erscheinen seiner Freunde, die er fern gelaubt hatte von dem Orte, wo er auf edle Weise seinen grausamen Bruder bestrafen wollte, war ihm jetzt, obwohl unerwartet, doch sehr lieb. Sie konnten, als Zeugen des Ausgangs, im Notfalle eidlich erhärten, dass Martell vollkommen schuldlos sei am tod seines Halbbruders, dass diesen nur die innere Seelenangst, die von wilder leidenschaft und Sinnenlust erhitzte Phantasie in den Tod gejagt habe. – Martells Absicht bei dem von ihm ersonnenen Duell war eine durchaus ehrenwerte gewesen. Sein Herz sagte ihm, dass Adrian Strafe, sogar harte, empfindliche Strafe für sein gewissenloses Handeln verdient habe, sein unverdorbenes natürliches Gefühl verlangte eine solche, und so erdachte er denn diese eigentümliche Art der Bestrafung. Er bezweckte damit eine grosse moralische wirkung auf den Grafen; er wollte ihm durch die Tat beweisen, dass es kein Vergnügen sei, ein ganzes Leben hindurch ohne die geringste Aussicht auf Verbesserung seiner Lage, täglich so lange Stunden in verdorbener Luft zu arbeiten und bei der geringsten Nachlässigkeit Gesundheit und Leben auf's Spiel zu setzen! Er wollte ihm praktisch dartun, dass ein solches Leben die vom Schicksal dazu Verurteilten verschlechtern bösartig, zu ungesetzlichen, aber leicht erklärbaren Schritten geneigt machen und bei günstiger gelegenheit sie zu Grausamkeiten verleiten müsse! Nur in dieser Absicht zwang er den Bruder, mit ihm eine Arbeitsfrist zu spinnen, fest überzeugt, dass er den verweichlichten Mann dadurch vollständig bekehren und für