tief in der Stirn sass, so dass nur seine lebhaften, grauen, überaus klugen Augen sichtbar wurden. über Brust und rücken hingen diesem Mann an starker Hanfschnur eine Menge länglichrund gebogener Drähte, an deren zusammengehenden Enden Bindfaden befestigt waren. Diese Drähte verursachten bei jedem Schritte ein klirrendes Geräusch und machten, dass man ihn schon in einiger Entfernung kommen hörte. Ausserdem trug er noch einen grossen Quersack von Kalbsfell.
Recht heiter und selbstzufrieden seine kurze Holzpfeife rauchend und bei jedem Schritte eine dicke Rauchwolke in die Luft blasend, ging dieser bäurisch gekleidete Mann quer über Wiesen und Saatfelder, ohne sich um Weg und Steg sonderlich zu bekümmern, und wanderte so in fast schnurgrader Richtung dem Todtensteine zu, dessen wir schon gedacht haben. Hier verschwand er in der schmalen Kluft, welche die hohen Granitmassen in fast zwei gleiche Hälften scheidet, erklomm mit gelenker Behendigkeit die Plattform und liess wohlgemut sein scharfes Auge über die malerische Gegend gleiten, die fern und nah dem Schauenden entgegentritt. Von der Frühlingssonne hell beschienen lagen die hügeligen Niederungen der Lausitz zu seinen Füssen bis an den dunklen Saum der Haide. Die Landeskrone mit ihrem gespaltenen Gipfel und dem weissen Turme ragte hoch aus der Ebene, zu ihrer Linken im breiten Tal der Neisse glänzten die Türme und altertümlichen Giebel von Görlitz, und darüber in blauer Ferne schloss die schimmernde Kette der schneebedeckten Sudeten das reizende Landschaftsbild.
Nachdem der Mann mit den Drähten sich geraume Zeit an der prächtigen Aussicht gelabt und während dem seine Pfeife vollends ausgeraucht hatte, streckte er sich auf ein Mooslager hin, das etwa auf der Mitte der Plattform in einer unbedeutenden Vertiefung bereitet war. Diese Vertiefung hatte die Form einer liegenden Menschengestalt von riesiger Grösse und schien künstlich in das harte Gestein gemeisselt zu sein. Hier verbarg er einen teil seiner Drähte unter das Moos, legte dann seinen Quersack darauf, drückte die Mütze über die Augen und überliess sich sorglos einem festen Schlafe.
Nach ungefähr einer Stunde, während der unser Bekannter in der stillen sonnenwarmen Luft ganz ruhig geschlummert hatte, ward er durch näherkommendes Jubeln, lachen, Schreien und die quäkenden Töne mehrerer Dudelsäcke, in die sich schrillend das Gepfeif der wendischen Flöte oder Tarackawa mischte, aufgeweckt. Hastig schob er die Mütze zurück, fuhr sich mit der breiten schwieligen Hand über die Augen und richtete sich so weit auf, dass er seinen rechten Ellbogen unterstemmen und den Kopf in die hohle Hand stützen konnte. Ein langer und breiter Menschenschwarm, umhüpft von Kindern mit blühenden Weidenzweigen und angeführt von einer Schaar Dorfmusiker, die sich möglichst anstrengten, ihren Instrumenten unharmonische Töne zu entlocken, zog von Königshain den Berg herauf. Unmittelbar hinter der Musikbande gingen Knaben und Mädchen paarweise geordnet, die allesammt lange strohumwundene Stökke trugen, an denen bunte Bänder flatterten. An diese schloss sich ein junger Bursche an, der auf seinen kräftigen Armen eine grosse Strohpuppe hielt, die er zu Aller Ergetzen sorgsam, gleich einer Kindermutter, wiegte. Jung und Alt sang in regelmässigen Absätzen laut lachend: "Eia Popeia" und sprang und lärmte dann wieder nach Herzenslust.
über diesen wunderlichen Aufzug brach der Mann auf dem Todtensteine in ein fröhliches lachen aus, ohne jedoch Miene zu machen, sich den Tumult genauer und in der Nähe betrachten zu wollen. Vielmehr behielt er seine bequeme, lauschende Stellung ruhig bei und heftete nur mit grösserer Aufmerksamkeit seine schlauen Augen auf den immer mehr anwachsenden Menschenschwarm.
Sobald der Vortrab desselben den Todtenstein erreicht hatte, holten mehrere Burschen Stahl, Stein und Schwamm aus den Taschen ihrer kurzen Jacken, schlugen Feuer an und entzündeten mitgebrachtes Werg und Heu, über dem sie schnell im Schutz des Felsen einen hell lodernden Scheiterhaufen aus dürren Reisern und Wurzeln erbauten. Um dieses Feuer stellten sich alle diejenigen, welche mit Stroh umwundene Stöcke trugen, im Kreise und setzten sie an der Flamme in Brand. Hierauf trat der junge Mann mit der Strohpuppe in den Kreis, hielt an die zahlreiche Versammlung eine kurze Rede und warf das wunderliche Wickelkind unter fröhlichem Zuruf der Menge in die knisternde Flamme. Kaum schlug die Lohe über der Puppe zusammen, als jeder Fackelträger um sich selbst zu tanzen begann, seinen Strohbrand um Kopf und Schulter schwang und in kurzen abgestossenen Sätzen wiederholt die Worte sang:
"Den Tod haben wir ausgetrieben,
Den Frühling bringen wir wieder!"
Dieser Gesang ward unter fortdauerndem Tanz, dem sich auch die bei der Handlung selbst Untätigen lustig mit anschlossen, so lange fortgesetzt, bis die Strohpuppe in ein Häufchen glimmender Asche verwandelt war. Dann warfen die Fackelträger ihre Brände teils auf die Feuerstatt, teils in nahe Klüfte des Felsens, und umtanzt und umjauchzt von den "Palmmietzeln" tragenden Kindern machten sich die vielen Hunderte, welche dem Schauspiele beigewohnt hatten, wieder auf den Heimweg.
Diese sonderbare Feier, auf welche man heute zu Tage vergeblich warten möchte, hiess das "Todaustreiben" und ward noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts an sehr vielen Orten Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Lausitz gehalten. Weil man sie seit undenklichen zeiten auf den Sonntag Lätare verlegte, nannte man diesen Tag den "Todtensonntag." Das Volk hing, wie an allem Herkömmlichen, auch an diesem uralten, jedenfalls der heidnischen Vorzeit entlehnten Gebrauche, und die Jugend freute sich auf das Verbrennen der Strohpuppe, welche den Tod vorabend. Bei den heidnischen Slawen war diese Puppe wahrscheinlich nicht ein Abbild des Todes, sondern des Winters gewesen, und das Verbrennen derselben bei Beginn des wiedererwachenden Lenzes hatte symbolisch die Wiederbelebung der natur, das Hinsterben des Winters darstellen sollen