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nahe zu kommen. Sie versteht keinen Spass. Es ist dieselbe, die meinem Hans unten am Boden, wo sie ebenfalls zwei solche Flügelschaufeln hat, den Fuss abquetschte. – Armer Hans, in dieser Nacht soll Dein Geist gesühnt werden!"

Mit angehaltenem Atem hatten unsere Freunde diesem gespräche der Brüder zugehört. Bei dem Geräusch der in Bewegung gesetzten Maschinen wagten sie zum ersten Male einige Worte mit einander zu wechseln.

"Eine eigentümliche, originelle und in gewissem Sinne grossartige Rache!" flüsterte Aurel dem Geschäftsführer zu. "An ihr erkenne ich, dass Bobersteinsches Blut in den Adern dieses willensstarken Mannes fliesst."

"Er sammelt feurige Kohlen auf das Haupt des Harterzigen," erwiderte Vollbrecht, "nicht, indem er ihm Gutes mit Bösem vergilt, sondern indem er seine Lippen zwingt, aus dem Kelch der Arbeit zu trinken und ihre Bitterkeit zu kosten. Es gibt kein besseres, kein wirksameres Mittel, Verstockte zu bekehren. Wohl bekomm' es ihm!"

"Still!" sagte Gilbert. "Auch Martel tritt an seine Maschine und lässt das Spiel der Spindeln beginnen."

Der Anblick dieser einsamen beiden Spinner in dem weiten öden saal, von flackerndem Lampenschein und bläulichem Mondlicht matt erleuchtet, hatte etwas durchaus Gespenstisches. Die blassen, knochigen, verfallenen Gesichter der beiden Brüder, die in der geistigen Aufregung, in der sie lebten, sich auffallend ähnlich sahen; ihre düstern, unheimlichen Blicke, das Zittern ihrer hände, das lautlose, schattenhafte Aufund Niederwandeln auf ein und derselben Stelle, verbunden mit dem eigentümlich schrillenden Geräusch der rastlos arbeitenden Maschinen: dies Alles machte einen unbeschreiblichen, unvergesslichen Eindruck auf die heimlichen Zuschauer. Und damit dieser Eindruck noch verstärkt werde, hörte man aus den untern Gewölben wie aus dem grab herauf ein Geräusch, als sänge eine tiefe heisere Männerstimme wilde Lieder.

Eine Zeitlang spannen die beiden Brüder ungestört fort, dann aber rissen auf Adrians Spindelflucht mehrere Fäden und er musste die Maschine hemmen. Es gelang ihm erst, nachdem der Wagen noch mehrmals aufund niedergerollt und eine Menge Fäden abgerissen waren.

"Bruder," sagte er bittend, sich mit dem seidenen Taschentuche den Angstschweiss abtrocknend, "Bruder, habe Nachsicht! ... Verzeihe mir und ... entlasse mich! Ich fühle meine Brust kaum noch ... die Augen entzünden sich ... und hindern mich deutlich zu sehen!"

"Das ist die gewöhnliche Arbeiterkrankheit, Bruder Adrian," versetzte Martell, ohne seine Maschine einzuhemmen. "Alle leiden daran, Einige kurze Zeit, Andere immerwährend, und für den Lohn, den sie für ihre Mühen erhalten, zeigt es wahrlich von Ausopferung und grosser Geduld, wenn sie dabei zufrieden bleiben. Aber schnell, schnell, sonst wird man Dir den Lohn verkürzen!"

"Habe Erbarmen!" winselte Adrian, noch beschäftigt mit ungeübter Hand die zerrissenen Fäden anzuknüpfen und die Wollflocken aus einigen gehemmten Kämmen zu zupfen. "Ich vermag nicht, mit Dir ... gleichen Schritt zu ... halten!"

"Hatte der Herr am Stein Erbarmen, als sein armer Bruder Martell darum flehte? Hatte er Erbarmen, als fünf Kinder seiner Arbeiter Hungers starben? ... Nein, er hatte kein Erbarmen! Er legte ihre gefrorenen Leichen an die Arbeitsstätten ihrer älteren und blieb gleichgiltig bei ihren Wehklagen! – Also nur vorwärts, Herr Bruder. Es gilt Deine Ehre, Dein Leben!"

Adrian raffte sich zusammen und liess die Maschine wieder spinnen. Aber von Minute zu Minute vermehrten sich seine Leiden! – Der verhängnissvolle Traum tanzte wie ein Schattenspiel vor seinen brennenden Augen auf und nieder. Er glaubte wirklich den Saal sich bevölkern zu sehen mit den grauen durchsichtigen Gestalten der Arbeiter, die für gewöhnlich ihn füllten. Sie schwebten um ihn wie ein Heer drohender Geister ... Sie grüssten ihn, winkten ihm zu, schlugen ihm Schnippchen, höhnten ihn durch lautes Gelächter! ... Ach, und auch die Spindeln der Maschinen um ihn hörte er klirren; er vernahm das Knarren und Knirschen ihrer Stahlzähne, das Rollen und Klappern der langgestreckten Wagen! ... Und die Schattenkörper standen daneben, beugten sich über die Spindeln, knüpften die Fäden, hoben Bügel, drehten Schrauben, krochen mit eingezogenen Beinen unter den haspelnden Kämmen herum und richteten – o Entsetzenihre rollenden blutigen Feueraugen alle auf ihn, auf ihn! ... Die hände des Grafen zitterten nicht mehr, sie flogen ... Sein Flehen verwandelte sich in ein schreiendes Rufen, das in dem Rauschen der Maschine erstarb ... Martell hörte ihn nicht, er wendete nur bisweilen seine kalten Flammenaugen auf ihn, nickte ihm Beifall zu und lächelte! ... Einmal hielt Martell seine Maschine an. Adrian tat dasselbe, warf sich auf seine Knie und rief:

"Erbarmen, Bruder, Erbarmen! Ich werde wahnsinnig in diesem Tross spinnender Gestalten!"

"Das macht der fliegende, geölte Wollstaub. Er täuscht und quält die armen Spinner, wenn sie sich nicht an die Luft gewöhnen können, mit sonderbaren Bildererscheinungen. Aber nur an's Werk! Die Zeit vergeht!"

Es schlug ein Uhr.

"Noch elf Stunden!" sagte Martell zu Adrian. "Für einen, der bloss zur Bereicherung seiner Kenntnisse spinnt, ein wahres Kinderspiel!"

"elf Stunden!" wiederholte Adrian und liess verzweiflungsvoll den Wagen wieder rollen. Aber seine Qualen, obwohl sie bloss